http://www.initiative-wertvolle-zukunft.org/wvz2016/erbschaft/
"Der Vogel kann am wenigsten dafür"
14.07.2018 - 00:00 Uhr
Von Franziska Kiedaisch

Bühl - "Das hier ist wie eine zweite Heimat", sagt Wolfgang Schmidt, Vorsitzender des Modellsportvereins Bühl-Moos, und deutet auf den etwa 7500 Quadratmeter großen Flugplatz vor ihm. Die zweite Heimat könnte jedoch bald Geschichte sein, denn der Große Brachvogel, eine der gefährdetsten Brutvogelarten im Land, benötigt ebenfalls ein Zuhause. "Wenn wir den Vogel nicht hier schützen, gibt es in Baden-Württemberg bald keinen mehr", sagt der Biologe Martin Boschert, der im Auftrag des Regierungspräsidiums Karlsruhe (RP) die Wiesenbrüter beobachtet.

Im April, ausgerechnet an einem Freitag, den 13., hatte der Vorsitzende Schmidt vom RP die Nachricht erhalten, dass der Überflugbereich während der Brutzeit des seltenen Tiers eingeschränkt werde. Nur 150 Meter trennten das Brachvogelnest damals vom Flugplatz. Weil die Tiere Modellflugzeuge bei bestimmten Flugmanövern als Raubvögel im Sturzflug wahrnehmen und in der Folge fliehen, gelten die Aktivitäten des Vereins aus Sicht des Artenschutzes als "Störfaktor", wie Sebastian Olschewski vom Referat Naturschutz und Landschaftspflege des RP sagt.

Das sehen die passionierten Hobbyflieger anders: "Der Vogel hat sich im März diesen Platz ausgesucht - ein Monat, in dem wir viel geflogen sind", gibt Schmidt zu bedenken. Der Biologe Boschert entgegnet, dass der Vogel früher auf dem heutigen Flugplatz gebrütet habe, dann immer weiter nach Osten gewandert sei, die Brutbedingungen im umliegenden Gebiet jedoch noch schlechter seien als vor Ort.

Ein Flugsektor von etwa zehn Prozent des üblichen Gebiets sei nach den Einschränkungen durch das RP noch übrig geblieben, schätzt Schmidt. Für Flieger mit Verbrennungsmotor, Jets und große Segelflugmodelle, die etwa 75 Prozent der Mitglieder fliegen, wurde es damit unmöglich, zu starten - zu klein war der übrig gebliebene Luftraum. Gerade für Turnierflieger, die trainieren müssen, seien die Einschränkungen ein echtes Problem, sagt der zweifache Mannschaftsweltmeister im Modellflug und stellvertretende Vereinsvorsitzende Roy Puchtinger: "Aus unserer Sicht handelt man ohne Maß und Verstand."

Unmut regt sich bei den Vereinsmitgliedern, deren Biografien seit Kindestagen eng mit dem Modellsport verbunden sind, über das sehr kurzfristig verhängte Verbot. Dadurch konnte ein von langer Hand geplantes Jubiläumsfest nicht stattfinden. Tatsächlich sei das "sehr, sehr unglücklich gelaufen", gibt Olschewski zu, allerdings hätten die Vögel erst im April die Reviere bezogen, zuvor streiften die nicht standorttreuen Tiere umher. Dass sie so dicht am Flugfeld brüteten, sei einmalig gewesen: "Wir mussten unmittelbar tätig werden, auch wenn uns mehr Vorlaufzeit lieber gewesen wäre", betont er.

Dass die Vögel in diesem Jahr so dicht am Flugplatz brüteten, sei zwar der Auslöser für ein schnelles Eingreifen gewesen, das Konfliktthema Modellflug im Vogelschutzgebiet wäre aber auch sonst angegangen worden. Selbst außerhalb der ausgewiesenen Schutzgebiete seien die Behörden zum Handeln aufgerufen, wenn streng geschützte Arten wie der Brachvogel gestört würden. Der Biologe Boschert macht deshalb deutlich: "Dem Verein dürfte durchaus klar gewesen sein, dass der Vogelschutz für ihn zum Problem werden könnte."

Drei Jungvögel sind flügge

Inzwischen sind drei Vogeljungen flügge geworden, ein "guter Erfolg", wie Olschewski sagt. Ob daran auch das Flugverbot einen Anteil hat, könne nicht klar gesagt werden. Seit dem 13. Juni ist es aufgehoben. Doch bei einem Gespräch zwischen Regierungsbehörde, Stadt und Verein wurde laut den Piloten deutlich, dass der Brachvogelschutz auch in den kommenden Jahren zu Überflugverboten während der Brutzeit führen werde. Die ersten Mitglieder seien wegen dieser unsicheren Situation bereits aus dem Verein ausgetreten, so Puchtinger. "Wir sehen die Existenz unserer Fliegergruppe ernsthaft in Gefahr", unterstreicht er. Außerdem nähme die "Wildfliegerei" nun vermutlich zu - was in dem Gebiet, das in der Kontrollzone des Baden-Airparks liegt, gefährliche Folgen haben könnte. Bisher wird jeder Flug ab einer Höhe von 150 Metern beim Tower in Söllingen angemeldet.

Die Modellflugpiloten geben sich zwar kämpferisch, es stecke viel Arbeit, Zeit und Herzblut in dem Flugplatz. Doch räumt Platzwart Michael Neutz ein: "Die einzige Möglichkeit, die wir jetzt haben, ist ein Platzwechsel." Dabei musste der Verein bereits vor 28 Jahren aus Vogelschutzgründen vom Waldhägenich in die Acher-Niederung umziehen. Nun haben die Mitglieder drei Jahre Zeit, um ein neues Gelände zu finden - was schwierig wird: Es mangelt an freien Flächen, die zudem mit artenschutz- und luftfahrtrechtlichen Auflagen vereinbar sein müssen. Zusagen über eine behördliche und städtische Unterstützung bei der Suche gibt es laut Schmidt zwar, über Finanzielles sei jedoch noch nicht gesprochen worden.

Nur über eins wären sich wohl alle Parteien einig: "Der Vogel kann am wenigsten dafür", fasst Neutz zusammen.

BeiträgeBeitrag schreiben 
Ort des Geschehens
Größere Google Karte
www.volksbank-baden-baden-rastatt.de/bt
Umfrage

Mit einem Bündel von Maßnahmen will die Bundesregierung die hohen Mietkosten dämpfen, die viele Bürger besorgen. Fürchten Sie, sich in Zukunft Ihre Wohnung nicht mehr leisten zu können?

Das ist schon der Fall.
Ja.
Nein.
Ich bin in keinem Mietverhältnis.


Wetter in Mittelbaden


BT Kinospot


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1