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Zwischen Aufbruch und Notstand
17.05.2018 - 00:00 Uhr
Von Daniel Melcher

Rastatt - Säulen, die demokratisch-freiheitliche Errungenschaften leuchten lassen, die erste Rede einer Frau im Parlament, eine Tasche Geld, nur um einen Laib Brot zu kaufen (Hyperinflation), soziale Not, Wohnungsbau, Abschied vom Militär, Aufbruch in die Moderne mit Freizeit-Unterhaltung, Kunst und Industrie: Die neue Ausstellung im Stadtmuseum Rastatt (Eröffnung heute Abend, 18 Uhr, in der Galerie Fruchthalle) arbeitet erstmals die Zeit der Weimarer Republik (1918 bis 1933) mit stadtgeschichtlichem Bezug auf. Eine gelungene Schau, in der es viel zu sehen, zu hören, manches sogar zu (er-)fühlen gibt.

"Es lebe das Neue!?" (in Anlehnung an den Spruch Philipp Scheidemanns bei Ausrufung der Republik im November 1918) - "Rastatt in der Weimarer Republik, ein Stück Demokratiegeschichte" ist sie überschrieben. Zum Ausdruck kommt darin, dass man in der Museumslandschaft die lange eingenommene Sichtweise mit Fokus auf die gescheiterte Übergangszeit zunehmend überwinden und Weimar auch als "Grundlage unserer demokratischen Gesellschaft" zeigen will. Dass die Weimarer Republik nach der Nazidiktatur, durch die sie beendet wurde, auch von der jungen Bundesrepublik distanziert betrachtet wurde ("Bonn ist nicht Weimar"), habe dazu geführt, dass sie deutschlandweit lange ein museales Stiefmütterchendasein fristete. Die Rastatter Schau, von Museumsleiterin und Kunsthistorikerin Iris Baumgärtner zusammen mit Historikerin und Museumsvolontärin Patricia Reister konzipiert, weist den Macherinnen zufolge in ihrem Fokus auf die breite stadtgeschichtliche Ebene über den gesamten Zeitraum hinweg nun sogar ein Alleinstellungsmerkmal auf.

Angemessen groß ist sie geworden, die größte überhaupt bislang im Stadtmuseum. Auf 400 Quadratmetern können Besucher knapp 300 Objekte auf sich wirken lassen, verteilt auf neun Räume und 30 Vitrinen. Dass man dabei auf knappe Texte und umso größere Rahmenkarton-Tafeln sowie interaktive Elemente setzt, kommt der Intention der Ausstellung zugute: Die Menschen für "die ersten Gehversuche unserer Demokratie" und die Umstände, unter denen sie stattfanden, zu interessieren.

Gerade Rastatt als Grenz- und Garnisonsstadt wurde vom Versailler Vertrag nach Ende des Ersten Weltkriegs schwer getroffen. Ein Embargo schwächte die Wirtschaft, weil es die Handelsbeziehungen ins Elsass kappte, von wo aus wiederum Flüchtlinge aufgenommen wurden, und auch die Entmilitarisierung - rund 5000 Mann verließen die Stadt - zwang Unternehmen, die das Militär beliefert hatten, zur Schließung. Unter anderem die Sorgen und Nöte der Menschen lassen sich in der Ausstellung erstöbern; der erste Rastatter Oberbürgermeister August Renner bemühte sich, die Situation zu verbessern. Zwischen wandgroßen Fotos, dem Nachbau eines Wohnraums mit Möbeln der Rastatter Fabrik Trefzger (ermöglicht durch eine Haushaltsauflösung), einem Postamt-Telefon von 1928 und Mode der neuen Zeit bewegt sich der Betrachter weiter in die verschiedenen Themenfelder der Schau: Stadtpolitik mit Gedenkfeiern für die Freiheitskämpfer (erst jetzt durfte man den Begriff verwenden) der Badischen Revolution 1849, Arbeitsförderprogramme zum Abbruch noch bestehender Festungsbereiche, Ideen für sozialen Wohnbau, Umgestaltung des Schlossgartens vom Exerzierplatz zur Parkanlage, Gewerbe- und Industrieausstellung. Hunger und soziales Elend (Besucher können sich daran versuchen, ein Suppenrezept für zehn Personen aus der Weimarer Mangel-Zeit zusammenzustellen), aber auch der Aufbruch ins Freizeit-Zeitalter (die kurzen "goldenen Zwanziger"). Mit Kinos, wie sie auch in Rastatt eröffneten (im Museum lässt sich auf drei Sitzen aus der Weimarer Zeit Platz nehmen), Musik, Vereinsleben sowie Kunst und Kultur, die das gesellschaftliche Leben bereicherten.

Per Gratis-Audio-Guide, aufgenommen in der Musikschule und besprochen von Gabi Oestreicher und Klaus Winterhoff, lassen sich an 60 (!) Stationen Zusatzinfos abrufen, französische Besucher bekommen eine Begleitbroschüre in ihrer Sprache. Kongenial üppig fällt das Begleitprogramm aus, das 30 Veranstaltungen bis hin zum Charleston-Workshop sowie Angebote für Schulen und Integrationsklassen umfasst. Zu sehen ist die Ausstellung in der Herrenstraße 11 bis zum 3. Februar 2019.

www.stadtmuseum-rastatt. de

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