Ein Kosmos mit vielen Sternen

Ein Kosmos mit vielen Sternen

Von Rainer Braxmaier

"Kosmos Oberrhein" heißt die jüngste Ausstellung im Museum Hurrle in Durbach bei Offenburg - eigentlich ein etwas weltumspannender Titel für die begrenzte Region des Dreiländerecks. Doch wenn man die Dimension des Unterfangens erfasst hat, wird man bestätigen: Insgesamt 280 Werke von 128 Künstlern ergeben zumindest ein Kaleidoskop, das die Vielfältigkeit des künstlerischen Schaffens in dieser Kulturlandschaft belegt. Zudem bildet sich ein Sammlungsschwerpunkt des Museumsgründers Rüdiger Hurrle ab. Schon, als der noch in der damaligen Rheumaklinik in Baden-Baden seinen Lebensmittelpunkt hatte, rief er die Ausstellungsreihe "Profile der Kunst am Oberrhein" ins Leben, die er bis heute auch in Durbach fortsetzt. Gleichzeitig mit dem "Kosmos Oberrhein" stellt die Reihe den Freiburger Maler Bert Jäger vor, der vor 100 Jahren geboren wurde.

Naturgemäß ist eine derart komplexe Sammelausstellung immer anfällig für Kritik. Wer fehlt zur Vollständigkeit, wo sind die Schwerpunkte gesetzt, wie realistisch ist die Szene abgebildet? Als private Institution ist das Museum schnell aus der Schusslinie, denn die Auswahl spiegelt die Vorlieben ihres Mäzens wider. Rund ein Drittel der Exponate sind im Besitz der Sammlung Hurrle. Mit Ausstellungskurator Germain Roesz, selbst Maler und Schriftsteller und bis vor kurzem Professor an der Universität Straßburg, hat sich Rüdiger Hurrle einen intimen Kenner der Szene ins Haus geholt. Dazu Dauerberater Axel Heil, Professor an der Karlsruher Akademie und Betreuer der Reihe "Profile der Kunst am Oberrhein", und die Museumsleiterin Katrin Hesse. Das garantiert eine persönliche und reibungsvolle Auswahl - einen Kosmos mit Profil. Diese assoziative Reihung erlaubt sogar, das Zeitfenster der Präsentation mit einem Werk des Renaissancemalers Martin Schongauers zu öffnen. Danach aber liegt der Fokus auf der Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart.

Die Quintessenz der Ausstellung lautet: Der Rhein trennt nicht die Kunst Badens, des Elsass und der Nordschweiz, er verbindet sie. Es dominiert - und dafür dient die Präsentation Bert Jägers wie ein Startpunkt - eine kräftige, vehement gestische Malerei. Stille Beiträge, wie die kleinen grauen Formate von Mireille Gros aus Basel, drohen dabei unterzugehen, ebenso wie die Bildhauerei eher als Randerscheinung wahrgenommen wird - ausgenommen das lichtdurchflutete "Prachteck" am Wendepunkt des Rundgangs, das von den "Schrottobjekten" des Straßburgers Daniel Depoutot kongenial besetzt wird.

Und es gibt natürlich persönliche Schwerpunkte: Der vor wenigen Monaten gestorbene Zeichner Tomi Ungerer - eine singuläre Erscheinung in seinem politischen und erotischen Engagement - hat einen eigenen Saal bekommen mit wunderbaren Einfällen zu deutsch-französischen Verhältnissen. Das "Wohnzimmer" des Museums blieb ebenfalls unangetastet; der einzigartige Raum mit den großformatigen Bildern von Dieter Krieg blüht angesichts der oberrheinischen Umgebung geradezu auf; in Sichtweite ein Holzschnitt von HAP Grieshaber, bei dem der in Baden-Baden aufgewachsene Künstler einst studierte. Ebenso gut fügt sich die Serie der "Piccolo"-Bilder von Rolf-Gunter Dienst am vertrauten Platz in den gesamten Parcours ein.

Letztlich ist es die Vielfalt der Aspekte, welche die Qualität der Ausstellung ausmacht. Der Kosmos hat viele Sterne; es braucht Zeit, sie zu entdecken: Die beiden schönen Antes-Bilder zum Beispiel, Simone Demandts Garagenblick, die rätselhaften Kombinationsbilder von Agnes Märkel aus Karlsruhe, Carine Doerflingers weiche Wandinstallation im Badezimmer-Look, das riesige virtuelle Porträt von Till Freiwald. Preziosen auch aus der Schweiz, die Serie von Kohlezeichnungen von Miriam Cahn und der viel zu früh verstorbene Martin Disler, der das Grab von Jim Morrison besucht hatte. Angesichts der vielen gelungenen Einzelbeiträgen stellen sich konzeptuelle Fragen letztlich nur am Rande. Zeit, sich den "Kosmos Oberrhein" zu erobern, ist bis zum 13. Oktober.

zurück
1