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Und keiner nimmt mich mit
17.08.2018 - 00:00 Uhr
Von Nina Ernst

Baden-Baden - 50, 51, 52... irgendwann höre ich auf zu zählen. Die vorbeifahrenden Autos sind gegen die haltenden eindeutig in der Überzahl. Denn in den insgesamt drei Stunden, in denen ich in Geroldsau und Lichtental die Mitfahrbänke teste, hält kein einziges Fahrzeug an, um mich mitzunehmen.

Naja, gestoppt hat doch ein Auto. Am Bank-Standpunkt an der Schule in Geroldsau - damit mich die Insassen nach dem Weg zum Forellenhof fragen konnten. Als das Auto mit Mainzer Kennzeichen auf mich zufährt, habe ich mir so etwas schon gedacht. "Noch nie", antworten die beiden auf meine Frage, ob sie schon einmal von einer Mitfahrbank gehört hätten, aber interessant finden sie die ganze Sache schon.

"Selten", "nie", "nicht oft". Diese Antworten bekomme ich an diesem Mittag zur Genüge zu hören. Ganz egal, ob die Frage lautet, ob man selbst schon drauf gesessen oder jemanden mitgenommen oder jemanden darauf sitzen gesehen hat. Und auch ich muss zumindest die Frage, ob ich schon Personen auf den Bänken gesehen habe - und zwar nicht nur in meiner Testphase, sondern auch zu andern Zeiten wie auf dem Weg zur Arbeit oder nach Feierabend - verneinen. Die fünfköpfige Familie, die mittags auf der Mitfahrbank an der Geroldsauer Mühle ihren Kaffee genießt, die wollte sich einfach nur eine Mittagspause im Sitzen gönnen.

Während ich auf jeder der drei Bänke jeweils eine Dreiviertelstunde ausharre, fühle ich mich wie ein Affe im Zoo. Gefühlt jeder linst zu mir herüber. So sitze ich auf den knallgelben Bänken, lausche an der Schule dem Bachrauschen, beobachte am Brahmsplatz vorübereilende Passanten und nehme an der Geroldsauer Mühle das freudige Geplapper von Kindern auf den Spielgeräten wahr. Zwar wird mein Anliegen des Mitgenommenwerdens nicht erfüllt, dafür komme ich mit vielen Menschen ins Gespräch.

Es sei eine "unsichere Sache", erzählt mir eine Geroldsauerin, die in der Nähe der Schule wohnt. Wenn man ein bestimmtes Ziel habe, nehme man lieber den Bus. "Das Risiko ist mir zu hoch", sagt auch der 93-jährige Walter Strickfaden, der, obwohl er nur einen kurzen Fußweg bis zur Schule hat, noch nie auf der Bank gesessen hat. Ist man versichert, wenn etwas passiert, fragt er sich? Im selben Atemzug ärgert er sich über die Bustaktung nach und von Geroldsau: Laut KVV-Fahrplan pro Stunde ein Bus der Linie 204, allerdings nur bis 19 Uhr, sechsmal am Tag einer der Linie 245, allerdings nicht montags. Zur Bank am Brahmsplatz fügt er an, dass man dort kaum um die Kurve gefahren sei, man auch schon an der Bank vorbei sei. Apropos Brahmsplatz: Das Ehepaar Johanna und Eugen Natterer aus dem Kreis Biberach betrachtet die Bank argwöhnisch. Was ist denn das, fragen sie sich - und dann mich. Eine Infotafel würde den Stadtorten guttun, meinen sie und haben noch eine andere Idee: Der Wartende müsste ein Schild mit seinem Ziel hochhalten, dann würde vielleicht eher jemand stoppen. Später sortiert eine andere Dame ihre Einkäufe auf der Bank - auch eine Nutzmöglichkeit.

Bänke sind kein Gesprächsthema

Und selbst beim Friseur nebenan kann Jürgen Oeldorf nur berichten, dass die Mitfahrbänke eigentlich kein Gesprächsthema seien. An sich findet er es eine "gute Idee" und mit dieser Meinung ist er nicht allein. "Grundsätzlich gut" findet auch eine Imkerin, die mir an der Bank an der Geroldsauer Mühle begegnet, die Idee. Sie habe mich schon an der Schule sitzen sehen, sei aber vorbeigefahren, weil ihr Auto zu vollgeladen gewesen sei und sie nur eine kurze Strecke fahren müsse. So gibt es wohl etliche Gründe fürs Vorbeifahren.

Die Gründe für das Aufstellen der Bänke sind dagegen eindeutig. Wer in Geroldsau kein Auto habe, sei "aufgeschmissen", bringt es Ulrike Mitzel, SPD-Stadträtin und Anwohnerin von Geroldsau auf den Punkt. Für jene ohne fahrbaren Untersatz und für andere, die gerade den Bus verpasst haben, sollten die Mitfahrbänke Lösungen bieten. Doch auch sie sehe "ganz selten" jemanden darauf sitzen, kennt aber eine Nachbarin, die schon mitgenommen wurde.

Für Helmut Oehler, Geschäftsführer der Stadtwerke, seien die Mitfahrbänke kein Ersatz für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), aber eine sinnvolle Ergänzung. Aktuell seien die Stadtwerke dabei, die "Zuschnitte des ÖPNV" in der Stadt zu überprüfen, also den Ist-Zustand und Bedarfe zu erfassen. Für eine Veränderung der Bustaktung in Geroldsau gebe es aber keine konkreten Pläne.

"Die Bänke bleiben auf jeden Fall stehen", sagt Mitzel und hofft, dass das Angebot noch auf fruchtbaren Boden fällt. Ich allerdings bleibe auf meinem Hosenboden sitzen - einen ganzen Mittag lang.

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