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"Ich vertraue Deutschland"
26.11.2019 - 00:00 Uhr
Berlin - Ende des Jahres geht Andreas Nachama in Ruhestand. Der Name des Historikers ist eng mit dem Berliner Dokumentationszentrum "Topographie des Terrors" verbunden. 1987 wurde die erste Ausstellung über die Räume und das Gelände von Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt in der Berliner Wilhelm- und Prinz-Albrecht-Straße gezeigt. Nachama sagte einmal: "Am liebsten sind uns Besucher, die mit mehr Fragen gehen, als sie gekommen sind." Nun zieht er im Interview mit BT-Redakteur Dieter Klink Bilanz - und sagt, warum er Deutschland vertraut.

BT: Herr Nachama, in der deutschen Erinnerungskultur zum 9. November scheint der Berliner Mauerfall das Gedenken an die Reichspogromnacht zu überlagern. Teilen Sie diesen Eindruck und macht Ihnen das Sorge?

Andreas Nachama: Nein, das ist nicht mein Eindruck. Letztes Jahr war es ja ein anderer Jahrestag, da stand die Reichspogromnacht im Vordergrund. So ist das eben im Kalender. Runde Jahrestage stehen im Vordergrund. Mich beunruhigt das nicht. Der 9. November ist der Schicksalstag der Deutschen, so hat es die Kanzlerin einmal formuliert. 1918 die Ausrufung der Republik. 1923 der Feldherrenhallenmarsch von Hitler und Konsorten in München. 1938 die Pogromnacht. 1939 das Attentat von Georg Elser auf Hitler. Und dann 1989 der Mauerfall. Sie können mit dem 9. November den Deutschen das ganze 20. Jahrhundert erklären.

BT: Dennoch: Das Gedenken an die Pogromnacht sei zu ritualisiert, monieren manche.

Nachama: Gedenkfeiern vor Ort sind sehr unterschiedlich. Mal ist es eine Schule, die erinnert, mal wird ein Stolperstein verlegt, mal gedenkt man am Platz, wo früher die Synagoge stand. Gedenken ist sehr unterschiedlich in der Ausformung. Vielleicht sind die großen Feiern in Berlin oder im Bundestag ritualisiert, aber das gilt für alle Ereignisse, denen gedacht wird. Eigentlich hat es sich bis jetzt bewährt. Als am 8. Mai 1995 der 50. Jahrestag der Befreiung gefeiert wurde, sagten viele: Das ist das letzte Mal, danach findet nichts mehr statt. Aber seitdem sind viele Erinnerungsorte und Gedenkstätten neu hinzugekommen. Die Kritiker hatten damals Unrecht und sie haben es auch heute. Die NS-Vergangenheit brennt uns allen immer noch unter den Nägeln.

BT: Welche Bilanz ziehen Sie nach so langer Zeit an der Spitze des Erinnerungsorts "Topographie des Terrors"?

Nachama: Zunächst einmal erwähne ich die Besucherzahlen. 1987/88 waren wir froh, wenn wir in die Nähe von 100 000 Besuchern gekommen sind. Heute sind es 1,3 Millionen pro Jahr.

BT: Womit hat das zu tun?

Nachama: Die Eröffnung 1987 war noch in West-Berlin. In Berlin war alles viel kleiner. Berlin stand nicht so sehr im Fokus. Als der Neubau geplant wurde, dachten wir an bis zu 500 000 Besuchern. Das Interesse ist groß, auch international betrachtet. Selbst wenn man davon ausginge, dass nur 25 Prozent der Besucher aus Berlin beziehungsweise dem S-Bahn-Ring kommen, ist das immer noch eine große Zahl - mehr, als wir anfangs erhofft hatten.

BT: Worauf legen die Besucher heute ihr Hauptaugenmerk. Was hat sich verändert?

Nachama: Die Besucher wollen heute Strukturen erkennen. Sie wollen wissen, wie so etwas wie der NS-Staat möglich war. Was waren das für Menschen, die an der Spitze des Reichssicherheitshauptamts standen? Nun, es waren die Jahrgänge 1900 bis 1910, Sie hatten studiert, zum Teil waren sie sogar promoviert. Es waren also Leute, die genau wussten, was sie taten. Man sagt immer, Bildung sei eine Impfung gegen Rechtsradikalismus. Aber das ist nicht der Fall. Auch gebildete Leute können solchen Ideologien erliegen.

BT: Was kann man aus den Strukturen der 20er und 30er Jahre für heute lernen?

Nachama: Man kann lernen, was man auch aus den Auseinandersetzungen am "Schwarzen Donnerstag" um Stuttgart 21 lernen konnte: Polizeiliches Handeln muss zu allen Zeiten von unabhängigen Gerichten kontrollierbar sein. Die Botschaft der Gestapo war ja: Wir können tun und lassen, was wir wollen, niemand kontrolliert uns. Und heute ist es so: Wenn ein Polizist unangemessen die ihm gegebene Gewalt ausübt, prüft ein Gericht die Rechtmäßigkeit der Vorgehensweise und dann ergeht gegebenenfalls ein entsprechendes Urteil. Polizeiliches Handeln unterliegt der unabhängigen Kontrolle durch Gerichte.

Interview

BT: Darum geht es Ihnen bei der "Topographie des Terrors"?

Nachama: Unter anderem. Jeder internationale Besucher unserer Ausstellung kann mit diesem Maßstab überprüfen, wie es in seinem Land aussieht: Wird dort polizeiliches Handeln kontrolliert und sind alle Menschen vor Gericht gleich oder nicht? Im Nahen Osten zum Beispiel fehlt es an politischer Stabilität, weil genau diese Kriterien nicht eingehalten werden.

BT: Wie hat der Anschlag von Halle das Leben für Juden in Deutschland verändert?

Nachama: Ich glaube, der Schreck über den Anschlag sitzt tief in den Knochen - und zwar allen, Juden wie Nicht-Juden. Eine Gesellschaft ist immer nur so frei, wie es die Schwächsten in der Gesellschaft sind. Wir haben die Morde des NSU erlebt und viele Pannen, die sich die Sicherheitsbehörden im Fall Anis Amri geleistet haben. Das alles immer auf Einzeltäter zu schieben, ist fragwürdig, denn wer weiß, was in den nächsten Jahren noch alles herauskommt. Polizeiliche Aufklärung und Prävention gegen Rechtsterror-Netzwerke müssen in Deutschland deutlich effektiver werden.

BT: Was ging Ihnen persönlich durch den Kopf, als Sie vom Anschlag in Halle hörten? Dachten Sie: Es geht wieder los?

Nachama: Nein. In dieser Gesellschaft gibt es viele Risiken, klar. Es gibt Menschen, die sich nicht auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung bewegen. Eine Gesellschaft, die Mord und Totschlag zulässt, ist am Ende. Aber das ist doch in Deutschland nicht der Fall. Ich vertraue Deutschland. Ich vertraue darauf, dass Politik und Gesellschaft erkennen und pflegen, was unsere Gesellschaft zusammenhält.

BT: Sie vertrauen der deutschen Gesellschaft auch nach Jahrzehnten der Beschäftigung mit den NS-Verbrechen?

Nachama: Ja. Es ist doch nicht so, dass wir eine Gesellschaft wären, die in sich verfeindet ist. Wir haben eine schärfere politische Debatte, das stimmt, aber das führt doch nicht dazu, dass ich meinen Nachbarn fürchten müsste.

BT: Muss Deutschland mehr gegen Antisemitismus tun? Lauter werden? Reichen Mahnwachen vielleicht nicht?

Nachama: Die politisch Verantwortlichen vom Kreistag bis zum Bundestag müssen den gesellschaftlichen Konsens wiederherstellen: Es geht nicht gegeneinander, sondern nur miteinander. Das war das Erfolgsrezept von 1950 bis in die Gegenwart. Und immer da, wo dieser Konsens brüchig wird, ist die gesamte Gesellschaft in Gefahr, nicht nur die Juden. Alle sind sich dessen bewusst. Ich fühle mich bei meinen nicht-jüdischen Freunden jedenfalls in guter Gesellschaft.

BT: Im Januar übernimmt Ihre Nachfolgerin Andrea Riedle die Stiftung. Was ist Ihr Wunsch an sie?

Nachama: Dass die Topographie des Terrors ein Ort der Täter bleibt, wo man versucht, sachlich zu analysieren, welche Strukturen in unterschiedlichen Ländern und Situationen dazu geführt haben, dass sich diese zwölf Nazi-Jahre 1933 bis 1945 ereignen konnten.

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