Industrie und Artenvielfalt keine Gegensätze

Industrie und Artenvielfalt keine Gegensätze

Von Florian Krekel

Rastatt - Große Hallen, laute Maschinen, Roboter und manchmal der Geruch von heißem Öl. So laufen Werksbesichtigungen für Ministerpräsident Winfried Kretschmann normal ab. Doch gestern im Rastatter Benzwerk durfte sich der Landesvater mal ganz in seinem Element - im Grünen - bewegen. Und das wusste der bald 71-Jährige dann auch direkt für eine seiner fast staatstragenden Ansprachen zu nutzen.

Denn eigentlich ging es um ein Biodiversitätsprojekt von Daimler zum Schutz der Artenvielfalt - und das erfuhr auch einiges an Lob durch Kretschmann. Doch nutzte der Ministerpräsident die Gelegenheit, um den Bogen auf die ganz große politische Ebene zu schlagen und zitierte in seiner unnachahmlichen Art dabei erst einmal den Philosophen Arthur Schopenhauer mit dem Satz: "Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen."

Die Menschen hätten kein Recht, so Kretschmann, die natürliche Vielfalt zu zerstören. Lange habe man davor die Augen verschlossen, lange habe sich die Industrie nur auf Kosten der Natur ausgebreitet. Es sei dringend notwendig, diese Entwicklung zu stoppen angesichts des immer weiter voranschreitenden Artensterbens, dem 130 Arten pro Tag zum Opfer fielen. "Die Wirtschaft muss von der Naturzerstörung entkoppelt werden." Das zu schaffen sei Aufgabe eines Hightechstandortes wie Baden-Württemberg, der seinen Wohlstand aus der Industrie und aus der Natur gewinne.

Das Projekt in den Benzwerken Rastatt und Gaggenau nehme dabei eine Vorreiterrolle ein. In mehreren Schritten hatte der Automobilkonzern zusammen mit dem Naturschutzbund NABU in Summe 2,3 Hektar Fläche auf seinen Werksgeländen naturnah gestaltet, etwa durch das Nachbilden einer Flussuferlandschaft, aber auch durch kleinere Dinge wie Nistkästen und das Anlegen von Blumenwiesen sowie Versteck- und Lebensmöglichkeiten für Insekten. Gestern nun besichtigte Kretschmann das neueste Projekt, einen Umwelterlebnispfad rund um das Betriebsrestaurant kurz hinter dem Werkstor 1 in Rastatt.

Der sieht auf den ersten Blick aus wie ein ungepflegter Garten, ist aber ein Paradies für Vögel und Insekten: Totholz, Wiesen mit hohen Gräsern und vielen Wildblumen und auch hier Nistkästen. Das Totholz, so erläutert Martin Klatt vom NABU, biete Insekten einen Lebensraum, diese wiederum dienten als Nahrungsquelle für Vögel: Das zeige, dass selbst auf dem begrenzten Gelände rund um die Kantine eine Abfolge von Lebensgemeinschaften möglich sei. Besonderes Augenmerk hat der NABU bei seiner Unterstützung auf Lebensräume der bedrohten Wildbienen gelegt. Und der Erfolg, so zog der Landesvorsitzende Johannes Enssle Bilanz, könne sich durchaus sehen lassen. Auf der ersten, im Jahr 2012 umgewandelten Fläche "haben unsere Insektenkundler erstaunliche 64 Bienenarten nachgewiesen". Darunter waren auf der untersuchten Rastatter Fläche nach seinen Worten sogar 22 Arten, die auf der Roten Liste stehen. Kretschmann mahnte angesichts dieses Erfolgs dazu, dass mehr Unternehmen dem Beispiel von Daimler folgen sollten. Dies würde den Artenschutz massiv voranbringen, sagte er.

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