Männer-WG mit Chefin

Männer-WG mit Chefin

Von Joachim Eiermann

Ottersweier - Der Arbeitstag beginnt um 7.30 Uhr mit dem Hofkreis. Betriebsleiter Simon Glaser teilt die Arbeit ein. Susanne Jungbauer ist ebenfalls vor Ort. Die Diplom-Sozialpädagogin ist auf dem Aspichhof fürs "Betreute Wohnen" zuständig. Ihre Mannschaft besteht aus derzeit acht Männern, bis auf eine Ausnahme um die 60 Jahre alt. Alle haben sie ihre festen Aufgaben und sind in die Arbeitsabläufe integriert.





Hans-Jürgen hat seine Ber ufung als Stallbursche gefunden. Er füllt seinen Job mit Leib und Seele aus. Eine psychische Erkrankung hat den 58-Jährigen auf den Hof geführt. Die Wiedereingliederung in die Gesellschaft ist eine vom Staat geförderte soziale Maßnahme. "Jeder bei uns soll das Gefühl haben, er wird gebraucht", schildert Jungbauer den therapeutischen Ansatz. Und Hans-Jürgen wird wahrlich gebraucht, denn seine Tätigkeit will kaum einer machen.

Sein Job ist es, die Viehställe zu säubern. Abschieben nennt man diese Form der "Morgentoilette", die mit einem wahrlich tierischen Konzert der Kühe beginnt - vermutlich in freudiger Erwartung der späteren Ration Kraftfutter. Hans-Jürgen drückt mit einem breiten Schieber die Hinterlassenschaften auf dem Betonboden in Richtung Ausgang und dirigiert dabei das Vieh routiniert zur Seite.

Christian unterstützt ihn bei dieser anstrengenden Arbeit, bevor er sich in sein "Reich", den Hühnerstall, aufmachen kann. Rund 150 Eier täglich legt das Gefieder des "Hühnerbarons", wie er sich selbst bezeichnet. Er sammelt die Eier ein, reinigt und sortiert sie in Kartons. Ihm obliegt es auch, die Hühnerställe sauber zu halten. "Ich bin zur Landwirtschaft gekommen wie die Jungfrau zum Kind", erzählt der Herr des Federviehs nebenbei.

"Jeder hat sein Päckchen", kennt Jungbauer die Vorgeschichten und einschneidenden Erlebnisse der von ihr betreuten Menschen. Jetzt wohnen, leben und arbeiten sie auf dem gemeinnützig anerkannten Hof. "Das ist das Besondere bei uns." Jeder packt, entsprechend seinen Neigungen und Fähigkeiten, bei der Arbeit mit an. Und falls sich morgens jemand nicht dazu in der Lage fühle, "dann fängt er halt später an". Nur, sich überhaupt nicht einbringen zu wollen, "das geht nicht". Dies würde die Gemeinschaft sprengen, erläutert die Sozialpädagogin, deren vordringlichste Aufgabe es ist, eine Tagesstruktur zu vermitteln.

Seit 22 Jahren bereits lebt Thomas auf dem Hof. Sein "Revier" ist der Hofladen, seine Mütze sein Markenzeichen. Er wiegt und sortiert das Obst und Gemüse, räumt die Waren ins Regal und in die Kühltheken. "Er kennt sich im Laden bestens aus", lobt Jungbauer.

Gegen zehn Uhr ist sie von einem Arztbesuch mit Paul zurück. Auf der Rückfahrt wurden gleich noch gemeinsam neue Arbeitsschuhe besorgt. Paul, der sich zum Arbeiten am liebsten in die Reben zurückzieht, hat heute frei, als Ausgleich für seinen jüngsten Wochenenddienst. Anstatt sich die Zeit zu vertreiben, hilft er in der Küche mit, das gemeinsame Mittagessen vorzubereiten.

Alle ihrer Schützlinge seien sehr hilfsbereit, unterstreicht Jungbauer. "Die Jungs sind sehr offen. Jeder akzeptiert jeden, wie er ist." Sie kämen gut miteinander aus, ohne gleich dicke Freunde zu sein. Jeder habe sein eigenes Zimmer als Zuhause. Die Männer lebten aber nicht in Quarantäne: "Einer unserer Bewohner hat sogar eine Freundin." Nichtsdestotrotz handelt es sich um eine reine Männer-WG, was auch durch die räumliche Struktur des historischen Gebäudes bedingt ist. Dusche und Toilette befinden sich auf dem Flur.

Ziel: Gewisses Maß

an Eigenständigkeit

Wo es nötig ist, gibt Susanne Jungbauer Anleitung. "Wer Unterstützung braucht, kriegt Unterstützung durch mich." Das Ziel sei "ein gewisses Maß an Eigenständigkeit". Für nächtliche Notfälle ist eine Rufnummer eingerichtet, die in den vier Jahren ihrer Tätigkeit aber noch nie gebraucht worden sei. Sie achtet auch auf das äußere Erscheinungsbild "ihrer" Männer, Körperpflege inklusive. Außerhalb des Hofs ist saubere Kleidung ein Muss. Nicht nur bei gemeinsamen Ausflügen (wie zuletzt ins Elsass oder in den Europa-Park), sondern auch bei den Einkaufstouren zweimal die Woche. Arbeitsklamotten sind dabei tabu.

Frühstück und Abendessen bereiten die Bewohner selbst zu, an Wochenenden auch das Mittagessen. An den Werktagen kocht ein Profi für die gesamte Mannschaft des Hofs, einschließlich der bis zu sieben Inklusionskräfte von außerhalb, deren pädagogische Betreuung ebenfalls Jungbauer obliegt. In den Töpfen köcheln vorzugsweise die hofeigenen Produkte. Stets um 11.30 Uhr versammelt sich die große Hoffamilie an der langen Tafel im Aufenthaltsraum zur kräftigenden Mahlzeit.

Um 13 Uhr geht's wieder an die Arbeit. Feierabend ist um 17 Uhr. An Tagen, an denen jede Hand gebraucht wird, wie etwa bei der Weinlese oder dem Entfahnen von Mais, packt die Sozialpädagogin ebenfalls mit an. "Ihre" Männer genössen es dann, "mir etwas zeigen zu können, was ich nicht kann". Auch Hofführungen von Kindergärten oder Gruppen mit gehandicapten Personen fallen in ihren Aufgabenbereich. "Viele Kinder wissen erstaunlich gut Bescheid", berichtet sie. Von wegen lila Kühe. Am faszinierendsten finden die Kleinen die Schweine.

Der "Hühnerbaron" besorgt den Abwasch

Im Schweinestall ist Hans-Jürgen am Nachmittag erneut zugange. Zweimal am Tag, wie auch bei den Kühen, Kälbern und Rindern. Er schiebt ab, streut die Böden neu ein und versorgt die Tiere mit Futter. Das Melken übernimmt ein Melkroboter rund um die Uhr.

Christian, den "Hühnerbaron", hat Susanne Jungbauer zunächst zum Abwasch des Mittagsgeschirrs beordert. Und Thomas wird im jetzt geöffneten Hofladen gebraucht. Er sorgt für den Nachschub an Obst, Käse und Milch.

Vincent, mit Abstand der Jüngste und vorzugsweise in der Küche aktiv, hilft bei der Aufstellung neuer Technik in der Molkerei. Das Abfüllen von Milch in Tetra-Packs oder das Verpacken des Rahmkäses ist Peters Job. "In Hygiene ist er sehr fit", berichtet Jungbauer. Das muss auch so sein, denn die Vorschriften sind streng.

Jürgen, gelernter Fleischermeister, macht sich - das liegt nahe - in der hofeigenen Metzgerei nebenan in der Hub nützlich. Und dann gibt es noch Ernst, der jahrelang die Kälber versorgt hat. Sein Gesundheitszustand lässt eine Hofarbeit nicht mehr zu. Er verbringt nun seinen Lebensabend in der vertrauten Gemeinschaft auf dem Gutshof.

Für zwei schaffensfreudige Kerle sind im "Betreuten Wohnen" noch Plätze frei. Bevor jemand mit psychischer Beeinträchtigung fest aufgenommen wird, muss er aber zeigen, dass ihm das Hofleben liegt und er sich in die Gemeinschaft einfügen kann. Zwei Wochen dauert das Wohnen auf Probe, so Jungbauer, im Zweifelsfall vier.

Neuanfang

vor vier Jahren

Seinen sozialen Auftrag hatte der Aspichhof nach Auflösung der früheren, ausgelagerten Hub-Pflegestation 2015 auf völlig neue Beine stellen müssen. So kam es zum "Betreuten Wohnen" in eigener Zuständigkeit. Die dafür erforderliche Sozialpädagogin brachte Erfahrungen aus der Jugendarbeit, der Ausbildung von Tagesmüttern und der Arbeit mit geistig behinderten Menschen mit. "Sie ist uns eine wichtige Ansprechpartnerin und Schaltstelle", erklärt die Hofladenchefin Marianne Glaser.

Susanne Jungbauer liebt ihre abwechslungsreiche Tätigkeit. Ist sie nun eine Alltagsheldin, weil sie anderen hilft, den Alltag zu strukturieren? Sie schmunzelt, setzt die Heldin in Klammern. So gebe es sicher andere, die diese Bezeichnung "wirklich verdient haben".

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