Jetzt ruft der Word-Kurs bei der Volkshochschule

Jetzt ruft der Word-Kurs bei der Volkshochschule

Rastatt - Landrat: Das war für ihn nicht einfach nur ein Job. Als Chef des Landratsamts hat Jürgen Bäuerle der Behörde in den vergangenen 14 Jahren seinen Stempel aufgedrückt und für das Amt gebrannt. Zum Monatsende geht der Kapitän von Bord. Am 27. April feiert er nicht nur seinen 65. Geburtstag, sondern wird zugleich im Kreistagssaal verabschiedet. Im Gespräch mit BT-Redakteur Egbert Mauderer blickt Bäuerle zurück und nach vorn.

BT: Herr Bäuerle, wie schwer fällt es jemanden wie Ihnen, der sein Berufsleben lang Vollgas gegeben hat, jetzt in den Ruhestand zu treten?

Jürgen Bäuerle: Na gut, ich hatte mich im Sommer 2016 innerhalb des kleinen Familienkreises so entschieden und den Entschluss im Frühjahr 2017 bekannt gegeben. Das ist eine ganz bewusste Entscheidung. Ich denke, mit 65 Jahren kann man auch mal loslassen und ein bisschen den Fuß vom Gaspedal nehmen. Auf der einen Seite kommt Freude auf, weil eine gewisse Last von einem fällt und man mehr Zeit hat für die Dinge, die bislang zurückstehen mussten. Auf der anderen Seite wird mir natürlich der Job fehlen. Ich habe es ja sehr, sehr gerne gemacht und werde die Arbeit auch vermissen. Andererseits ist es ganz normal, wenn man in einen neuen Lebensabschnitt eintritt. Also: Zwei Gefühle in meiner Brust. Das muss man ganz nüchtern nehmen und damit zurechtkommen.

BT: Kann man sich denn auf den Ruhestand vorbereiten?

Bäuerle: Gedanklich bereitet man sich schon vor. Man hat den 30. April vor Augen. Dann kommt der Eintritt in den Ruhestand und ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Aber klar: Je näher dieser Tag kommt, desto intensiver spürt man das Ganze.

BT: Wie muss man sich denn künftig das Leben des Pensionärs Jürgen Bäuerle vorstellen?

Bäuerle: Es wird sicherlich etwas gemütlicher zugehen. Da freue ich mich auch drauf. Ich hoffe, dass ich mehr Zeit habe für meine Frau, für meine Familie, auch für Haus und Hof, da habe ich relativ viel zu tun. Da musste in der Vergangenheit viel unter großem Zeitdruck passieren. Jetzt kann ich mir sicher ein bisschen mehr Zeit lassen. Dann möchte ich gerne weiter mit Mountainbike und Rennrad unterwegs sein, nicht wenn ich gerade Zeit habe, sondern auch das Wetter gut ist.

BT: Apropos Rad: Man hört, ein E-Bike sei nicht ihr Ding.

Bäuerle: Ich bin kein E-Bike-Fan. Man soll nie nie sagen, aber noch bin ich in der Lage, darauf zu verzichten. Gott sei Dank, und ich hoffe, das bleibt noch ein bisschen so, dass ich ohne Unterstützung zur Schwarzwaldhochstraße komme.

BT: Welche Band darf auf Sie als Schlagzeuger hoffen?

Bäuerle: Nur die Silverboys, das ist keine Frage. Da bin ich jetzt 44 Jahre dabei und es wird auch so bleiben, solange wir gesund sind und uns weiter so richtig gut vertragen. Wir haben einfach die gleiche Vorstellung von der Musikrichtung. Großartige Auftritte müssen nicht sein. Aber es macht einfach Spaß mit den Jungs, ich denke, dass wir die Probenarbeit ein bisschen intensivieren und vielleicht vom sechswöchigen auf den vierwöchigen Rhythmus gehen.

BT: Ist ein Ehrenamt in Sicht?

Bäuerle: Ich werde schon gefragt und habe das Thema - wie sagen die Verwaltungsleute so schön - für 1. Oktober auf Wiedervorlage gelegt. Ich muss jetzt erst mal die nächsten fünf bis sechs Monate erproben und gucken, wie das so alles läuft. Und dann kann man Gespräche führen, aber ich werde mich auf keinen Fall vereinnahmen lassen. Bis 2020 dabeibleiben werde ich bei der Josef-Saier-Stiftung in Ötigheim. Ich habe mit meinem Nachfolger bereits darüber gesprochen. Ich fände es sehr gut, wenn dann der neue Landrat das Amt des Stiftungspräsidenten übernimmt.

Interview

BT: Vor 14 Jahren hat das BT anlässlich ihrer Wahl geschrieben, die großen Schlachten seien geschlagen. Kann es sein, dass das Undenkbare geschehen ist und sich der BT-Kommentator kolossal geirrt hat?

Bäuerle (lacht): Rückblickend waren die großen Schlachten sicher geschlagen. Aber im kommunalen Leben stehen eben immer ungeahnte Schlachten an. Wenn man nur die großen Herausforderungen Unterbringung der Flüchtlinge, PFC-Belastung, Umsetzung der Klinikum-Fusion sieht. Dann der Neubau des Landratsamts. Die Entscheidungen waren zwar getroffen, aber der Bau stand an. Es war eine sehr schöne Aufgabe. Das passiert wahrscheinlich selten in einem Berufsleben, dass man ein Objekt mit 45 Millionen Euro federführend begleiten darf. Dann mussten im Zuge der Verwaltungsreform viele Mitarbeiter integriert werden. Ich denke, da haben wir mit dem Programm "Landratsamt 2011" viel miteinander bewerkstelligen können. Die Ergebnisse der Mitarbeiter- und Kundenbefragung zeigen, dass wir gemeinsam mit der ganzen Mannschaft auf einem guten Weg sind. Da war ich natürlich schon erleichtert.

BT: Sie haben die Bewältigung des Flüchtlingszuzugs angesprochen. Hatten Sie mal das Gefühl: "Wir schaffen das nicht"?

Bäuerle: Ja, es gab schon Zeiten, da hab ich schlecht geschlafen. Da hast du morgens auf dem Weg ins Geschäft nicht gewusst: Packen wir das? Ich erinnere mich noch an einen Freitagmorgen. Wir hatten Sitzung, wie geht es weiter, wir bekamen ja im Monat über 400 Flüchtlinge zugewiesen. Die Lyzeumstraße 23 war gerade soweit klar. Dann der Anruf aus Karlsruhe: Es kommen noch mal zwei Busse. Dann hast du wieder keine Luft zum Atmen. Das war eine sehr schwierige Zeit. Insgesamt haben wir es aber trotzdem gut hinbekommen, mit Unterstützung der Städte und Gemeinden und der Ehrenamtlichen. Unsere Verwaltung hat richtig gut gearbeitet. Aber wenn wir so unstrukturiert organisiert gewesen wären wie auf Bundes- und Landesebene, dann hätten wir das nicht hinbekommen.

BT: Hat das Amt sie verändert?

Bäuerle: Das würde ich so nicht sehen. Von meiner Philosophie, von meiner Führungskultur, vom Umgang miteinander, da hat sich nichts nennenswert geändert. Aber die Beurteilung würde ich dann doch lieber meiner Umwelt überlassen.

BT: Wo sehen Sie den größten Erfolg ihrer Amtszeit?

Bäuerle: Ach, was heißt Erfolg? Ich denke, es ist uns gelungen, die Verwaltung gut fortzuentwickeln. Ich habe immer gesagt, wir müssen uns als Mittelbadener noch besser positionieren zwischen dem Oberzentrum Karlsruhe und dem Ortenaukreis. Ich glaube, dass wir durch die interkommunale Zusammenarbeit, auch über die Wirtschaftsregion Mittelbaden unter Einbindung der Unternehmen, ein gutes Stück zusammengerückt sind. Das Partnerschaftliche und die Vernetzung machen uns stark: Stichworte Energieagentur, Mobilitätskonzept, Leader-Förderkulisse, Gesundheitskonferenz, Breitbandversorgung, Starkregenrisikomanagement.

BT: Sehen Sie in Ihrer Amtszeit ein Versäumnis?

Bäuerle: Ich hoffe, das klingt jetzt nicht überheblich, aber wenn ich zurückblicke: Der Zielerreichungsgrad ist ordentlich. Insoweit passt das.

BT: Beim Thema Breitband hinkt der Landkreis anderen Regionen hinterher. Haben Sie diese Aufgabe unterschätzt?

Bäuerle: Überhaupt nicht. Ich habe ganz bewusst gesagt, dass wir nicht ganz vorne sein müssen. Das war für alle Neuland. Es hat sich gelohnt, zu warten, weil wir im Vergleich zu vielen anderen Landkreisen eine richtig gute Förderquote mit immerhin 70 Prozent von Bund und Land haben. Und wir konnten ein bisschen von den Landkreisen lernen, die relativ früh am Start waren. Die Bundes- und Landesförderung hat sich absolut bezahlt gemacht. Die, die mit Landesmitteln früher an den Start gegangen waren, haben jetzt große Probleme, noch an die Bundesförderung zu kommen.

BT: Unter ihrem Vorgänger tauchte am Horizont schemenhaft die Vision einer Fusion des Landkreises Rastatt mit dem Stadtkreis Baden-Baden auf. Sehen Sie überhaupt eine Möglichkeit, dass so etwas Realität wird?

Bäuerle: Ich sehe gar keine Notwendigkeit und auch keine Sinnhaftigkeit. Die Vergangenheit hat gezeigt: Wenn wir konstruktiv-partnerschaftlich zusammenarbeiten, bringt man viel mehr gemeinsam auf die Reihe. Sei es das Klinikum, die integrierte Leitstelle, die wir über den kommenden Jahreswechsel in Betrieb nehmen werden, die Wirtschaftsregion, Energieagentur, Medienzentrum. Wir sind auch als Gesundheitsamt und Landwirtschaftsamt für Baden-Baden zuständig. So passt das viel besser.

BT: Aber wenn man schon so viel gemeinsam macht, kann man doch gleich einen Laden draus machen.

Bäuerle: Die Frage ist doch, welchen Nutzen beide Partner daraus ziehen. Und da erschließt sich mir keiner.

BT: Wo sehen Sie denn die größten Herausforderungen für Ihren Nachfolger?

Bäuerle: Man sieht ja die ersten Wölkchen am Konjunkturhimmel, und da wird sicherlich mittelfristig die Herausforderung sein, die Haushaltslage zu stabilisieren, weil sich wahrscheinlich die Steuereinnahmen ein bisschen zurückentwickeln. Und wenn die Konjunktur nicht so läuft, dann schlägt sich das negativ auf den Arbeitsmarkt nieder. Das heißt, ich habe auch negative Entwicklungen im Sozialetat, der ja mehr als die Hälfte unseres Haushaltsvolumens in Anspruch nimmt. Wenn die Schere auseinandergeht - weniger Steuereinnahmen, höherer Sozialetat -, dann steht der Landkreis vor einer Herausforderung. Bei der Breitbandversorgung geht es jetzt in die Umsetzung; das ist eine Kärrneraufgabe in der Fläche. Dann werden uns sicherlich die strukturellen Veränderungen unserer kommunalen Kliniken einschließlich deren Finanzierung beschäftigen. Das wird permanentes Thema sein.

BT: Zum Schluss der Bogen vom Amt ins Privatleben. Im Vorwort des aktuellen VHS-Programmhefts schreiben Sie, Sie würden jetzt die Volkshochschule von der anderen Seite kennenlernen. Haben Sie schon einen bestimmten Kurs im Blick?

Bäuerle: Im Blick ja, aber noch nicht gebucht, weil ich jetzt erst einmal gucken muss, wie das im Ruhestand alles stabil läuft. Ich habe ja Gott sei Dank einst auf Anraten meines ersten Chefs abends in der Handelsschule Bühl einen Schreibmaschinenkurs gemacht. Das funktioniert einwandfrei bis zum heutigen Tag. Aber jetzt bekomme ich ja nicht mehr alles so schön formatiert. Ich werde deshalb unbedingt einen Word-Kurs belegen. Da muss ich was tun.

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