Die Lebensart der Gammertinger

Die Lebensart der Gammertinger

Von Georg Patzer

Die ganze Bühne hängt voller Wäsche, leichte, dünne Kleidchen auf drei Leinen. Ein Lied aus dem Lautsprecher: "Es wurden Arbeiter gerufen, doch es kamen Menschen an... Gastarbeiter!" Dann kommen drei Frauen auf die Bühne. "Stopp! So geht das nicht", ruft der Regisseur. Die Frauen sind verwirrt: "Was ist los? Was haben wir falsch gemacht?" Bis der einen die Erleuchtung kommt: "Ach, wir müssen ja Kopftücher anziehen."

Also noch einmal von Anfang. Der Regisseur überbrückt die Pause, spielt etwas auf der Gitarre, ein Lied, das seine Mutter ihm immer vorgesungen hat. Dann kommen die drei Frauen wieder auf die Bühne. Mit schwarzen Perücken. Ohne Kopftücher. Denn: "Meine Mutter hat nie ein Kopftuch getragen", sagt der Regisseur nachdenklich. "Meine auch nicht", bekräftigen die drei Frauen.

Im Rahmen der Baden-Württembergischen Theatertage hat das Theaterhaus Stuttgart "Die deutsche Ayse" von Tugsal Mogul im SWR-Studio 5 aufgeführt. Es erzählt von drei türkischen Frauen aus der ersten Einwanderergeneration. Alle drei heißen Ayse, werden nach Deutschland gelockt, mit wunderbaren Versprechungen, einem Leben voller Reichtümer.

Sie wollen arbeiten gehen und dann schnell wieder zurückkehren. Und staunen über das fremde Land, die Kittelschürzen der Frauen und die seltsame Sprache, zumal auf der Schwäbischen Alb: "Ich war mir sicher, ich kann Deutsch", erzählt eine Ayse. "Aber diese Gammertinger sprachen eine ganz andere Sprache". Aber dann bleiben sie doch: Ihre Kinder sollen es einmal besser haben. Aber da auch Deutschland meinte, sie würden bald wieder in ihre Heimat zurückgehen, gibt es keine Versuche, sie zu integrieren.

Und so bleiben sie fremd: "Mama, mach mal die Kühlschranktür auf und jetzt die Tür vom Tiefkühlfach, nimm das ganze Fleisch und Eis da raus und stecke jetzt mal deinen Kopf da hinein und bleibe eine Minute in dieser Position: So kalt ist Deutschland."

Drei Lebensläufe erzählen die drei Schauspielerinnen Larissa Ivleva, Katja Schmidt-Oehm, Esra Ugurlu, unterstützt von ihrem "Regisseur" Yavuz Köroglu, der auch einen türkischen Mann und Ayses Vater spielt. Sie sind zwischen 20 und 35 Jahre alt, mit verschiedener Bildung (eine zitiert Goethe: "da steh ich nun, ich Amateur ...", eine andere singt Schillers "Ode an die Freude"), da ähneln sich die Szenen. Und in der Türkei war es nicht einmal besser: Die eine wollte Jura studieren, die andere Medizin - die eine wurde Übersetzerin für die Polizei, der anderen gestattete ihr Vater huldvoll, Schneiderin zu werden, aber nur privat.

Eine intelligente und witzige Form der Auseinandersetzung mit Vorurteilen, Fremdheit, Integrationswillen und Ablehnung hat Janet Stornowski mit den drei blonden Frauen inszeniert, so anregend, dass die Aufführung zweimal durch Szenenapplaus unterbrochen wurde.

In kleinen Spielszenen werden die Schicksale der "Gastarbeiter" lebendig, ihre Lebensfreude, ihre Sorgen und die Versuche, sich immer wieder einzurichten. Der Schlussmonolog der vier Schauspieler wurde auf Türkisch gesprochen, und da merkte man im Publikum selbst, wie sich die Türken hier fühlten, als sie nichts verstanden.

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