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"Reichental ist wie eine große Familie"
30.08.2018 - 00:00 Uhr
Von Stephan Juch

Gernsbach - "Das Seepferdchen ist das nächste Ziel." Auch wenn dies angesichts der zu Ende gehenden Freibadsaison wohl noch etwas dauern wird, ist Kilian Lange zuversichtlich. Seit Mitte Juli gibt er der Familie Balaseni aus dem Irak ehrenamtlich Schwimmunterricht. Die Jesiden sind vom sogenannten Islamischen Staat (IS) aus ihrer Heimat vertrieben worden. Die Flucht der zwölfköpfigen Familie begann 2015 - und führte schließlich über viele Umwege nach Reichental.

Im idyllisch gelegenen Gernsbacher Bergdorf haben sie eine neue Heimat gefunden. "Wir fühlen uns hier wohl, Reichental ist wie eine große Familie", freut sich Sharzan. Die 13-Jährige spricht schon sehr gut Deutsch und kommt jetzt in die vierte Klasse der Naturparkschule Hilpertsau. Als die Grundschule einen Ausflug ins Schwimmbad nach Reichental unternahm, hat sie der Ehrgeiz gepackt: Sie wollte unbedingt schwimmen lernen und hat sich an Kilian Lange gewendet.

Der 60-Jährige und seine Frau Birgit greifen den Balasenis unter die Arme, seit sie nach Reichental gekommen sind. "Der erste Kontakt kam über eine Bekannte zustande, die einen Fernseher loswerden wollte. Da sind mir die Leute aus dem Irak eingefallen", blickt Lange im BT-Gespräch zurück. Zum TV-Gerät spendierte er noch einen Receiver, übergab das Paket und verband es mit dem Angebot, sich stets an ihn wenden zu können, wenn die Balasenis Hilfe brauchen. Daraus entwickelte sich eine Freundschaft.

Die Langes unterstützen die Iraker beim Ausfüllen vieler Formulare und Anträge (bei den Behörden, für die Aufnahme in Betreuungseinrichtungen, beim Kinderarzt ...). Außerdem koordinieren sie die Sachspenden, die von vielen Einwohnern über sie an die Flüchtlingsfamilie gerichtet werden. "Fahrräder, Gartenmöbel, Bekleidung, Spielsachen - ich kriege sehr viel angeboten. Auch die Nachbarn unterstützen sie sehr. Das ist wirklich toll", bedankt sich Lange für die Solidarität im Dorf. Genauso wie die neuen Einwohner aus dem Irak: "Sie sind sehr gastfreundlich. Wenn man was bringt, gibt es immer gleich eine Gegenleistung, etwa eine Einladung zum Essen", erzählen die Langes. Durch den guten Kontakt und die Geselligkeit schwinden auch die Sprachbarrieren. Sharzan und ihr Bruder Kokaz (19) müssen zwar oft als Dolmetscher herhalten, aber auch die Eltern machen Fortschritte.

Familienvater Faisal nimmt Sprachunterricht und hat bereits den deutschen Führerschein in der Tasche. Der 45-Jährige hatte in seiner irakischen Heimatgemeinde Babira (circa 60 Kilometer südlich von Mossul) ein Elektrogeschäft sowie einen Bekleidungs- und einen Lebensmittelmarkt. Eigentlich ist er Lehrer, aber der Verdienst war zu gering, um die Familie mit zehn Kindern durchzubringen. Und als der IS in Babira einmarschierte, gab es für Jesiden dort ohnehin keine Zukunft mehr.

Viermonatige Odyssee endet im Murgtal

2015 floh zunächst der ältester Sohn Kokaz mit seiner Frau und deren Schwester. Die drei gelangten mit dem Bus in die Türkei, von dort ging es dann zu Fuß über Bulgarien nach Ungarn, wo sie Hilfe von einer deutschen Hilfsorganisation bekamen, die ihnen Zugfahrkarten nach Deutschland besorgte. Wie Kokaz erzählt, kamen sie über Österreich nach Passau, ließen sich registrieren und gaben ihre Fingerabdrücke ab.

Es folgte eine rund viermonatige Odyssee über Meßstetten, Sigmaringen, Heidelberg und Karlsruhe, bis sie letztlich nach Forbach in die Erstunterkunft und dann nach Reichental in die Anschlussunterbringung kamen. 2017 konnte der Rest der Familie nachkommen - auch Faisals Bruder, der mit seiner Familie eine Bleibe in Obertsrot gefunden hat. Weil sie vom IS vertriebene Jesiden sind, haben sie auf jeden Fall eine langfristige Bleibeperspektive in Deutschland.

Also bleibt wohl genügend Zeit, schwimmen zu lernen. Das gehört im Irak nicht unbedingt zum Handwerkszeug. Vor allem Sharzan wollte schon immer gerne ins Reichentaler Bad. Als Kilian Lange vorgeschlagen hat, ihr das Schwimmen beizubringen, "sind sie gleich mit sieben Leuten angetanzt - der Vater mit sechs Kindern", lacht der 60-Jährige. "Schwer unterstützt" wird er von Bademeister Bernhard Wieland, der die Badegäste aus dem Irak mit Badesachen, Schwimmgürtel und Weste ausgestattet hat. Probleme gebe es keine, lediglich die deutsche Pünktlichkeit sei noch nicht so verankert, schmunzelt der Reichentäler.

In Gernsbach ist die Familie längst angekommen. Die Kinder gehen in die städtischen Bildungseinrichtungen, drei von ihnen spielen zum Beispiel beim FC Auerhahn Fußball und freuen sich auf das Sportfest am Wochenende. Der älteste Bruder Kokaz, der in Obertsrot wohnt, verheiratet ist und zwei Kinder hat, geht seit 2016 auf die Handelslehranstalt in Gernsbach und arbeitet nebenbei im Dönerladen am Stadtbuckel. Die ganze Familie Balaseni ist dem Ehepaar Lange sehr dankbar für die große Hilfe bei der Integration. Das wird beim Familienfoto fürs BT deutlich, als der jüngste Sprössling Kavin (2) Kilian Lange liebevoll "Onkel" ruft.

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