Albtraum statt Sommermärchen

Albtraum statt Sommermärchen

Von Gerold Hammes

Bühl - Die sportliche Bankrotterklärung der rumpelfüßigen Jogibärchentruppe im russischen Putin-Reich schlagen sich auch auf die Umsatzzahlen der Public-Viewing-Veranstalter nieder. Trauerbeflaggung statt Schwarz-Rot-Gold. Jörg Fitze vom "Bistro Q" spricht von einer "besch... Leistung" eines überheblichen Ex-Weltmeisters und von der "schlechtesten Stimmung" seit dem Sommermärchen 2006 im eigenen Land. Zwölf Jahre später herrscht Albtraum-Feeling.

Dabei hatten die Gastronomen in der Fußgängerzone wahrlich weltmeisterlich aufgerüstet - mit großkalibrigen HD-TV-Geräten. Allein Müller, Kroos, Khedira, Özil und Konsorten waren nie richtig im Bilde. Für Fitze kann es nur ein personelles Nachspiel geben: Grindel, Bierhoff und Löw müssen alle weg, weil sie die falschen Leute für den überfälligen Umbruch sind: "Die leben alle noch im Sommermärchen!"

An den unsäglichen Marketing-Fotos von Özil und Gündogan mit dem despotischen türkischen Präsidenten Erdogan möchte Fitze das Desaster aber allein nicht festmachen, Unruhe im Umfeld und Intrigen unter den Spielern hätten sie aber sehr wohl ausgelöst.

Raffaele Sassano vom Eiscafé Italia ist Kummer gewohnt und leidensfähig,. Der AC-Milan-Fan musste immerhin verkraften, dass es die Squadra Azzurra nicht einmal zur WM schaffte. "Es war okay", lautet seine Bilanz. Fünf 55-Zoll-TV-Geräte hatte er aufgeboten, die Fans quittierten so viel Einsatz mit einer "super Stimmung"; solange jedenfalls, wie die Deutschen im Turnier waren. Seine Analyse für den vierten und letzten Platz in der Gruppe F hinter solch Fußballgroßmächten wie Schweden, Mexiko und Südkorea fällt wie folgt aus: "Die Mannschaft hat nie zusammengefunden, es gab keine Kameradschaft auf dem Platz, die Chemie hat einfach nicht gestimmt." Bundes-Jogi habe es nicht geschafft, "das Team zusammenzuschweißen".

Dennoch rät Sassano, am Südschwarzwälder festzuhalten, schließlich habe er auch großen Anteil daran, dass die Truppe "viele Jahre auf Weltklasseniveau gespielt hat". Jetzt findet er es nur "schade, dass man sie alle so niedermacht". Er spricht vom "Fluch des Weltmeisters", den in der Vergangenheit auch schon Frankreich, Spanien und Italien zu spüren bekommen hätten.

Jetzt sieht er im Endspiel "Les Bleus" aufgrund ihrer individuellen Klasse im Vorteil. Oder obsiegt doch Mentalität über Qualität?

Sein Kollege von der anderen Platzseite, Gino Pin ("Eiscafé Venezia) erlebte zumindest sportlich eine "Riesenüberraschung". Nach dem Abflug der DFB-Truppe habe die Publikumsfrequenz auf dem Johannesplatz sichtbar nachgelassen. Die "Kleinen" hätten die "Großen" für ihre Überheblichkeit abgestraft. Seine Hoffnung: "Vielleicht lernen sie ja was daraus."

Zur Zukunft des sportlich Verantwortlichen hat er eine klare Meinung: Nach fünf, sechs Jahren Amtszeit sollte ein Bundestrainer abgelöst werden und Platz machen für einen Nachfolger "mit neuen, frischen Ideen". Pin zückt die Rote Karte und meint: "Löw sollte gehen."

In vier Jahren brennt erneut der Baum

Auch Philippe Schutzenbach, der "Schwanen"-Wirt, hätte sich eine längere Verweildauer des DFB im Turnier gewünscht. Die Probleme in Form des fehlenden Teamgeistes hatte er im Vorfeld mit der Nominierung von Özil und Gündogan vorhergesagt.

Sergio Corsano ("Platzhirsch") hatte gleich sechs Fernsehgeräte aufgeboten und war überrascht über die Resonanz vor seinem Lokal in der K.o.-Runde ohne deutsche Beteiligung, wenngleich sich das deutsche Ausscheiden umsatzschädlich ausgewirkt habe.

An Joachim Löw würde er zwar festhalten, nicht aber an Mario Gomez: "Deutschland fehlt ein Knipser!" Im Endspiel sieht er Frankreich leicht favorisiert, "ich würde den Titel aber auch den Kroaten gönnen".

Martin Foshag hatte im Biergarten seines "Badischen Hofs" drei Monitore installiert und bei den Spielen gegen Mexiko und Südkorea "die Bude rappelvoll". Nach dem "desaströsen" Vorrundenaus fuhr er das elektronische Equipment runter.

Der AH-Fußballer des SV Lauf unterscheidet unter zwei Fan-Gruppen: zwischen den Deutschland-Anhängern, die bei Europa- oder Weltmeisterschaften sich Public Viewing reinziehen "und schreien, weil andere auch schreien" und dabei das Gemeinschaftsgefühl genießen. Und dann gebe es noch die Fußball-Liebhaber, Technik- und Taktikästheten, die bei dieser WM "voll auf ihre Kosten" gekommen seien.

Einen Abpfiff für Löw trägt Foshag nicht mit: "Bis 2016 waren alle mit ihm glücklich. Er weiß nur zugut, was nun zu geschehen hat." Dazu gehört für ihn der Abschied von der "Maxime des Ballbesitzes". Tiki-Taka sei ein Auslaufmodell, der Zukunft gehöre schnelles, vertikales Umschaltspiel.

Noch keine Taktik haben die Bühler Open-Air-Gastronomen, wie sie die nächste Fußball-WM in Katar mit Rudelgucken handeln sollen. Diese beginnt am 21. November und endet am 18. Dezember, dem 4. Advent. Der Baum brennt. Wie bereits im Juli 2018.

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