Auch ein Ausflug in die eigene Jugend

Auch ein Ausflug in die eigene Jugend

Von Sebastian Linkenheil

Rastatt - "Das Murgtal gehört zu den schönsten Gegenden des deutschen Vaterlandes", schrieb der in Bühl geborene Historiker und Reiseschriftsteller Aloys Schreiber schon 1811. Touristisch erschlossen wurde das Schwarzwaldtal von Rastatt aus. Deshalb hat es schon seine Berechtigung, dass das Museum der Barockstadt sich an der Kooperation "Landpartien Nordschwarzwald" mit seiner neuen Sonderausstellung "Von Rastatt ins romantische Murgtal" beteiligt. Heute um 18 Uhr wird sie eröffnet.



Die mit anschaulichen Exponaten reich bestückte Schau im Erd- und Kellergeschoss des Rastatter Stadtmuseums erlaubt einen Gang durch die regionale Geschichte des Reisens vom 16. bis ins 20. Jahrhundert. Warum kam man nach Rastatt und ins Murgtal? Natürlich sind die Schlösser ein wichtiges Ziel. Schon kurz nach ihrer Erbauung zog etwa die Residenz des berühmten Türkenlouis Besucher an, weiß Iris Baumgärtner, die als Museumsleiterin die Ausstellung kuratiert hat. Doch bereits viel früher, Ende des 16. Jahrhunderts, war Rastatt Poststation. Kutschen auf der Fahrt nach Straßburg oder gar Mailand machten Halt, um Pferde zu wechseln. Auch die Reisenden stiegen aus, aßen, tranken und staunten sicher über das enorm große Rastatter Weinmaß. Ob man nach diesem Trunk noch in der Lage war, das heute verschwundene Renaissanceschloss zu besichtigen? Wer weiß es?

Dass illustre Gäste in Rastatt abstiegen, kann man in der Ausstellung lernen. Die Liste reicht vom dritten US-Präsidenten Thomas Jefferson über den Dichter Hölderlin und den Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy und hört beim Naturforscher Alexander von Humboldt noch lange nicht auf. Wie diese Herrschaften über Rastatt urteilten, lässt sich in der Ausstellung nachlesen. Seit dem Rastatter Kongress (1797 bis 1799) entdeckten sie auch das Murgtal.

Das Stadtmuseum illustriert die Geschichten mit vielen schönen Grafiken, unter denen jene von Josef Durler hervorstechen. Sie zeigen die Rastatter Biedermeier-Idylle kurz vor dem Festungsbau. Die Besucher werden viele markante Gebäude wiedererkennen. Zahlreich sind auch die Darstellungen von Schloss Favorite, das im 19. Jahrhundert Kurgäste aus dem nahen Baden-Baden anzog. Darunter auch den Großherzog von Sachsen-Weimar. Dessen Begleiter Bernhard von Answald hielt das Interieur des Schlösschens als erster in Zeichnungen fest. Das Stadtmuseum zeigt sein Album, eine Leihgabe der Staatlichen Schlösser und Gärten. Die Ausstellung schöpft neben dem eigenen Depot ferner aus den Beständen des Kreisarchivs und des Stadtarchivs Rastatt, aus den Stadtarchiven Gaggenau und Gernsbach sowie aus privaten Sammlungen.

Schier unermesslich ist die Flut an Bildern, die das 19. Jahrhundert von den malerischen Orten des Murgtals produzierte. "Die Romantiker fanden dort genau die Landschaft, die sie suchten", weiß Iris Baumgärtner, dass vor allem Malerei und Grafik das landläufige Bild des Schwarzwalds und seiner Schönheiten prägten. Dabei war es gerade die scheinbar wilde, ungezähmte Natur, die die Zeitgenossen der beginnenden Industrialisierung begeisterte. Auch an die Kurmode knüpfte man an mit Heilbädern in Bad Rotenfels, Gernsbach und sogar in Rastatt selbst.

Der Besucher kann aber nicht nur in längst vergangene, heute ferne Zeiten eintauchen. Die Ausstellung punktet gerade damit, dass dem 20. Jahrhundert gebührend Raum gegeben wird. So könnte der Ausstellungsrundgang für viele ein Ausflug in die eigene Jugend werden. Mancher Besucher wird sich zum Beispiel noch an das ovale Verkehrsbüro aus den 1950er Jahren in der oberen Kaiserstraße erinnern. Die Ausstellungsmacher haben den Pavillon sogar nachgebaut. Postkarten, Plakate, Modellzüge und eine echte Lambretta erinnern an die Jahre des beginnenden Wirtschaftswunders, als noch wenige eine Auslandsreise finanzieren konnten, aber man dafür nicht weniger vergnügt ins Murgtal brauste. Auch der SWR hat sein Filmarchiv geöffnet. So kann das Stadtmuseum unter anderem einen Spaziergang durch Rastatt von 1965 zeigen.

Die Vernissage findet heute Abend im Rossi-Haus statt. Die Ausstellung dauert bis 2. Februar 2020 und ist mit zahlreichen Veranstaltungen gespickt. Ein Programm liegt aus. Öffnungszeiten: Donnerstag bis Samstag 12 bis 17 Uhr, Sonn- und Feiertage 11 bis 17 Uhr.

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