Wohnungslosigkeit in Kurstadt nimmt zu

Wenn die Wohnungskündigung im Briefkasten liegt, kann dies Menschen in große Not stürzen. Foto: dpa

Von Henning Zorn

Baden-Baden - An der Oos steigt die Zahl der Menschen, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind, kontinuierlich an. Daher kommt der Arbeit der städtischen Fachstelle Wohnraumsicherung eine steigende Bedeutung zu. Damit wird sich der gemeinderätliche Sozialausschuss in seiner nächsten Sitzung am 18. Oktober beschäftigen.

Der Begriff der "ortspolizeilichen Einweisungsverfügung" ist eigentlich ein furchtbares bürokratisches Ungetüm. Er weist auf ein auch in Baden-Baden immer größer werdendes soziales Problem hin. So waren hier im September dieses Jahres insgesamt 222 Personen obdachlosenrechtlich längerfristig in Notunterkünften der Stadt untergebracht.

Die Zahl der Einweisungsverfügungen hat stetig zugenommen: Waren es 2007 noch 31, so kletterte diese Zahl im Vorjahr auf 95. Und für 2017 zeichnet sich nochmals eine deutliche Zunahme ab.

Als Gründe für die wachsende Zahl der von Wohnungsnot betroffenen Menschen in der Kurstadt nennt die Verwaltung in ihrer Sitzungsvorlage die prekäre wirtschaftliche Situation vor allem von nicht erwerbstätigen Personen, die Zunahme psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung und nicht zuletzt den immer enger werdenden Wohnungsmarkt im Baden-Baden "mit wenig Einfachwohnraum und kleineren Wohneinheiten, kaum Leerstand und steigenden Mietpreisen". Vielen der ortspolizeilich untergebrachten Menschen gelinge der Wechsel in eine selbst angemietete Wohnung mit eigenem Vertrag nicht mehr.

In den kommenden Monaten rechnet die Stadt aufgrund des zu erwartenden Nachzugs von Familien anerkannter Flüchtlinge damit, dass viele dieser kurzfristig aufzunehmenden Personen ebenfalls ortspolizeilich unterzubringen sind, da für sie das Wohnungsangebot sehr eingeschränkt ist.

Bei den zurzeit 222 Personen in Notquartieren handelt es sich um 148 Männer und 74 Frauen - 143 Alleinstehende, 20 Alleinerziehende und 59 Personen in Familien. Vertreten sind eigentlich alle Altersgruppen, darunter auch 36 Kinder und Jugendliche. Dabei verweist die Verwaltung auf zwei auffällige Trends: die "massive" Zunahme des Anteils junger Menschen unter 30 Jahren und der Anstieg der Zahl der wohnungslosen oder von Wohnungslosigkeit bedrohten Frauen.

Nachdem die Verwaltung im vergangenen Jahr elf wohnungslose Frauen für ein halbes Jahr begleitet hat, kann sie hier einiges zu den Hintergründen sagen. Als Auslöser für die Wohnungslosigkeit wurde von den Frauen am häufigsten Gewalt in der Partnerschaft oder die Trennung vom Partner genannt. Weitere Gründe sind auch eine bestehende Schwangerschaft, familiäre Konflikte oder der Zuzug nach Baden-Baden ohne vorherig organisierte Unterkunftsmöglichkeit.

Als Gründe für eine erfolglose Wohnungssuche nannten die Frauen "die allgemeine persönliche Situation (alleinerziehend, jung, arbeitslos), die Stigmatisierung als HartzIV-Empfänger, die Bevorzugung anderer potenzieller Mieter aus soliden Verhältnissen sowie den Mangel an bezahlbarem Wohnraum".

Um das Problem der Wohnungslosigkeit in Baden-Baden besser in den Griff zu bekommen, gibt es in der Stadtverwaltung die Fachstelle Wohnraumsicherung, die aber zuletzt ein Jahr lang unbesetzt war und erst seit April 2017 wieder arbeitet. Ihr Ziel ist es, drohende Wohnungslosigkeit durch Beratung, Vermittlungsgespräche und durch Prüfung möglicher Mietschuldenübernahme abzuwenden. Klienten, die bereits in Notquartieren unterbebracht wurden, sollen bei der Wohnungssuche unterstützt werden.

Zwischen April und Ende August 2017 wurden von der Fachstelle 71 Notfälle betreut. Hierbei kann man bereits Erfolge vermelden, denn in 23 von 43 abgeschlossenen Fällen war die Fachstelle maßgeblich dafür verantwortlich, einen Wohnungsverlust abzuwenden.

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