Jahrelanger Konflikt brutal eskaliert
In diesem Haus in Söllingen spielte sich am 9. September 2017 das Drama ab.  Foto: Siebnich/av
13.06.2018 - 00:00 Uhr
Von Holger Siebnich

Rheinmünster/Baden-Baden - In einem Mordprozess vor dem Landgericht Baden-Baden hat der Angeklagte gestern gestanden, seinen Stiefsohn im September vergangenen Jahres in Söllingen erstochen und seine Ehefrau schwer verletzt zu haben. Die Taten waren brutaler Höhepunkt eines seit Jahren schwelenden Konflikts, in dem es auch um angeblich im Internet veröffentlichte Fotos und um religiöse Gefühle ging.

"Guten Morgen", sagt der Angeklagte, als er in Handschellen in den Gerichtssaal geführt wird. Es werden seine einzigen deutschen Worte an diesem ersten Verhandlungstag unter Leitung des Vorsitzenden Richters Wolfgang Fischer bleiben. Obwohl der gebürtige Kasache seit 20 Jahren in Deutschland lebt und deutscher Staatsangehöriger ist, scheint er hier nie angekommen zu sein.

Eine Dolmetscherin übersetzt ihm die Anklage, die Oberstaatsanwalt Michael Leber verliest. Demnach soll der 59-Jährige am 9. September 2017 im gemeinsam bewohnten Haus seinen Stiefsohn in dessen Wohnung im Streit erstochen haben - heimtückisch von hinten. Der Vorwurf lautet deshalb Mord.

Die 19 Zentimeter lange Klinge traf Herz und Lunge des Opfers. Der 36-Jährige verblutete innerhalb weniger Minuten. Anschließend sei der Angeklagte in seine eigene Wohnung gegangen und habe dort zweimal auf den Rücken seiner Ehefrau eingestochen. Sie überlebte schwer verletzt. Ein weiterer Sohn habe den Mann schließlich entwaffnen können.

In einer schriftlichen Stellungnahme, die er seine Verteidigerin Katrin Behringer verlesen lässt, bestätigt der Angeklagte die Vorwürfe im Kern. Er habe den Stiefsohn zur Rede gestellt, weil ihn dieser gegenüber anderen als homosexuell bezeichnet habe. Angeblich habe das Opfer auch immer wieder kompromittierendes Bildmaterial im Internet hochgeladen. Die gefälschten Aufnahmen hätten dazu beigetragen, dass er arbeitslos wurde und keine dauerhafte Anstellung fand. Als der Stiefsohn in dem Streitgespräch erneut schroff reagiert habe, "verlor ich die Fassung und stach zu", so die Aussage. Ein Wort des Bedauerns enthält seine Erklärung nicht.

Die Begründung für den Angriff auf seine Ehefrau klingt zynisch. Auf Nachfrage von Frank-Stefan Müller, Sachverständiger für forensische Psychiatrie, argumentiert der Angeklagte: Er habe verhindern wollen, dass die Mutter ihren Sohn tot auffindet. Der psychische Schock, der ihr dadurch drohte, hätte schwerwiegender sein können als die Verletzungen mit dem Messer.

Der Sachverständige hakt nach: "Meinen Sie nicht, dass das etwas unverhältnismäßig gewesen ist?" Die Antwort: "Ich habe nur vorgehabt, leichte Kratzer zu machen."

Müller entlockt dem Angeklagten noch weitere Details. So spielt in vielen Aussagen des Mannes sein Glauben als Mitglied einer christlichen Freikirche eine Rolle. Die Tat könnte auch eine Art missionarische Komponenten gehabt haben. So sagt der 59-Jährige an einer Stelle: "Ich wollte ihn nicht töten, nur verletzen, so dass er ins Krankenhaus gebracht wird. Wenn ein Mensch sehr viel leiden muss, dann erinnert er sich an Gott."

Auch der Sohn, der seinem Vater das Messer entwendete, beschreibt ihn im Zeugenstand als religiösen Menschen. Der 27-Jährige schildert schreckliche Szenen, wie er nach der Tat abwechselnd seine Mutter in der Küche versorgte und im Stockwerk darunter versuchte, seinen Stiefbruder wiederzubeleben.

Die Verhandlung wird am morgigen Donnerstag, 9 Uhr, fortgesetzt.

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