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"Fall steckt uns in den Knochen"
'Fall steckt uns in den Knochen'
10.07.2019 - 00:00 Uhr
Von Harald Holzmann

Baden-Baden - Ein Missbrauchsskandal erschüttert das Technische Hilfswerk (THW) in der Kurstadt: Ein ehemaliger Betreuer der Jugendgruppe soll ihm anbefohlene Buben im Grundschulalter sexuell misshandelt haben. Viele Fragen sind noch offen.

Was wird dem Mann vorgeworfen?

Der 20-Jährige soll 2018 während Übungsstunden beim THW Jungs im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren zu sexuellen Handlungen gezwungen haben. Der Vorwurf: sexueller Missbrauch von Kindern.

Wie kam der Fall ans Licht?

Eltern erstatteten im Dezember 2018 Anzeige, nachdem ihnen ihr Sohn berichtet hatte, was ihm beim THW widerfahren war. Der Beschuldigte wurde vernommen und war weitgehend geständig. Dann befragte die Kripo mehrere Kinder und kam so dem Ausmaß des Falles auf die Spur.

Warum dauerte es so lange bis zur Anzeige?

Es hätten sich mehrere Kinder an die örtliche Jugendleitung gewandt, heißt es von einem betroffenen Vater. Diese habe den Berichten aber zunächst keinen Glauben geschenkt. Außerdem reagierten offenbar auch Eltern falsch. Im August 2018 sollen zwei Väter dem Beschuldigten mit Schlägen gedroht haben, wenn er sich weiter an ihren Kindern vergehe. Zur Polizei gingen die beiden Männer aber nicht.

Wie viele Fälle gibt es?

Bislang sind elf Fälle aktenkundig. Möglicherweise gibt es aber eine Dunkelziffer. Nach BT-Informationen war der Beschuldigte seit 2012 Mitglied der THW-Jugend und seit 2016 als Betreuer tätig.

Was sagt das THW dazu?

Der Fall ist beim THW seit Dezember bekannt. Vom Ortsverband gab es gestern keine Stellungnahme. Beim Landesverband in Stuttgart ist man betroffen. Man unterstütze Polizei und Staatsanwaltschaft bei den Ermittlungen, heißt es. Der Betreuer sei suspendiert und vom THW ausgeschlossen worden. Er habe Hausverbot. "Der Fall steckt uns in den Knochen", so Landesbeauftragter Dietmar Löffler. Er sei "in der Größenordnung Neuland fürs THW bundesweit" und "das Schlimmste, was passieren kann - für Kinder, Eltern und den THW-Ortsverband".

Welche Prävention gibt es beim THW?

Von ehrenamtlichen Betreuern werde ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis verlangt, so Olaf Joerdel, Referatsleiter für Ehrenamt und Ausbildung beim THW-Landesverband. Das sei auch in diesem Fall geschehen. Außerdem gebe es Schulungen für Mitarbeiter, bei denen es auch um das Missbrauchsthema gehe. Man werde "intern nahhaken", ob die Baden-Badener Jugendleitung alles richtig gemacht habe, sichert Joerdel zu. Seit etwa zwei Jahren werde bundesweit beim THW auch ein Präventionskonzept vorangetrieben mit konkreten Handlungsanweisungen an Betreuer.

Gibt es Hilfe für Familien?

Das THW hat seit Bekanntwerden des Falles mehrere Elternabende mit Betroffenen veranstaltet und den Verein "Cora" eingeschaltet, der gegen sexuellen Missbrauch und Gewalt aktiv ist. Außerdem sei das Einsatznachsorgeteam des THW-Landesverbandes beratend tätig gewesen, sagt THW-Landeschef Löffler.

Was sagen die Eltern?

Seine Mandanten seien vom THW enttäuscht, so der Baden-Badener Rechtsanwalt Gerhard Bräuer, der drei der betroffenen Kinder und ihre Eltern juristisch vertritt. Eine konkrete Hilfe fehle. "Mein Mandant hätte erwartet, dass das THW selbst einen Psychotherapeuten anspricht, der dann zeitnah Beratungstermine für die betroffenen Kinder anbietet." Doch die Hilfe des THW beschränke sich darauf, Ansprechpartner und Adressen zu nennen, berichtet ein Vater von zwei betroffenen Kindern. Eine ihm gemachte mündliche Zusage des Landesverbandes, dass das THW alle Behandlungskosten übernehmen werde, sei mittlerweile widerrufen worden. "Es hieß, wir sollen uns an den Unfallversicherer wenden." Um psychotherapeutische Beratung müsse man sich selbst kümmern. Es gebe Wartezeiten bis zu einem Jahr.

Welche Probleme bekommen die Opfer?

Jugendliche Missbrauchsopfer fühlen sich meist selbst schuldig, heißt es beim Informationsportal für psychische Gesundheit. Bindungsunfähigkeit, Essstörungen, Suchtprobleme, Persönlichkeitsstörungen und selbstverletztendes Verhalten können Folgen sein. Sein Sohn habe massive Probleme, sagt der Vater eines betroffenen Kindes. Er berichtet von Schlafstörungen und Aggressivität und erzählt von einem anderen Siebenjährigen, der sich seit den Vorfällen immer wieder die Zehennägel ausreiße.

Wie geht es jetzt weiter?

Ein Sachverständiger hat den Beschuldigten untersucht und muss nun beurteilen, ob er schuldfähig ist. Danach wird die Staatsanwaltschaft wohl Anklage erheben. Weil der Beschuldigte unter 21 Jahre alt ist, gilt das Jugendstrafrecht.

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