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Hochsitz wird zur Theaterbühne
Hochsitz wird zur Theaterbühne
30.09.2019 - 00:00 Uhr
Von Dagmar Uebel

Gernsbach - "Plattschuss" heißt ein neues Stück des Gernsbacher Puppentheaters Gugelhupf. Damit folgt der Puppenspieler Frieder Kräuter seinen Traditionen und den Formen des Kasper- und Jahrmarktstheaters, wenn er Carl Maria von Webers Oper "Freischütz" mächtig entstaubt als Einmann-Stück dem amüsierten Publikum in der Stadthalle präsentiert. Statt auf großer Bühne mit Orchestermusikern im Graben, großem, die Bühne füllendem Chor agierten alle für das Stück erforderlichen Mimen in Handpuppengröße auf einer - gefühlt badehandtuchgroßen - Hochsitzfläche.

Was aber hat Frieder Kräuters volkstümliche Aufführung einer romantischen Oper, vor fast zweihundert Jahren uraufgeführt, mit Artikel 148 der Weimarer Verfassung und mit dem Start der Volkshochschule Rastatt ins Wintersemester 2019 zu tun? Und welche besondere Rolle spielt dabei das diesjährige Stadtjubiläum Gernsbachs? Eine ganze Menge, wie Sabine Katz in ihrer kurzen begrüßenden Rede betonte: Sie bedingen einander.

Besagter Artikel schrieb vor einhundert Jahren die längst nötige Reform eines demokratischen Schulwesens, ungeachtet sozialer Unterschiede, fest, stellte auch die Weichen für die Gründung von Volkshochschulen. Als einen "Ort der Begegnungen und des Lernens" würdigte Helga Braun, die stellvertretende Amtsleiterin der Volkshochschule, das Wirken dieser Bildungseinrichtungen. Carmen Langenbacher, die die für die Verbindung zwischen der VHS-Hauptgeschäftsstelle Rastatt und Gernsbach sorgt, wies darauf hin, dass das diesjährige Gernsbacher Stadtjubiläum sehr wohl eine Rolle gespielt habe. Das Motto "Bildung für alle" sei also ein guter Grund, den Beginn des Wintersemesters mit der Aufführung eines klassischen Musikwerks, in welcher Form auch immer, zu starten.

Im Puppen-Abendstück "Plattschuss" steht die Welt des Jägerburschen Max Kopf. Schlimmer noch: Er ist verliebt und verzweifelt. Wie kann er seine geliebte Agathe heiraten, wie kommt er in den Besitz der Erbförsterei? Nur ist er eben nicht der begnadete Schütze, dem dieses Glück nur zuteil werden kann, wenn er, der Tradition folgend, die geforderte Treffsicherheit öffentlich beweisen kann. Der weitere Verlauf ist bekannt. Er handelt von dämonischen Freikugeln, einem Heil bringenden Eremiten und von einem Happy-End. Max ist am Ziel seiner Wünsche und der Teufel besiegt.

Schon der Aufführungsbeginn war besonders, als Kräuter mit seinem Kassetten-Rekorder um den Hals, mit mehreren großen Beuteln in den Händen, einem Rucksack auf dem Rücken, seinen Holzdackel hinter sich herziehend, den kleinen Saal der Stadthalle betrat. Eine weitere Besonderheit an diesem Puppenspiel war der Hochsitz, den Kräuter zu einer Theaterbühne ausbaute. Darunter hatte sich der Holzdackel auf Rädern, immer im Dialog mit Kräuter, niedergelassen. Und gleich folgte eine Show, die an Unterhaltsamkeit, Spielwitz kaum zu überbieten ist.

Souveräne Spielführung gleich mehrerer Puppen, differenzierte Stimmgebung und auch die vielen visuellen Überraschungen erfüllten die Charakterköpfe der Handpuppen mit prallem Leben. Die geführten urkomischen Dialoge könnten auch heute noch geführt werden. Natürlich kamen auch die Opernkenner nicht zu kurz, handelte es sich schließlich um eine vergnügliche Adaption auf das Webersche Opernwerk mit all seinen wunderbaren Arien.

Doch wer die Aufführung mit Elvis' "Love me tender" beginnt, volksliedhaft mit "Zwischen Berg und tiefem Tal" und "Im Frühtau zu Berge" fortsetzt, hat wohl den berühmten Schalk im Nacken. Ein typisches Bonmot war die Fortführung des Chorstücks "Wir winden dir den Jungfernkranz ..." durch Kräuter: "... trittst du der Katze auf den Schwanz, dann jault sie voller Freude". Das Ende markierte seine unbeantwortete Frage an das Publikum: "Sind wir nicht alle kleine Sünderlein?" Neue Wege, neue Töne, und sicherlich viele neue Kräuter-Fans. Eine tolle Inszenierung mit vielen Überraschungsmomenten, die große Heiterkeit und viel Applaus erntete.

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