Junge Frau kämpft sich zurück ins Leben

Junge Frau kämpft sich zurück ins Leben

Von Mirjam Hliza

Kuppenheim - Eigentlich wollte sie ihre Berufsschule beenden, einen Job und eine Wohnung finden. Ganz normale Pläne für eine 18-Jährige. Doch seit dem 5. Juli 2013 ist das Leben der Kuppenheimerin Marnie Hägele voller Eigentlichs. An diesem Tag hat die junge Frau einen Autounfall, bei dem sie beinahe stirbt. Diagnose: schweres Schädel-Hirn-Trauma. Doch Marnie Hägele kämpft sich Schritt für Schritt ins Leben zurück. Auch wenn dieses nie mehr so sein wird wie vor dem Unfall, schaut die heute 23-Jährige optimistisch in die Zukunft.

"An den Tag des Unfalls kann ich mich gar nicht mehr erinnern", erzählt Hägele, während sie im Schneidersitz auf einem Stuhl am Esstisch in der Wohnung ihrer Mutter in Kuppenheim sitzt. Sie wollte zur Berufsschule nach Rastatt, der HLA, fahren, war im zweiten Lehrjahr zur Bürokauffrau. Zwei Wege hätte sie zur Auswahl gehabt: über Niederbühl oder über den Zubringer. "Da die Zeit etwas knapp war, habe ich mich für den Zubringer entschieden."

Wie oft sie sich in den kommenden Jahren Gedanken über diese Wahl machen wird, ahnt Hägele am Morgen des 5. Juli 2013 nicht. An der Kreuzung B3/B36/ B462 passiert der Unfall, als Hägele an der Ampel in Richtung Rastatt abbiegt und ein damals 27-Jähriger von Rastatt kommend in ihr Auto rast - er war über Rot gefahren.

Mit dem Rettungshubschrauber kommt Marnie Hägele ins Städtische Klinikum nach Karlsruhe, in einer Not-OP werden ihr Fremdkörper - unter anderem große Glassplitter der Autoscheibe - aus dem Gesicht entfernt. "Die Ärzte hatten wenig Hoffnung, dass sie überlebt", berichtet Marnies Mutter Roswitha Becht, die neben ihrer Tochter am Esstisch sitzt. Denn der Hirndruck sank nicht.

Um dem Gehirn Platz zu geben, wird Marnie Hägele ein Stück der Schädeldecke entnommen. Zehn Tage lang liegt die damals 18-Jährige im Koma. Nach dem Aufwachen kommt sie nach Karlsbad zur Frühreha, ansprechbar ist sie aber immer noch nicht wirklich. Am 10. September 2013 wird ihr die Schädeldecke wieder transplantiert, die Haare müssen dafür noch mal abrasiert werden.

Nach der OP versteht Marnie Hägele zum ersten Mal, was überhaupt passiert ist, als ihre Mutter von dem Unfall erzählt. Und sie realisiert, dass sie nicht mehr sprechen kann. "Drei Tage lang haben wir nur geweint", erinnert sich Becht.

Marnie Hägele kommt zur Reha ins Hegau-Jugendwerk nach Gailingen, knapp 200 Kilometer von Kuppenheim entfernt.

Dort muss Hägele alles neu erlernen. "Sie konnte nichts mehr - außer atmen", verdeutlicht Mutter Roswitha. Eine Therapie nach der anderen steht für die junge Frau daher auf der Tagesordnung: Physiotherapie für das Gangbild, Ergotherapie für den Muskelaufbau, die Feinmotorik und das Gedächtnis, Logopädie um Sprechen zu lernen. "Es ging einfach nichts mehr", betont Hägele. Durch die Gehirnverletzung ist darüber hinaus ihre linke Körperhälfte gelähmt.

Ungefähr ein Jahr dauert die Reha, nach und nach stellen sich die Erfolge ein. Doch oft kann es Marnie Hägele nicht schnell genug gehen. Rennen kann sie zum Beispiel bis heute noch nicht. Ein Schlüsselmoment wäre es, das zu können, gibt die heute 23-Jährige zu - und offenbart: "Ich bin einfach ungeduldig, was das ganze Leben angeht." Sie will endlich ihre Pläne von damals umsetzen: Die Ausbildung abschließen, einen Job und eine Wohnung finden.

Nach der Reha, 2015, beschließt Hägele, deshalb ihre alte Ausbildung wieder aufzunehmen, ein halbes Jahr versucht sie dort Fuß zu fassen. Doch es klappt nicht. Schließlich kommt Hägele in die Einrichtung Karlshöhe Ludwigsburg, die Menschen mit Einschränkungen ausbildet.

Zuerst lebt Hägele dort im Internat, nach ein paar Monaten zieht sie in eine Außenwohngruppe. Übers Wochenende kommt sie oft nach Kuppenheim zurück - mit dem Zug. Auch das Zugfahren musste sie erst lernen, vor allem die Orientierung bereitet der 23-Jährigen oft große Probleme - ebenfalls eine Folge des Unfalls.

Weitere Auswirkungen machen Marnie Hägele bis heute zu schaffen: Sie kann keine komplexen Arbeiten übernehmen, ihre Konzentration lässt nach einer gewissen Zeit nach, sie leidet unter Kreuzschmerzen und Schlafstörungen und hat Probleme mit dem Gleichgewicht - ein Überbleibsel der linksseitigen Lähmung. Zudem steht noch mal ein Termin im Städtischen Klinikum an, da die Schädeldecke nicht komplett angewachsen ist. Und so richtig verarbeitet haben sie und ihre Mutter die Geschehnisse auch noch nicht. "Kann man so etwas überhaupt verarbeiten?", fragt Hägele. Ihre Mutter schweigt kurz. "Es dauert", antwortet sie dann. "Wie früher wird es niemals mehr werden", stellt die 23-Jährige nüchtern fest. Damit es zumindest nicht wieder schlechter wird, muss sie wohl noch Jahrzehnte Logopädie, Physio- und Ergotherapie in ihr Leben integrieren.

Hegt man da nicht auch Groll gegen den Unfallverursacher, der 2014 vom Gericht zu einer Geldstrafe von 6750 Euro verurteilt worden war? Marnie Hägele schüttelt den Kopf. "Mittlerweile ist es mir egal", sagt sie. Gemeldet oder entschuldigt habe er sich nie bei ihr. Sie hatte ihm jedoch einen Brief geschrieben. "Dadurch habe ich mit der Sache abgeschlossen."

Konzentrieren will sich Marnie Hägele nun auf ihre Zukunft. Im Sommer stehen die Prüfungen an. Danach folgt ihr zweites Praktikum in einem Drogeriemarkt in Rastatt. Sie hofft, dort später eingestellt zu werden. Zumindest in Teilzeit, denn Vollzeit wird sie wohl nie arbeiten können.

Dann will sie natürlich endlich eine eigene Wohnung finden, wobei sie auf Mithilfe aus der Bevölkerung hofft. Am liebsten in der Rastatter Innenstadt. Dort kann sie sich gut orientieren.

zurück
1