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Religionsgeschichte: Hoch spannend und kompliziert
Die Besonderheiten des spätgotischen Tabernakels in der St. Jakobskirche sind ebenso interessant wie die vom Salzburger Glasmaler Albert Birkle entworfenen Chorfenster.
31.08.2018 - 00:00 Uhr
Gernsbach (stj) - Reformierte und katholische Grabmäler Seite an Seite in der katholischen Liebfrauenkirche, ein katholischer Tabernakel in der evangelischen St. Jakobskirche: Die Gernsbacher Kirchen haben öfter die Religion gewechselt. In diesem Jahr blicken die Kirchengemeinden gemeinsam auf eine 775 Jahre lange Geschichte zurück. Im Rahmen der Aktion BT öffnet Türen tauchten gestern 18 BT-Leser in die hoch spannende und komplizierte Historie ein, die in den beiden Gotteshäusern lebendig wird.

Die St. Jakobskirche und die Liebfrauenkirche in Gernsbach dienten bis 1640 mal der einen, mal der anderen Konfession. So sind sie zu Denkmälern geworden, die Trennendes und Verbindendes markant zum Ausdruck bringen. In welchen Teilen der beiden Kirchen man das besonders gut erkennen kann, das veranschaulichte Dr. Cornelia Zorn in ihrer gut zweistündigen Führung. Wissbegierig und gespannt folgten die Teilnehmer den Ausführungen der Historikerin, die es gekonnt verstand, auch schwierige Sachverhalte anhand der konfessionsübergreifenden Kunstdenkmäler verständlich zu machen.

Die BT-Mitarbeiterin ging zunächst auf die Gründung der Pfarrei im Jahr 1243 ein, als die Gläubigen noch im römisch-katholischen Glauben vereint waren. 1388 entstand neben der bereits 1219 erwähnten Vorgängerkirche von St. Jakob die Liebfrauenkirche als Marienwallfahrtskapelle. 1479 wurde für ihren Erhalt und ihre Ausschmückung ein Ablass von Sündenstrafen gewährt, wie eine Urkunde des Stadtarchivs Gernsbach bezeugt. Die spätgotische Ausstattung der 1467 neu erbauten Pfarrkirche St. Jakob weist mit dem Sakramentshäuschen noch heute ein typisch katholisches Element auf. Zwei ursprünglich ebenfalls die St. Jakobskirche schmückende Glasfenster mit einer Kreuzigungsgruppe und einer Darstellung von drei Heiligen kann man heute dagegen in der Liebfrauenkirche bewundern.

Die Gernsbacher Bevölkerung folgte geschlossen den Lehren des Reformators Martin Luther. Bei Einführung der Reformation 1556 wurde die St. Jakobskirche den Lutheranern übergeben. Die Fenster mit den Darstellungen von Heiligen wurden in der Folge als weniger passend empfunden und nach 1775 an die Katholiken verkauft. In der 1556 katholisch gebliebenen Liebfrauenkirche dagegen findet sich unter Gräbern katholisch gebliebener Ebersteiner auch das Grabmal einer reformierten adligen Verwandten. Beide Kirchen weisen jeweils auch typische Merkmale der anderen Konfession auf - auch weil die Stadtherren, die Grafen von Eberstein und die Markgrafen von Baden, diese mehrfach wechselten. Die Bevölkerung war entsprechenden Repressalien ausgesetzt.

Nach dem Aussterben der Ebersteiner 1661 und dem Eintritt des Fürstbischofs von Speyer in die Herrschaft wurde die evangelische Bevölkerung dann von zwei katholischen Herren regiert. Das führte - in der Markgrafschaft Baden einmalig - zu schweren Auseinandersetzungen, aber auch zur frühen Einübung eines gewaltfreien Nebeneinanders, ja sogar eines frühen Miteinanders der Konfessionen in Gernsbach. "Ein Zeichen der Toleranz", so Zorn.

Die Teilnehmer der Führung hingen bis zum Schluss gebannt an den Lippen der Expertin, die Religionsgeschichte in der Liebfrauen- und der St. Jakobskirche sowie am historischen Marktplatz lebendig werden ließ. Wer mehr darüber wissen will, der kann sich den Tag des offenen Denkmals vormerken. Der Arbeitskreis für Stadtgeschichte, dem Zorn angehört, bietet am Sonntag, 9. September, drei ähnliche, jeweils rund 90-minütige Führungen an. Start ist um 14, 15 und 16 Uhr am Marktplatz.

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