Härtetest im Dienst der Herzforschung

Härtetest im Dienst der Herzforschung

Von Joachim Eiermann

Bühl - Mitte Mai brechen der Himalaya-erfahrene Bühler Profibergsteiger Ralf Dujmovits und seine Partnerin Nancy Hansen zu einem für ihre Verhältnisse ganz und gar ungewöhnlichen Ziel auf: Köln. In der Domstadt wartet auf beide ein 7000 Meter hoher "Berg", an dem sie sich rund vier Wochen lang aufhalten werden, ohne Eiseskälte, Sturm, Steinschlag- oder Lawinengefahr ausgesetzt zu sein. Der Berg, von dem hier die Rede ist, steht auf dem Gelände des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Genauer gesagt handelt es sich um eine rund 110 Quadratmeter große Hypoxiekammer, die das medizinische DLR-Forschungslabor noch als Wohnung herrichten lässt. Das in Kappelwindeck lebende Bergsteigerpaar stellt sich als Probanden in den Dienst der Herzforschung (siehe "Zum Thema"). Dujmovits hatte einst acht Semester Medizin studiert, ehe er den weißen Kittel an den Nagel hängte, um in die Berge zu gehen. Sein Interesse an der Höhenmedizin blieb.

Der Bergsteiger und die Kletterin setzen sich nun im Rahmen einer Pilotstudie künstlich der sauerstoffarmen Luft aus, darunter zwei Wochen lang unter ähnlichen Bedingungen wie in 7000 Meter Höhe. Im Gegensatz zum Himalaya, wo Luftdruck und Sauerstoffgehalt in der Höhe gefährlich abnehmen, wird unter Laborbedingungen stattdessen der Stickstoffanteil erhöht, um das Vorankommen zu simulieren. "Wenn's uns schlechtgehen sollte, kann die Mischung schnell geändert werden", so Dujmovits. Den Partialdruck des Sauerstoffs auf künstliche Weise zu reduzieren, wäre indes deutlich riskanter.

Als beide ihr Quartier im Rahmen der Vorbesprechungen zum ersten Mal zu Gesicht bekamen, fielen ihnen die Kinnladen runter. Eine leere, weiße, völlig schmucklose Kammer, die zudem fensterlos ist. Für zwei Menschen, die enorm viel Zeit in der Natur verbringen, eine echte Herausforderung. Wird ihnen dabei nicht die Decke auf den Kopf fallen? "Wir sind gespannt, wie wir damit psychisch zurechtkommen." UV-Licht und Vitamin-D-Tabletten sollen den Lagerkoller erst gar nicht aufkommen lassen. Auch will das Paar in der weniger anstrengenden Anlaufphase selbst für sich kochen: frische, vitaminreiche Kost.

Das Forschungszentrum hat zugesichert, die Laborkammer wohnlich einzurichten. Die Probanden haben eine Wunschliste mit Gegenständen und Lebensmitteln eingereicht. Damit Sport und körperliche Fitness nicht auf der Strecke bleiben, werden ihnen ein Laufband, ein Fahrradergometer und eine rotierende Kletterwand in die Bude gestellt. Auch für die Privatsphäre ist gesorgt: Der Schlafraum ist Rückzugsgebiet in diesem Basislager etwas anderer Art.

Wie am richtigen Berg müssen beide auch in diesem Fall zuvor den Körper an die sauerstoffarme Luft gewöhnen. Dazu unternehmen sie Anfang Mai eine einwöchige Skitour in der Schweiz, wo sie im Wallis in einer Hütte auf 4500 Meter nächtigen: "Das bewirkt eine sehr gute Grundakklimatisation." Bevor ihr Weg nach Köln führt, wird bei einer kleinen Schwarzwaldtour noch der 85. Geburtstag von Hildegard Dujmovits, der Mutter des Bergsteigers, nachgefeiert.

Der Einzug in die Hypoxiekammer erfolgt auf zunächst 3000 Höhenmetern. Allmählich geht es "nach oben". Wie im echten Bergsteigerleben wird es in den ersten zwei Wochen einzelne Vorstöße in höhere Regionen mit anschließender Rückkehr zur jeweiligen Ausgangsstufe geben. Erst danach sei vorgesehen, die strapaziösen 14 Tage am Stück auf 7000 Metern zu simulieren, schildert Dujmovits. Danach verblieben noch ein paar Tage "zum Runterkommen".

Ein Franzose habe vorgemacht, dass es möglich sei, sich 14 Tage lang unter lebensfeindlichen Bedingungen an einem 7000er aufhalten zu können: "Am Aconcagua hat er gezeigt, dass es geht." Der Gipfel des höchsten Bergs Südamerikas liegt 6962 Meter hoch. Dujmovits selbst hatte dort 2013 drei Winternächte verbracht. 2011 verweilte er zwei Nächte in sogar 7950 Meter Höhe am K2 im Karakorum. Für seine Partnerin sind derlei Höhen jedoch Neuland: "Ich war noch nie über 7000 Meter Höhe."

So einsam wie in der unberührten Natur werden die Bergsteiger in Köln nicht sein. Sie stehen in Kontakt mit Medizinern und Betreuern. Diese müssen, um ihre Probanden besuchen zu können, Atemmasken mit künstlichem Sauerstoff tragen. Gleiches gilt umgekehrt für Hansen und Dujmovits, die unter Sauerstoffentzug ihrer Kammer vorübergehend entfliehen können. Also mit Maske. Und das in Köln - 405 Meter über dem Meer.

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