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Flüchtlingshilfe und Extremismusverdacht
28.08.2018 - 00:00 Uhr
Von Daniel Melcher

Rastatt - Seit etwas mehr als zwei Jahren hat die Al-Takwa-Moschee in Rastatt geöffnet, einer breiten Öffentlichkeit war sie bislang jedoch nicht bekannt - bis jüngst darüber berichtet wurde, dass der Verfassungsschutz die Moschee in der Lochfeldstraße in den Blick genommen hat. Dessen Befürchtung: Dort könnten Flüchtlinge indoktriniert werden, die Moschee soll der politisch-islamistischen Muslimbruderschaft nahestehen. Die vor Ort Verantwortlichen weisen das zurück.

Ortstermin Lochfeldstraße: Dass hier neben den drei bekannten Rastatter Moscheen eine weitere gegründet worden ist, ist von außen kaum erkennbar. Im ersten Stock eines Gewerbe-/Industriezweckgebäudes ist sie in Räumen eines ehemaligen Fotostudios eingerichtet worden, über dem Eingang hängt das Namensschild des neuen Trägervereins "für Integration und Völkerverständigung Baden-Württemberg", im Erdgeschoss führt der Weg am Gebetshaus der russisch geprägten "Christlichen Gemeinde Rastatt" vorbei und die Stufen hinauf. "Wir machen nichts heimlich, wenn wir da sind, stehen die Türen offen", betont Dr. Mohamed Ayoub. Seit 25 Jahren lebt er in Deutschland; er wohnt in einer Kreisgemeinde, ist Vorsitzender des Vereins und in der Al-Takwa-Moschee Ansprechpartner. Dass man in ein radikal-islamistisches Licht gerückt werde, gleiche einem "Totalschaden".

Er erläutert: Seinen Ursprung habe die Gründung der Moschee im Wunsch von Flüchtlingen aus dem arabischsprechenden Raum, Hilfe zu erhalten im Umgang mit Behörden, bei der Wohnungs- oder Jobsuche, Führerscheinfragen, beim Verständnis für die örtlichen Gepflogenheiten. Immer mehr Hilfesuchenden hätten sich bei ihm, der aus Ägypten stammt, gemeldet. Da habe sich angeboten, einen Treffpunkt einzurichten - zumal es in Rastatt zwar drei türkisch geprägte Moscheen gibt, aber eben noch keine für Menschen aus dem arabischsprachigen Raum. Das war 2016.

Inzwischen werde die Moschee von Menschen aus Syrien, Algerien, Ägypten, dem Irak, aber auch Pakistan, Indien oder Bosnien besucht, 200 bis 300 Muslime kämen zum Freitagsgebet, so Ayoub, am Wochenende würden Sprachkurse und andere Hilfestellungen angeboten, alles ehrenamtlich und nur durch Spenden finanziert, die kaum ausreichten, um die Miete zu bezahlen.

Politische Auseinandersetzung aber sei nicht seine Aufgabe, betont der promovierte Biochemiker. Die Ideologie der Muslimbruderschaft teile er ebenso wenig, er stehe für multikulturelle Demokratie und Meinungsfreiheit ein. Er zeigt auf die Hausordnung, laut der es "streng untersagt" ist, innerhalb der Moschee "zu einer Partei, Organisation, Gruppierung etc. aufzurufen, sonst drohen rechtliche Konsequenzen". Weiter heißt es: "Der Verein distanziert sich von jeglicher Form von Extremismus, Nationalismus, Terrorismus, Diskriminierung, Intoleranz." Man wolle sich öffnen, transparent sein; per Smartphone mache man zudem Tonaufnahmen der Predigten.

Warum dann der Verfassungsschutz? Das hat mit Dr. Saad Elgazar zu tun, Vorstand und Geschäftsführer der Sächsischen Begegnungsstätte (SBS), unter deren Banner die Moschee in Rastatt gegründet worden war. Diese hat bereits in Sachsen mehrere muslimische Gebetsstätten errichtet und versucht, auch in Baden-Württemberg Fuß zu fassen, nachdem Elgazar eigenen Angaben zufolge nach Karlsruhe gezogen ist. Über die SBS schreibt der sächsische Verfassungsschutz, dass sie "durch die Schaffung von vermeintlich seriösen Angeboten für Muslime" versuche, "im extremistischen Sinne Einfluss auf die islamische Gemeinschaft zu erlangen". Auch hierzulande sieht man das so. Alles weise darauf hin, dass man es bei der SBS "mit Leuten zu tun habe, "die im Sinne der Muslimbruderschaft arbeiten wollen", die ein von "religiös-totalitärem Denken bestimmtes Gemeinwesen" im Blick hätten, so Herbert Landolin Müller, Abteilungsleiter beim Verfassungsschutz in Baden-Württemberg.

Stadt setzt auf Einbeziehung

"Quatsch", sagt Elgazar. Die SBS habe keine Beziehung zur Muslimbruderschaft. Doch ausgerechnet der Geschäftsführer wird vom sächsischen Verfassungsschutz als Bindeglied zwischen den Muslimbrüdern, der ebenfalls als extremistisch eingestuften IGD (Islamische Gemeinschaft in Deutschland) und der SBS gesehen. Der Mann, der auf ein Renommee als international tätiger Physiker verweist, bestreitet das. Beim Gespräch in der Al-Takwa-Moschee zeigt er Fotos, die ihn auf einer Feier mit dem damaligen Ministerpräsidenten Sachsens Stanislaw Tillich zeigen - auf dessen Einladung hin, wie er betont, - und mit dem Dresdner OB, der sogar eine SBS-Broschüre in der Hand hält. Auch einen Vertrag mit der Jüdischen Gemeinde Dresden über ein gemeinsames "Friedensfest der Kinder Abrahams" hat er dabei. Dokumente, die beweisen sollen, dass man sich seit Jahren im Dialog befinde. Und die so ganz im Gegensatz zu den Aussagen der Verfassungsschützer stehen, wonach Elgazar über mehrere Jahre im Internet Beiträge veröffentlicht habe, "in denen er ein eindeutiges Bekenntnis zur Muslimbruderschaft abgab, ihre Aktivitäten begrüßte und darüber hinaus auch eine antisemitische Weltanschauung erkennen ließ."

In Mittelbaden sei der Kontakt zwischen Ayoub und Elgazar über einen Dritten hergestellt worden, als es darum ging, die Moschee zu gründen. Idee: Warum nicht als Filiale einer bereits bestehenden Organisation starten? Das würde vieles einfacher machen. Dass die SBS - als gemeinnützige Unternehmensgesellschaft geführt - vom Verfassungsschutz beobachtet werde, habe er nicht gewusst, so Ayoub. Inzwischen hat man sich zwar von der SBS getrennt und den neuen "Verein für Integration und Völkerverständigung" mit Sitz in Karlsruhe gegründet. Akteure seien Menschen, die in der Region leben. Aber auch darin ist Elgazar nicht nur Mitglied, sondern stellvertretender Vorsitzender.

Ist nun der ganze Verein verdächtig, wenn einer seiner Vertreter verdächtig ist? Konkrete Erkenntnisse, ob in der Lochfeldstraße Flüchtlinge mit einer Weltanschauung indoktriniert werden, die fernab demokratischer Vorstellungen liegt, gibt es derzeit nicht. Während der Verfassungsschutz dahingehend weiter prüft, bemüht sich die Stadtverwaltung im Rahmen des Integrationsziels um Kommunikation und Zusammenarbeit. Die städtische Gemeinwesenarbeit setzt auf Einbeziehung auf dem Boden des Grundgesetzes und den interkulturellen Dialog, in den auch die christlichen Kirchengemeinden eingebunden sind. Auch in der Moschee betont man, mitwirken zu wollen; sie war bereits bei der Organisation der interkulturellen Wochen 2017 dabei. Städtische Mitarbeiter waren vor Ort. Ihr Ansatz: Die Hand reichen, die Tür öffnen, Teilnahme ermöglichen, Zusammenarbeit ausloten. Nur so habe man auch Einflussmöglichkeiten.

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