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Bäckerei Wieland schließt "schweren Herzens"
09.12.2017 - 00:00 Uhr
Von Hartmut Metz

Gernsbach - "Bei mir herrscht Volkstrauertag!", bedauert die Frau, als sie für sich, ihre Mutter und eine weitere Dame Kaffee bestellt, und schiebt gegenüber Ulrike Wieland-Blank wehmütig nach, "es ist doch hier wie daheim im Wohnzimmer!" Auf diese heimelige Atmosphäre müssen die Reichentäler künftig verzichten. Die Bäckerei Wieland macht nach mehr als 150 Jahren dicht.

Noch 21 Tage, dann ist Schluss: Reichental verliert sein letztes Lebensmittelgeschäft. Seit vier Generationen hatte die Familie frühmorgens für frische Brötchen gesorgt. Am 30. Dezember steht Bäckermeister Volker Blank nach sechs Jahrzehnten noch einmal aus beruflichen Gründen um 2 Uhr auf, geht in die Backstube und formt seine Brötchen und Laugengebäck oder schiebt den Teig für seine mehrfach ausgezeichneten "Buttermilch- und Dinkelvollkornbrote als meine Spezialitäten" in die Hitze des Backofens. Um 5.30 Uhr öffnet hernach Gattin Ulrike Wieland-Blank wie immer seit 2003 in der Badstraße 3 die Pforten ihres "Reichentaler Markts" und empfängt die Frühaufsteher des Ortes zum letzten Mal. "Schweren Herzens", betont die 56-Jährige mit Blick auf die Mitte des 19. Jahrhunderts begründete Familientradition.

"Würde eigentlich gerne weitermachen"

"Eigentlich würde ich gerne weitermachen - aber es gibt keinen Nachfolger", stellt die Bäckermeisterin klar. Ihr Ehemann, der bis 1980 in Berlin eine selbstständige Bäckerei führte, hat mittlerweile 75 Lenze auf dem Buckel. Sohnemann Tom hat im Benz-Werk Kfz-Mechatroniker gelernt und studiert inzwischen lieber. Papa Volker zeigt Verständnis, dass der 25-Jährige nicht in die Fußstapfen des Vaters tritt, um die Familientradition in fünfter Generation aufrecht zu erhalten: "Tom hat ja immer bei uns gesehen, dass wir um 20 Uhr ins Bett sind und um 2 Uhr wieder raus mussten. Das ist schwierig mit Freundschaften - schließlich gehst du bei jeder Geburtstagsfeier früh ..." Zu angenehmeren Arbeitszeiten fern der Zunft lassen sich mit einem sicheren Festgehalt auch eher größere Brötchen backen.

Dass die Zeiten schlechter wurden, bekennen die Ladenbesitzer unverblümt. Eine logische Entwicklung für Wieland-Blank. Sie erinnert sich an ihre Anfänge vor 40 Jahren, als noch statt 710 stolze "1300 Bürger in Reichental wohnten. Damals gab es zwei Bäckereien, zwei Metzgereien, vier Lebensmittelläden, drei Wirtschaften, eine Tankstelle, Post, Frisör, Ärzte und sogar noch einen Schuhmacher - und alle konnten davon leben". Als Letzte gibt sie nun auf, nachdem "vor drei Jahren der Kindergarten zumachte und vor zwei Jahren die Schule, weil alle Familien mit drei Kindern wegziehen. Das merkten wir auch beim Umsatz". Inzwischen lohnt nur noch der Samstag. "Wenn jeder Tag so wäre, würden wir auch einen Nachfolger finden", zeigt sich Volker Blank überzeugt.

Bei der burschikosen Chefin hinter der Auslage weinen sich nun aber Männer aus. "Dauernd werden wir darauf angesprochen", erzählt sie. "Doch wir sind nur zu zweit, Aushilfen finden wir bei den Voraussetzungen auch nicht", schiebt Blank nach. Die Kundin, die drei Kaffee bestellte, schimpft: "Da kommen viele das ganze Jahr nicht, weil es teurer ist als beim Discounter, aber jetzt jammern sie alle!" "Wir bekommen das Material fast nicht billiger, als es die Discounter verkaufen", sieht es Blank ähnlich und wird von seiner Gattin assistiert: "Die Leute fordern immer mehr, sind aber nicht bereit, für Qualität mehr zu bezahlen." Ein Problem, das laut dem Inhaber dazu führt, "dass jeden Tag in Deutschland eine Bäckerei und eine Metzgerei schließen".

Der letzte Ladenschluss trifft die letzte Bäcker-Dynastie des Dorfes nicht nur persönlich im Mark und nagt an der eigenen Psyche. "Ich habe schon in Versammlungen gesagt: An dem Tag, an dem wir zumachen, fallen die Hauspreise um zehn Prozent", hebt Blank hervor. Ortsvorsteher Bernhard Otto Wieland nennt daher das schleichende Sterben eine "kleine Katastrophe für Reichental". Vor allem die wenig mobilen Senioren werden den Nahversorger besonders vermissen. Im "Reichentaler Markt", der anno 2002 durch Zuschüsse aus dem Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum (ELR) für 100000 Euro auf Vordermann gebracht wurde, um ein wichtiges Stück Infrastruktur zu erhalten, konnte jeder immer mit der Eigentümerin ein Schwätzchen halten, das bei Senioren die Einsamkeit für ein paar Augenblicke vertreibt. Aber auch Arbeiter in dem Gernsbacher Stadtteil oder Wanderer haben bald keine Möglichkeit mehr zu einem gemütlichen Zwischenstopp.

"Immer für die Vereine geopfert"

So sehr Bernhard Otto Wieland die Situation bedauert, die er mit dem Ortschaftsrat und Bürgermeister Julian Christ abzuwenden versuchte, hat der Ortsvorsteher allerdings auch Verständnis für die Entscheidung der Bäckermeister. "Wenn es bei den beiden nicht mehr klappt, hat auch ein Nachfolger keine Chance", ahnt der Bau-Unternehmer. Die Situation sei angesichts der schwindenden Bevölkerung "nicht zu ändern. Es muss trotz des negativen Trends weitergehen". Als einzige Alternative sieht das Ortsoberhaupt genauso wie die beiden Ladeninhaber einen "Verkaufswagen, der ein-, zweimal in der Woche vorbeifährt. Wir haben noch keine konkrete Vorstellung", gesteht der Lokalpolitiker und fügt an, "wir strecken unsere Fühler aus, was möglich ist." Dass solch ein Angebot nicht zu ersetzen ist, weiß Wieland aus eigener Anschauung nur zu gut: "Als wir vor dem Sommerfest vergaßen, die Brötchen zu bestellen, haben sich die beiden einmal mehr für die Vereine geopfert und kurzfristig 200 ,Weck' geliefert!"

Der Ausverkauf hat im "Reichentaler Markt" bereits begonnen. Volker Blank deutet auf die gemütlichen Stühle im Eck des Cafés: "Die ganze Einrichtung ist nach Ludwigsburg verkauft." Nach dem Abtransport soll rasch der Umbau in der Badstraße beginnen, wo sich die Wielands vor 26 Jahren angesiedelt hatten. Unter ihrer eigenen Wohnung werden dann zwei weitere neue entstehen - zumindest ein kleiner Beitrag, damit Reichental wieder ein bisschen wächst.

Kleinere Brötchen müssen jedoch künftig in der 700-Seelen-Gemeinde auf alle Fälle gebacken werden, so sehr es Ulrike Wieland-Blank auch tagtäglich das Herz zerreißt bis zum Verkauf des letzten Buttermilchbrots.

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