Im Grundbuch liegt das Risiko

Im Grundbuch liegt das Risiko

Bühl/Schwarzwaldhochstraße/Baden-Baden (gero) - Die unendliche Geschichte um die Hundseck-Ruine geht in eine weitere, inzwischen vierte Runde: Morgen, Donnerstag, ruft das Amtsgericht Baden-Baden das ehemalige Kurhaus erneut zur Zwangsversteigerung auf. Die Aussichten, dass diesmal ein Käufer den Zuschlag findet, werden als gering eingeschätzt. Zu hoch sind die Forderungen, zu verworren ist nach wie vor das Grundbuch.


Obwohl der Verkehrswert immer noch lediglich einen Euro beträgt, sind die tatsächlich anfallenden Forderungen beträchtlich. Zum Mindestgebot von 125 504 Euro addieren sich weitere 209 514 Euro für "bestehende Rechte". Diese Sicherungshypotheken sind zunächst einmal erstrangig. Erst weiter hinten rangieren die Forderungen des Landratsamts Rastatt, das nun zum zweiten Mal die Zwa ngsversteigerung beantragte, mit rund 50 000 Euro für den Teilabbruch und die Entsorgung.

Der Erste Landesbeamte Dr. Jörg Peter begründete den neuerlichen Anlauf wie folgt: "Als Behörde sind wir gehalten, die Kosten für den Abbruch einzutreiben. Wir werden die Schuldner nicht in Ruhe lassen." Nach dem letzten gescheiterten Versteigerungstermin im April 2017 war er wie heute der festen Überzeugung: "Dieser Schandfleck muss weg!"

Gläubigerin ist auch die Stadt Bühl, die sich im Gegensatz zu 2017 diesmal nicht dem Antrag des Landkreises angeschlossen hat. Stadtjuristin Elisabeth Beerens beziffert die Forderungen Bühls als Baurechtsbehörde der Gemeinde Ottersweier, auf deren Gemarkung die Schrott-Immobilie steht, auf rund 46 000 Euro.

Was die Geschichte zudem erheblich kompliziert und ein Erwerb so gefährlich macht, ist das völlig ungeordnete Grundbuch mit einer Auflassungsvormerkung. Darauf hatte 2017 bereits die Rechtspflegerin Angelika Pfistner warnend hingewiesen, die auch morgen die Sitzung leiten wird: "Die Vormerkung ist das Schlimmste, was einem Ersteigerer in einer Zwangsversteigerung passieren kann", machte sie bereits damals auf die Risiken aufmerksam.

Hintergrund: Zwei türkischstämmige Eigentümer hatten die Hundseck 2008 für angeblich 120 000 Euro an zwei andere Landsmänner veräußert. Seltsamerweise ließen sich die neuen Eigentümer aber den Kauf nicht im Grundbuch sichern. Den Grund wollte und konnte bislang keiner verraten. Im Klartext: Ein Ersteigerer hätte selbst im Falle eines Zuschlags keine Sicherheit, ob er das Objekt auch behalten darf, weil die früheren Eigentümer ihren vermeintlichen Besitz wieder einfordern könnten.

Der Niedergang des einst stolzen Kurhotels Hundseck begann im November 2012, als ein mehrstufiger Teilabbruch aufgrund der nicht mehr gegebenen Verkehrssicherheit eingeleitet wurde. In der Folge blieben die Behörden (mithin die Steuerzahler) auf den Kosten sitzen. Inzwischen hat sich der Bauzustand weiter verschlechtert.

Der Ottersweierer Bürgermeister Jürgen Pfetzer nannte das Verhalten der vermeintlichen beziehungsweise tatsächlichen Eigentümer einen "Skandal" und an "Skrupellosigkeit nicht zu überbieten". Er sprach von Spekulanten und Hasardeuren. Auf sein völliges Unverständnis stieß auch die Entscheidung des Regierungspräsidiums Karlsruhe, das im Spätjahr 2017 die Abrissverfügung des Landratsamts Rastatt aufhob.

Pfetzer kann sich nach einem Komplettabbruch auf dem 5 816 Quadratmeter großen Gelände am Fuße der nördlichen Nationalparkkulisse (Hoher Ochsenkopf) eine touristische Folgenutzung vorstellen. Voraussetzung aber sei ein seriöser Eigentümer mit einem betriebswirtschaftlich tragfähigen Konzept. Die Schätzungen für den restlichen Komplettabriss samt Entsorgung lagen zuletzt bei rund 325 000 Euro.

Vermutlich in Unwissenheit der Kosten und der im Grundbuch lauernden Gefahren übt die Hundseck offenbar aufgrund ihrer langen und bisweilen stolzen Geschichte immer noch einen gewissen mystischen Reiz aus. Angelika Pfistner berichtet von "fast täglichen Anrufen durch Interessenten". Und wie reagieren diese, wenn sie von den gefährlichen Fallstricken erfahren? "Die meisten erschrecken."

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