https://www.badisches-tagblatt.de/spielerwahl/index.html
"Städte ersticken am Verkehr"
02.01.2020 - 08:01 Uhr
Berlin - Der Verkehrskollaps ist in vielen Kommunen schon Realität. Nach Ansicht des Hauptgeschäftsführers des Deutschen Städtetages, Helmut Dedy, muss es künftig weniger Autos in den Innenstädten geben. Über eine City-Maut und höhere Gebühren für das Anwohnerparken sollte nachgedacht werden, so Dedy im Gespräch mit unserem Berliner Korrespondenten Hagen Strauß.

BT: Herr Dedy, ist die Verkehrswende in den deutschen Städten eingeleitet?

Helmut Dedy: Ja, in den Kommunen hat sich bereits viel verändert. Auch im Denken: Die Städte bekennen sich inzwischen zur Verkehrswende, und das spiegelt sich auch in ihren Planungen wider.

BT: Trotzdem hat man eher den Eindruck, dass das Chaos zunimmt.

Dedy: Keine Frage, wer unterwegs ist, erlebt auf der Straße immer wieder problematische Situationen. Es gibt Städte, die ersticken am Verkehr. Deswegen müssen wir vielfältiger, nachhaltiger und moderner werden. Wir brauchen mehr Radverkehr, mehr Elektromobilität, einen attraktiven ÖPNV und vor allem eine bessere Vernetzung der einzelnen Verkehrsträger. Und: Wir müssen mehr in Regionen denken und handeln, über Stadtgrenzen hinaus.

BT: Haben einige Kommunen nicht auch Entwicklungen verschlafen - zum Beispiel den Trend zum Rad?

Dedy: Das würde ich so nicht sehen. Deutschland ist ein ziemlich autoorientiertes Land. Das kann man kritisieren, noch ist es aber so. Seit einigen Jahren wird jedoch in vielen Städten umgebaut. Öffentliche Räume sind mehr als Parkplätze. Wir brauchen mehr Räume für Menschen.

BT: Heißt das, Autos raus aus den Innenstädten?

Dedy: Perspektivisch wird es weniger Individualverkehr mit Autos in den Städten geben müssen, dafür mehr Mobilität auf der Schiene, im Bus, auf dem Fahrrad und zu Fuß. Das Verhältnis zwischen Autos und den übrigen Verkehrsmitteln muss neu austariert werden. Einfach jeden herkömmlichen Pkw durch ein Elektroauto zu ersetzen, hilft uns da nicht.

BT: Wie wäre es mit einer City- oder Innenstadtmaut?

Dedy: Der Städtetag will keine bundesweiten neuen Abgaben. Aber eine Stadt, die eine City-Maut erheben will, soll das machen können. Auch eine Nahverkehrsabgabe wäre denkbar, in Wien zum Beispiel zahlen die Arbeitgeber dafür. Doch dafür bedarf es Änderungen im Bundes- und im Landesrecht.

Interview

BT: Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat ja mit seinem sogenannten Bündnis für Mobilität den Kommunen mehr Befugnisse zugesichert. Hat er sein Versprechen gehalten?

Dedy: Ich sage es mal so: Der Minister ist dabei, zu liefern. Der Bund muss sagen, wir vertrauen darauf, dass die Städte vor Ort vernünftige Entscheidungen treffen. Das gilt auch bei der Straßenverkehrsordnung. Wir brauchen die Möglichkeit, Umweltspuren einrichten und beschildern zu können. Wir müssen den grünen Pfeil für Radfahrer ausprobieren dürfen und wir benötigen mehr Spielräume, die Geschwindigkeit in Städten festlegen zu dürfen. Das gleiche gilt auch für die Kosten des Bewohnerparkens. Damit das geht, muss einiges neu geregelt werden.

BT: Was schwebt ihnen beim Anwohnerparken vor?

Dedy: Öffentlicher Raum ist knapp, er hat einen Wert. Die Städte müssen dem einen Preis geben können. Ein Bewohnerparkausweis für ein Jahr darf heute nicht mehr als 30 Euro kosten. Das deckt oft noch nicht einmal den Verwaltungsaufwand der Städte für Schilder und die Ausweise. Hier sollte ein Rahmen von 20 bis 200 Euro möglich sein.

BT: Die Anwohner werden sich vermutlich bedanken.

Dedy: Verkehrspolitik ist immer emotional. Aber wir müssen die Verkehrswende so gestalten, dass mehr Menschen aufs eigene Auto verzichten. Und die Menschen wollen auch Freiräume. Deshalb müssen wir den Verkehr in den Städten anders gestalten können - den fließenden, den ruhenden und den öffentlichen Verkehr. Letztlich geht es um mehr Lebensqualität für die Menschen.

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Baden-Baden
Zu wenig Wohnraum für Behinderte

02.01.2020
Gespräch mit Markus Tolksdorf
Baden-Baden (up) - Am 1. Oktober hat Markus Tolksdorf bei der Lebenshilfe das Amt des Geschäftsführers übernommen. Der 57-Jährige erreicht damit im Januar die ersten 100 Tage seiner Amtszeit. Aus diesem Anlass hat das BT ein Gespräch mit ihm über seine Eindrücke geführt (Foto: up). »-Mehr
Muggensturm
Felddiebe werden mit vollem Namen bekannt gegeben

02.01.2020
Entbehrungsreiche Nachkriegszeit
Muggensturm (red) - Mit Erinnerungen an die entbehrungsreichen Nachkriegsjahre endet die BT-Serie über die Geschichte Muggensturms. Es handelt sich um auszugsweise Veröffentlichungen aus dem historischen Lesebuch "Tradition durch Erinnerung" von Dr. Christian Jung (Foto: red). »-Mehr
Baden-Baden
Gute Startbedingungen für Anleger

31.12.2019
Finanzmärkte im Fokus
Baden-Baden (red) - Für Anleger glichen die vergangenen zwölf Börsenmonate einer Achterbahnfahrt - mit einem am Ende positiven Ausgang. Aber wie sind die Aussichten für 2020 an den Finanzmärkten? Vielversprechend, wenn auch nicht ohne Risiken, sagen Experten (Foto: dpa). »-Mehr
Heidelberg
In schöner Regelmäßigkeit

30.12.2019
Strom wird wieder teurer
Heidelberg (dpa) - Zum Jahreswechsel wird für Millionen Haushalte in Deutschland der Strom teurer. Nach Angaben des Vergleichsportals Verivox haben 506 der insgesamt 820 örtlichen Stromversorger Preiserhöhungen von durchschnittlich sechs Prozent angekündigt (Foto: dpa). »-Mehr
Gaggenau / Gernsbach
CDU-Verbände lehnen die Elektro-Teststrecke ab

30.12.2019
CDU-Ortsverbände gegen eWay
Gaggenau/Gernsbach (red) - Die Ortsverbände der CDU in Gernsbach und Gaggenau freuen sich, dass auf einen Teil der Elektro-Teststrecke verzichtet wird. Die Lokalpolitiker fordern nun, die "Steuerverschwendung" mit dem eWay (Foto: Siemens) auf der B462 komplett sein zu lassen. »-Mehr
Ort des Geschehens
Größere Google Karte
Umfrage

An diesem Wochenende ruft der Naturschutzbund Deutschland zur Wintervogel-Zählung auf. Werden Sie sich an der Aktion beteiligen?

Ja.
Nein.

Wetter in Mittelbaden


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1