Benz-Erweiterung setzt Emotionen frei

Schichtwechsel im Benz-Werk - da bildet sich in der Ortsdurchfahrt von Ottersdorf schnell eine Karawane.  Foto: Gangl

Rastatt (ar) - Das Clubhaus des FV Ottersdorf platzte am Mittwochabend aus allen Nähten, denn die Einladung der SPD zur Bürgeranhörung wegen der Benz-Werk-Erweiterung stieß auf großes Interesse. Mächtig waren auch die Emotionen, mit denen sich die Bürger Luft verschafften und ihren Ärger über den zunehmenden Verkehr, den weiteren Verbrauch von Naturflächen und die ihrer Meinung nach ungerechte Behandlung äußerten.

"Der Anspruch der Naturschutzverbände aus dem Jahr 1983, die ökologische Verschlechterung zu verhindern, gilt auch weiterhin", sagte Gunter Kaufmann. Er war bereits bei den ersten Gesprächen vor der Daimler-Ansiedlung in Rastatt für die Naturschutzverbände mit im Boot und ist auch dieses Mal gefragt.

Kaufmann sprach von Diskussionen auf Augenhöhe, was Landwirt Simon Schaaf nicht überzeugen konnte. "Was sind das für Naturschutzverbände, wenn mit den Landwirten, die dort die Flächen bewirtschaften, nicht gesprochen wird?", kritisierte er. Auch Alois Greschner von der Schützengesellschaft Waidmannslust bestätigte, dass mit dem Verein noch keine Gespräche geführt worden seien. "Aber unser Grundstück bekommen sie niemals, keine Chance", sagte er.

"Der Einschnitt in die Natur tut uns weh, das wollten wir eigentlich verhindern, aber wir könnten den Weg mitgehen, wenn die Fläche an anderer Stelle ausgeglichen wird", sagte Gunter Kaufmann, forderte jedoch Daimler dazu auf, den Individualverkehr ins Werk erheblich zu reduzieren.

Dieser Forderung konnte sich Werkleiter Thomas Geier nicht verschließen. Umfänglich erklärte er die Notwendigkeiten, um das künftige Kompetenzzentrum für E-Mobilität am Standort Rastatt aufzubauen. Für die vielen offenen Fragen zur Reduzierung des Verkehrs hatten er und auch die anwesenden Bürger teilweise visionäre Ideen. "Auf dem Merzeau-Gelände sollte ein Parkplatz entstehen, von dem aus die Arbeiter mit einer Seilbahn ins Werk gebracht werden", schlug ein Besucher vor. Geier informierte, man arbeite derzeit bereits an Verkehrskonzepten, unter anderem an der Möglichkeit, Sammelhaltestellen einzurichten wie zum Beispiel am Bahnhof und die Arbeiter direkt ins Werk zu fahren. Ferner sollen Sammelpunkte im Elsass mit einem Buspendelverkehr angeboten werden, und es liefen Planungen, um von Kuppenheim über den Bahnhof Rastatt direkt per Bahn ins Werk Rastatt zu kommen. Außerdem sollen Fahrradstellplätze im Werk ausgebaut, Ladesäulen für Elektrofahrzeuge aufgebaut und die Fahrgemeinschafts-App "Flinc" mehr ins Rampenlicht gerückt werden. Und damit die Rieder bei einer Ausdehnung von Daimler in südliche Richtung nicht durch das Werksgelände fahren müssten, könnte die Ottersdorfer Straße tiefer gelegt werden, so Geier.

Entgegengehalten wurde ihm die Hochwasserproblematik. "Bei noch mehr versiegelter Fläche brauche ich in meiner Garage keinen Mercedes mehr, sondern ein Boot", meinte ein Besucher.

"Wir Bürger im Ried leiden unter dem Verkehr, der ins Werk fährt", betonte auch Rüdiger Haas, ehemaliger Daimler-Betriebsrat. Die Diskussionen zur Reduzierung des Verkehrs habe es schon immer gegeben, doch nun komme zum ersten Mal richtig Druck drauf, sagte er, appellierte jedoch auch, dass Daimler mit seinem Werk und den vielen Arbeitsplätzen ganz ohne Verkehr nicht gehe.

Am Ende nach zwei Stunden Anhörung und Diskussion war bei den anwesenden Bürgern eine Art Resignation zu spüren, zumal auch der Wind einer Drohung vonseiten Daimler zu hören war. "Der Ball liegt nun in den Händen des Gemeinderats", sagte SPD-Fraktionschef Joachim Fischer. Das Merzeau-Gelände wolle man auf alle Fälle in die planungsrechtlichen Voraussetzungen mit aufnehmen. "Wir haben auch ein kommunales Interesse, dass Daimler am Standort lebt und wachsen kann", so Fischer, der einen Kompromiss anstreben möchte, der allen Seiten Rechnung tragen soll.

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