Kluge Schafe sehen einfach alles

Kluge Schafe sehen einfach alles

Von Sarah Reith

Baden-Baden - Wie schnell kann ein Hütehund laufen? Wie findet eine Schafmutter unter 400 Tieren ihr verlorenes Lamm? Und wovon kann ein Schäfer leben, wenn nicht von der Wolle? Diese und unzählige andere Fragen haben Ute Svensson und ihr Mann Alexander Müller in dieser Woche den Gewinnern der Aktion "BT öffnet Türen" beantwortet - und ganz nebenbei spannende Einblicke in den Alltag einer Schäferei gewährt.



Im Einklang mit der Natur auf einer Weide stehen, den Blick auf hunderte friedlich grasender Tiere gerichtet, und dabei seine Gedanken schweifen lassen: Der Beruf des Schäfers klingt nach Idylle pur. Aber er ist auch sehr harte Arbeit, wie Ute Svensson den interessierten BT-Lesern klar machte. Wenn sie ihren Job mit nur einem Wort beschreiben müsste, würde sie sich für "ungefiltert" entscheiden. Denn die Schäferin ist ganz nah dran an den Tieren und der Natur. In ihrem Alltag ist sie mit neuem Leben ebenso konfrontiert wie mit dem Tod. Sie holt Lämmer auf die Welt, gipst gebrochene Beinchen ein, zieht Sorgenkinder liebevoll mit der Flasche auf. Sie muss aber immer wieder auch verletzte oder kranke Tiere von ihrem Leid erlösen oder entscheiden, welches Tier wie lange in der Herde bleiben kann. "Die Natur kann viel geben, aber auch viel nehmen", sagt sie ganz selbstverständlich. Das zu akzeptieren und zu erleben, erdet und macht zufrieden, ist Svensson überzeugt.

Nicht bei der Sache zu sein, kann sich ein Schäfer ohnehin nicht erlauben, erläuterte sie den Lesern: Wenn sie telefoniert oder sich sonst ablenken lässt, merken das ihre Tiere sofort. Ihre beiden Hütehunde machen dann "Blödsinn" und fordern Aufmerksamkeit. Die verschmusten schwarzen Hunde können laut Svenssons Mann Alexander Müller übrigens bis zu 50 Stundenkilometer schnell werden - sind aber trotzdem langsamer als die Schafe, wie die überraschten BT-Leser erfuhren. Die Schafe seien schließlich Fluchttiere, so die Schäferin.

Das hohe Tempo war nicht die einzige verblüffende Eigenschaft der Paarhufer, von der die Leser hörten. So sind die Tiere laut Svensson durchaus intelligent und merken einfach alles. Zum Beispiel hätten ihre Schafe festgestellt, dass sie selbst immer Tee trank, bevor es losging - und sich daraufhin bereits beim Anblick der Tasse aufgestellt. Allein an ihrer eigenen Körperhaltung sähen die Tiere auch, wenn sie eines von ihnen einfangen wolle, und suchten schon vorher das Weite. Sie greife deshalb zu Tricks, schlendere scheinbar völlig entspannt durch die Herde, um blitzschnell das entsprechende Tier zu schnappen.

Ihren Nachwuchs erkennen die Schafe übrigens am Blöken, das sie aus dem vielstimmigen Chor heraushören. Die Mütter werden aber auch leicht verwöhnt, berichtete Svensson. Wenn sie ihnen ein verlorenes Lamm einmal zurückgebracht habe, könne es gut sein, dass sich das entsprechende Schaf beim nächsten Mal einfach vor sie stelle und anfange zu meckern, frei nach dem Motto: "Ich finde mein Kind nicht, such es für mich!"

Auch an Gesichter können sich die Tiere stets erinnern - und natürlich an die Routen, auf denen sie unterwegs waren. Letztere sind heute allerdings nicht mehr annähernd so lange wie früher. Wanderschäfer hätten einst Hunderte Kilometer zurückgelegt, berichtete Svensson. Und die Schafe hätten als tierisches "Samentaxi" etwa durch im Fell mitgeschleppte Samen einen wichtigen Beitrag zur Artenvielfalt der Wiesen geleistet. Heute ist das nicht mehr möglich: Autobahnen und große Straßen durchschneiden die alten Routen.

Die Einnahmequellen der Schäfer haben sich ebenfalls verändert. So sei der Verkauf der Wolle ein "Trauerspiel", berichtete Müller: Man müsse froh sein, wenn sich ein Käufer finde - und die durch die Schur verursachten Kosten gedeckt würden. Stattdessen geht es heute um Landschaftspflege: Dafür, dass die Schafe etwa Naturschutzgebiete beweiden, fließen EU-Gelder.

Neben vielen Informationen nahmen die BT-Leser auch die Erinnerung an herzerwärmende Begegnungen etwa mit Hundewelpen und Lämmern mit nach Hause. Ein Lamm war erst in der vorherigen Nacht geboren worden - und ging abends beim Einpferchen prompt verloren. Gott sei dank hatten sich die Gewinner der Aktion schon zu Assistenz-Schäfern gemausert: Ein Leser entdeckte das Tierchen allein außerhalb des Pferchs - und brachte es zurück.

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