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Auf der Suche nach besonderen Momenten
Angelika Schindler und Petra Mallwitz nehmen ein neues Plakat für ihren Workshop in Augenschein. Foto: Reith
14.03.2018 - 00:00 Uhr
Baden-Baden - Mit einem Schreibprojekt wollen Petra Mallwitz und Angelika Schindler vom Arbeitskreis Stolpersteine die Aktion "Baden-Baden liest ein Buch" über Gerhard Durlacher und sein Werk "Ertrinken" hinaus ausweiten. Im Gespräch mit BT-Redakteurin Sarah Reith berichten sie von ihrer Idee, die Fluchtgeschichten von Baden-Badenern in den Fokus zu rücken.

Interview

BT: Im Rahmen ihres Projekts sammeln Sie die Geschichten von Menschen, die eine Flucht hinter sich haben. Wie kamen Sie auf die Idee?

Angelika Schindler: Uns ist es ein Anliegen, dass sich Menschen bei solch einem Projekt selbst einbringen können. So kam mir der Gedanke, "Baden-Baden liest ein Buch" durch "Baden-Baden schreibt ein Buch" zu ergänzen. Welche Form das haben könnte, das haben Petra Mallwitz, Ulla Hocker und ich dann gemeinsam überlegt - auch ausgehend von Gerhard Durlacher, der ja selber viele Jahre lang seine Erinnerungen in den "Panzerschrank seines versunkenen Gedächtnisses verbannte", der aber später doch das Erinnern und das Schreiben brauchte.

Petra Mallwitz: Ich fand es sofort überzeugend, zu sagen: Es gibt nicht nur Menschen wie Gerhard Durlacher, die in Baden-Baden ausgegrenzt wurden und fliehen mussten, sondern es gibt auch andersherum Menschen, die hier eine Heimat gefunden haben, nachdem sie in ihren Ländern ausgegrenzt wurden oder fliehen mussten.

BT: Wie werden diese Geschichten zu Papier gebracht?

Mallwitz: Uns ist es wichtig, dass die Menschen nicht nur im stillen Kämmerlein schreiben, sondern dass sie sich kennenlernen. Dazu bieten wir über das ganze Jahr verteilt Workshops an. Wir versuchen zunächst, durch verschiedene Übungen einen Raum zu schaffen, in dem man sich öffnen kann und in dem die Teilnehmer sich trauen, ihre Geschichte zu erzählen, aufzuschreiben und sich gegenseitig vorzulesen.

BT: Schreiben die Teilnehmer dabei ihre komplette Fluchtgeschichte auf?

Mallwitz: Nein. Jeder könnte zwar mit seinen Erlebnissen alleine ein ganzes Buch füllen, aber das würde den Rahmen eines Schreibprojektes sprengen. Hier sollen die Geschichten nicht länger als 1,5 DIN-A4-Seiten sein. Deshalb suchen wir in den Workshops immer nach einem besonderen Moment - einem sehr emotionalen Moment, der besonders viel über die Fluchtgeschichte ausdrückt. Es kann der Augenblick der Entscheidung, das Land zu verlassen, oder der des Abschieds sein, ein Moment der Flucht oder des Ankommens.

Schindler: Dabei zeigt sich immer wieder: Es gibt ganz viele kleine, vermeintlich belanglose Situationen, die sehr aufschlussreich sind. Allein die Überlegungen, was nehme ich denn mit, verraten viel.

BT: Einen Workshop haben Sie bereits absolviert. Wie lief das?

Mallwitz: Es war für uns alle sehr bewegend. Für viele Teilnehmer ist es erst einmal eine Überwindung, zu den Workshops zu kommen. Sie mussten nach vorne schauen, haben teilweise ihre Fluchtgeschichte im hintersten Winkel ihrer Erinnerung vergraben. Gleichzeitig ist es für sie ein Lebensthema. Deshalb bewegt es sie sehr, diese Geschichte zu erzählen und aufzuschreiben.

Schindler: Und anderen zuzuhören. Es ist für die Teilnehmer eine wichtige Erfahrung, dass andere in einer genauso existenziellen Situation waren, und mitzubekommen, wie sie das erlebt haben.

BT: Was ist denn bisher die größte Schwierigkeit bei dem Projekt?

Mallwitz: Am schwersten ist es, einen einzelnen Moment aus der Lebensgeschichte auszuwählen. Schwierig ist auch: Wir haben einen Anspruch an eine gute Geschichte. Irgendwann gibt es im Workshop die Frage: Was kann man sprachlich verbessern, wie kann es noch anschaulicher werden? Da muss auch mal jemand schlucken, aber wir versuchen das so zu machen, dass die Teilnehmer das gut annehmen können.

Schindler: Die Workshops sind zweiteilig angelegt: Im ersten Teil finden die Teilnehmer ihren Moment, den sie schildern möchten, dann haben sie zwei Wochen Zeit, um zu schreiben. Wenn sie sich dabei unsicher sind, dürfen sie uns zwischen den Terminen auch ansprechen und wir geben Hilfestellung. Im zweiten Teil des Workshops liest man sich die Geschichten gegenseitig vor, bekommt ein Feedback.

BT: Suchen Sie noch Teilnehmer für die Schreib-Workshops?

Mallwitz: Unbedingt. Wir freuen uns sehr, wenn sich noch viele Menschen melden.

BT: Und wer darf mitmachen?

Mallwitz: Die Teilnehmer sollten - egal in welcher Zeit, sei es 1945 oder 1961 oder 1979 et cetera - aus irgendeiner Not heraus ihr Land verlassen haben. Die Ursache für die Flucht muss aber nicht unbedingt politische Verfolgung sein.

Schindler: Und es dürfen gern auch Kinder von Menschen teilnehmen, die fliehen mussten. So eine Fluchterfahrung lebt ja manchmal in der nächsten Generation weiter. Selbst Kinder von Flüchtlingen aus Ostpreußen, die hier geboren wurden, mussten sich noch lange als "Flüchtlingskinder" bezeichnen lassen.

BT: Die Fluchtgeschichten sind sehr vielfältig. Was verbindet sie?

Mallwitz: Die Geschichten sind wirklich sehr unterschiedlich: Der bisher jüngste Autor ist 26 Jahre alt, die älteste 82. Die kürzeste Zeit, die jemand schon in Baden-Baden lebt, sind zwei Jahre, die längste über 40. Auch die Herkunftsländer sind vielfältig. Trotzdem gibt es Parallelen. Ein häufiges Thema der Geschichten ist zum Beispiel, dass Gefühle verdrängt und nicht gezeigt werden durften - einfach um überleben zu können. Oder auf Hilfe angewiesen zu sein und immer dankbar sein zu müssen. Oder die Angst im Heimatland und die Frage: Wem kann ich trauen?

BT: Sie nennen Ihr Projekt "Baden-Baden schreibt ein Buch". Soll aus den einzelnen Geschichten denn ein Buch werden?

Mallwitz: Erst mal möchten wir im November eine szenische Lesung machen. Das Buch ist ein langfristiges Ziel, vielleicht im nächsten Jahr. Wir hoffen natürlich, dass dafür noch viel mehr Geschichten zusammenkommen, eventuell auch jenseits der Workshops.

Schindler: Wir wollen die Geschichte Baden-Badens um einen neuen Aspekt ergänzen. Durch diese Aktion bringen wir ganz unterschiedliche Kreise der Stadt zusammen, auch unterschiedliche Generationen. Jeder hört ganz neue Dinge, zugleich erfährt er: Das ist auch ein Teil von mir.

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