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"Vorgartenidylle an der Tourismusachse"
23.05.2018 - 00:00 Uhr
Gaggenau - "Geschichte erlebbar und begreifbar machen", das ist ein Ziel der Aktivitäten im Kurpark Bad Rotenfels. Wichtiger Aspekt dabei ist das Gedenken an die Menschen, die im damaligen Zwangslager Opfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft wurden. Da, wo sich unter anderem ein Schachfeld befunden hatte, wurden Fundamente freigelegt. Vor dem Sommer sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Hubert Baumstark hat sich mit dem Thema befasst. Er hat in den achtziger Jahren eine Gedenktafel erstellt. Mit dem Architekten unterhielt sich Thomas Senger.

BT: Herr Baumstark, was stört Sie an der Neugestaltung der Gedenkstätte im Kurpark?

Hubert Baumstark: Mir fiel vor 33 Jahren die Aufgabe zu, eine Schrifttafel - der kompakte Text war von einer Arbeitsgruppe erarbeitet worden - zu gestalten. In Bezug auf die zunächst ungeklärte Aufstellungsfrage entwickelte ich zusätzlich eine räumliche Konzeption, in der die Schrifttafel auf einem Pult platziert ungefähr gegenüber dem Zugang zum Rotherma mitten auf der Wiese zu stehen kam, unter der die Spuren der Vergangenheit - Reste von schmalen Streifenfundamenten - kurz zuvor verdeckt worden waren. Nur Trittplatten führten dorthin und jeder Bürger, jede Versammlung war gezwungen, sich auf der offenen Wiese bekennend zu zeigen, sich dem Ort in gewisser Weise öffentlich und schutzlos auszusetzen.

BT: Ich denke, man darf der Stadt attestieren, dass sie sich um ein würdiges Erscheinungsbild bemüht und dem Gedenken der Nazi-Opfer gerecht werden will.

Baumstark: Was derzeit, 33 Jahre später, passiert, ist mir nur aus der örtlichen Presse bekannt geworden, Urheberrechte sind bekanntlich ein flüchtiges Gut. Was ich zuletzt vor Ort gesehen habe, ist jedenfalls weit entfernt von der ursprünglichen raumgreifenden "Denk-mal"-Idee. Sie wird geradezu konterkariert.

Interview

BT: Wollen Sie das kurz erläutern?

Baumstark: Ja, was bedeutet würdig - wir können uns heute nicht wirklich vorstellen, was man den Menschen in diesen Lagern zugemutet und angetan hat - man kann es sich auch nicht vorstellen, wenn man noch nie auch nur ähnliches selbst erlebt hat. Jeder erzeugt in seiner Vorstellung andere Gedanken und Bilder dazu. Das Entwickeln von Gedanken und Bildern benötigt persönliche Bereitschaft, benötigt Zeit des Verweilens, benötigt ungestörte Konzentration und Ruhe. Ein Gedenkort muss diese Rahmenbedingungen befördern, um würdiges Gedenken zu ermöglichen.

BT: Genau darum bemüht sich die Stadtverwaltung.

Baumstark; Kann es dazu ein würdiges Erscheinungsbild geben? Kann man das Grauen illustrierend verdeutlichen? Helfen Pflasterwege, ein Bänkchen, ein Blumenbeet, ein Stückchen Mauer?

All das dient mehr der Ablenkung und der Zerstreuung. Die Baracken und Zäune sind weg. Der von über 1000 Menschen zertretene Boden wurde zum Park. Es kann meines Erachtens an dieser Stelle kein würdigeres Erscheinungsbild geben als den freigehaltenen Raum.

BT: Andere Leute wünschen sich vielleicht etwas Anderes; und kann nicht die Pflege einer Erinnerungsstätte, können nicht der Anblick einer Blume, eines Gedenkkranzes, eben das zum Ausdruck bringen: Wir vergessen euch nicht und das Grauen, das euch widerfahren ist?

Baumstark: Das ist etwas anderes. Eine abgelegte, verwelkende Blume, ein Gedenkkranz sind individuelle, vergängliche Zeichen der Erinnerung. Darum geht es nicht.

BT: Sondern?

Baumstark: Vielleicht muss ich an dieser Stelle die ursprüngliche Denkmalidee doch kurz genauer beschreiben: Die bildgebenden Objekte des Gedenkortes sind verschwunden, Fundamentreste von der Wiese überdeckt. Geblieben ist ein weiter Landschaftsraum. Auf einem kleinen Sockel steht dort mittendrin verloren ein einsames Pult, das sich dem Passanten zuwendet, ihn auffordert, hinüber zu gehen und zu lesen, was auf der dort liegenden Tafel geschrieben steht. Der Passant steht lesend mit dem Rücken zu den derzeitigen Nutzungen des Ortes und blickt über die Wiese gegen den angrenzenden Wald. Der Text auf der Tafel ist durch Brüche gestört. Stammt die Schrifttafel vielleicht aus einer früheren Zeit? War das frühe Gedenken sogar in Vergessenheit geraten, die Schrifttafel bereits zerbrochen im Schutt der Geschichte? Das Gedenken wurde offenbar wieder erinnert, die alte Tafel wieder aufgefunden, vielleicht auch umgekehrt, unter Mühen wurde sie wieder zusammengefügt und schwebt seither über einem zweigeteilten Sockel - weiterhin bruchgefährdet - einsam in einem weiten Landschaftraum.

BT: Und wie ist es heute - aus Ihrer Sicht?

Baumstark: Für ihr Bekenntnis zu diesem Gedenken hat die Gesellschaft eine geschichtliche Distanz von 40 Jahren benötigt. 33 Jahre lang hat meine reduzierte Rauminstallation seither würdigem Gedenken gedient. Jetzt wird die Gedenkstätte in eine Vorgartenidylle verwandelt, wird als geschichtsloses Ersatzbild des Verlorenen eine Ruinenecke aufgebaut, wird die Rauminstallation von 1985 zerstört und die Gedenktafel umgedeutet zum beiläufigen Subtext einer kleinteilig überinstrumentierten Gartengestaltung am Rande einer Tourismusachse. All das verstört mich.

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