Apfelschuss und Jubiläumsfieber

Apfelschuss und Jubiläumsfieber

Von Manuela Behrendt

Ötigheim - Maximilian Tüg, Geschäftsführer der Volksschauspiele Ötigheim (VSÖ), hat für den Theatersommer 2020 einen großen Traum: "Am liebsten wär's mir, wenn für unseren ,Tell' im Festjahr die Bühne mit zahllosen Akteuren aus allen Nähten platzt."

Tügs Vision geht zurück auf den 3. Juli 1910, als Friedrich Schillers "Wilhelm Tell" erstmals mit riesiger Darstellerbeteiligung auf der Freilichtbühne zu sehen war. Die zweite Aufführung nach der Premiere erlebten berühmte Royals ihrer Zeit: Großherzog Friedrich II samt Gattin Hilda. Der Rest ist beispiellose Geschichte. Der schweizerische Freiheitskämpfer gab dem Tellplatz seinen Namen. Örtlichkeiten auf der Bühne tragen Bezeichnungen aus Schillers Drama, wie der Rütli, das Stauffacher Haus, die Hohle Gasse. Der "Tell" ist das meistgespielte Stück vor der atemberaubenden Kulisse des badischen Naturtheaters.

Grund genug, im 110. Jahr nach der Ötigheimer Erstaufführung diese Story einmal mehr im Telldorf lebendig werden zu lassen. Im anstehenden Festsommer will man es neben der über die regionalen Grenzen hinaus bekannten schauspielerischen Qualität auch quantitativ krachen lassen. "Volk spielt fürs Volk" soll nach Möglichkeit wie schon im Jahr 1910 mit großen Massenszenen umgesetzt werden. Dafür ist inhaltlich bei "Wilhelm Tell" der Boden bereitet, denn das Freiheitsdrama ist in den drei Kantonen Schwyz, Uri und Unterwalden zu Hause. Fehlt nur noch, die Kantone auf dem Tellplatz mit Bewohnern zu bestücken.

Für den Theatersommer 2020 gilt vor und auf der Bühne: Dabeisein ist alles! Über jeden Neuzugang, egal welchen Alters, freut man sich bei den VSÖ, und das nicht nur in Vorplanung für den Jubiläumstheatersommer. Lust aufs Mitmachen? Einfach hingehen und Teil dieser großen Familie werden! Ich nahm diese offene Einladung beim Wort. Nun bin ich mittendrin, gehöre zum Altdorfer Volk beim berühmten Apfelschuss. Als mir Tüg eröffnete, man könne mich für diese Szene einsetzen, stockte mir der Atem. Erinnerungen wurden wach. Erstmals erlebte ich in den ausgehenden 1970er Jahren den "Tell" in Ötigheim. Schillers Werk stand im Deutschunterricht auf dem Plan. Seine Zeilen in meiner gelben Reclam-Ausgabe hatte ich regelrecht verschlungen. An einem durchwachsenen Sonntagnachmittag war ich als Teenager absolut überwältigt, als der ehrbare Schweizer in Gestalt des Ötigheimers Josef Kühn live als neuer Held neben Han Solo und Winnetou in mein jugendliches Leben trat. Als Tell seinem Sohn das pausbäckige Obst vom Haupt schoss, waren für mich der Häuptling der Apachen und der Weltraumpilot passé.

Gute 40 Jahre später werde ich nun selbst auf dem Tellplatz mitspielen in dem Stück, das mir als Jugendliche gehörig den Kopf verdrehte. Bald geht es los mit der Arbeit dafür. Ich bin sehr gespannt darauf. Seinen ersten Einsatz für das Stück hatte bereits der Bühnenfotograf Jochen Klenk. Es gibt ein tolles PR-Foto mit dem Tell-Darsteller und hauptberuflichen Mimen Stefan Roschy. Sein vielsagender Blick direkt ins Auge des Betrachters sowie die gespannte Armbrust mit eingelegtem Pfeil sagen uns: "Der wartet auf den Gessler." Ich denke beim Anblick des Fotos nur: "Wenn der so spielt, wie er guckt, wird der Ötigheimer ,Tell' im Sommer ein Bringer."

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