In den Fängen des Establishments

In den Fängen des Establishments

Von Gisela Brüning

London 1944: Während draußen der Zweite Weltkrieg tobt und deutsche Bomben und Raketen über der Stadt niedergehen, ist in der Villa Fletcher von den Kampfhandlungen nichts zu spüren. Goldene Wandbespannung, üppige Polstermöbel und eine reichbestückte Hausbar weisen die Bewohner als den "gehobenen Kreisen" zugehörig aus. Dieses Ambiente ist nach dem Willen von Regisseur Benjamin Hille und der Realisierung durch Hannes Hartmann der pompöse Rahmen für spezielle Kampfhandlungen auf der Bühne des Theaters Baden-Baden, das mit der deutschsprachigen Erstaufführung der Komödie "Herzsprünge" von Terence Rattigan Premiere feierte.

Im Kreuzfeuer einer ziemlich kranken Symbiose von Mutter Olivia Brown (Nadine Kettler) mit Sohn Michael (Simon Mazouri) und dem zweiten Gatten in spe, treten Konflikte auf, die zwei scheinbar unvereinbare Welten aufeinanderprallen lassen. Nachdem der Exmann von Olivia, ein erfolgloser Zahnarzt, vor drei Jahren verschied, der Sohn nach Kanada vor den Kriegswirren in Sicherheit gebracht worden war, führte das Schicksal die mittellose Witwe mit dem einflussreichen Politiker und Stahlmagnaten (Sebastian Mirow) zusammen. Schnell akklimatisiert sich die - zunächst "nur" Geliebte - in den Jetset- und Möchtegern-Jetset-Kreisen.

Swing und Drinks gehören zum neuen Lebensstil, den Nadine Kettler mit Charme, Naivität und Harmoniebesessenheit, ständig am Telefon antichambrierend, bezaubernd nuancenreich spiegelt. Sehen und gesehen werden funktioniert nur, wenn man möglichst bedeutende Prominente um seine Dinner-Tafel versammeln kann. Man hat als Zuschauer dabei das Gefühl, selbst solche Leute zu kennen, die allerdings nicht besonders sympathisch sind. Das ist schon der erste Pluspunkt für das Ensemble, das sich überzeugend mit Herzblut in seine Rolle stürzt. "Sprünge" sind zunächst nicht erkennbar, abgesehen von zirzensischen Einlagen, die sich der Sohn aus der Fremde und der "Neue" gelegentlich leisten.

Mutter Olivia, die immer noch Michael als Klein-Michi behandelt, steht vor dem Dilemma, dem zornigen Antifaschisten die jüngsten Entwicklungen bislang vorenthalten zu haben. Der Sohn reagiert aggressiv und setzt seine progressiv-linken Argumente gegen die John Fletchers ein, beschimpft ihn als "üblen Reaktionär und senilen alten Knacker". Olivia zieht alle Register, um den Konflikt zu entschärfen, wobei sie ihren Sohn stets in Schutz nimmt. Dieser ödipalen Allianz sieht sich der Hausherr zunehmend wehrlos gegenüber, obgleich er diese Frau liebt - und auch geliebt wird. Seine Ideologien in glühenden Ansprachen verteidigend, will Michael die Mutter für sich zurückgewinnen.

Derweilen schwingt der Politiker (Mirow) Reden, die an Loriot erinnern und auch an eine sinnentleerte Diskussionskultur realer Politiker, mit vielen Worten nichts zu sagen. Die Entscheidungsschlacht um Olivias Liebe scheint der Sohn zu gewinnen. Doch nach dem Eklat geht es vom Grandhotel in ein ziemlich abgewracktes Zuhause.

Hier trifft man auch den einst so distinguierten Butler Polton wieder, der die Metamorphose zur Krimischriftstellerin Patricia Wentworth mit einem desillusionierenden Strip in der billigen Unterkunft beendet. Warum Patrick Wudtke seinen höchst ansehnlichen Body, nur mit einem Feinripp-Slip (Kostüme Leonie Mohr) geschützt, ewig lang der Kälte aussetzen muss, während im Obergeschoss die Fetzen fliegen, dient lediglich der Milieustudie. Über Polton alias Wudtke spielen sich inzwischen dramatische Ereignisse ab, die möglicherweise Herzsprünge verursachen. Ganz sicher bei Olivia, die sich nur schwer mit der ärmlichen Existenz abfinden kann. Auch Michael könnte einen Sprung im Herzen spüren, weil ihm die erste Mrs. Fletcher übel mitspielt, denn Lilli Lorenz beweist schonungslos, dass sie sich durchaus mit Fletchers Reichtum allein arrangiert hätte. Ganz besonders aber hat der Entzug seiner großen Liebe John getroffen, der sich todesmutig in die Schlacht stürzt. Ob er - wie mehrmals zitiert wird - Hamlets "Nicht Sein" folgt, oder eher am 10. November, dem 535. Geburtstag des ebenfalls zitierten Luthers, da "steht, weil er nicht anders kann", wer weiß?

Es handelt sich wie gesagt, um eine Komödie. Es wird gelacht, besonders wenn aktuelle Vergleiche ins Schwarze treffen. Kern des Ganzen aber ist der Beweis, dass Macht und Geld korrumpieren, auch jene, deren hehre Ideale sich angesichts lohnender Vermögenszuwächse nachvollziehbar relativieren.

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