"Demokratie kann man nicht bei Amazon bestellen"

'Demokratie kann man nicht bei Amazon bestellen'

Von Margrit Haller-Reif

Gaggenau - "Guten Abend. Haben Sie schon Winterreifen?", fragt Hagen Rether harmlos ins Publikum hinein. Doch kaum hat der schlaksige Kabarettist im Anzug mit inzwischen angegrautem Pferdeschwanz sich auf dem Drehstuhl neben dem Steinway-Flügel zurechtgeräkelt, ist es mit der Gemütlichkeit vorbei. Zumindest in verbaler Hinsicht. Gut dreieinhalb Stunden mit dem vielfach ausgezeichneten, virtuosen Mahner Rether in der vollen Jahnhalle sollten dem Publikum höchste Konzentration und große Ausdauer abverlangen.

"Ertappen Sie sich manchmal auch dabei, dass Sie froh sind, dass wir Merkel haben?", fährt er mit Blick auf die chaotisch-unberechenbare Weltlage und Diktatoren wie Trump, Putin, Erdogan, Kim Jong Un oder Assad fort. "Nie hätte ich gedacht, dass ich diesen Satz mal sage." Er spricht leise, erzwingt so aber bedingungslose Aufmerksamkeit. Eingehüllt in diese sonore, ruhige Stimme, erhalten seine Wortsalven umso mehr Gewicht.

In seinem seit 2003 ständig aktualisierten Soloprogramm "Liebe 7. (Update 2018)" nimmt er neben tagespolitischen Ereignissen vor allem die Gesellschaftspolitik aufs Korn. Deckt anhand schlagkräftiger Paradoxien Widersprüche auf. Verpackt scharfzüngiges Polit-Kabarett in geschmeidige Betrachtungen. Fremdenfeindlichkeit, etwa in Verbindung mit der bayrischen Leitkulturdebatte, ist eines seiner Themen: "Erst wenn du Werte lebst, entwickeln sie Sinn und Strahlkraft." 50 Jahre habe es gedauert, bis der Deutsche einem Türken erlaubt habe, Tatort-Kommissar zu sein. Sehr viel länger, bis ein Schwarzer in den USA zum Präsidenten gewählt worden sei.

Manchmal wirkt es, als denke Rether laut vor sich hin. Er zerpflückt scheinbare Zusammenhänge, entlarvt Denkmuster. "Demokratie kann man nicht bei Amazon bestellen." Die Folgen von Konsumterror und Massentierhaltung führt der bekennende Veganer bissig ad absurdum. "Wir finden Pelzmäntel ja auch doof - wir tragen Daunenjacken. Weil die ja bekanntlich auf Bäumen wachsen."

"Wir haben die Wahl zwischen Pest und Cholera", streift er die Parteienlandschaft, "da wähle ich lieber die Cholera. So einen Durchfall bekommst du weg!" Grundsätzlich geht es dem 48-Jährigen eher um Denkweisen. Um eine Gesellschaft, die Minderheiten gerne zu Sündenböcken erklärt, um so von eigenen Defiziten abzulenken. Die ihre Komfortzone partout nicht verlassen will, obwohl die gewaltigen (Zukunfts-)Probleme dringend danach verlangen. Hinter subtilen Plaudereien verbergen sich bitterböse Wahrheiten. Der selbst ernannte "Linksliberale-Multikulti-Ökospinner-Humanist" packt sein Publikum en passant, aber so gründlich, dass das Lachen verdammt schnell im Keim erstickt. Seine Botschaft ist eindeutig: "Wir sind alle am Anschlag. Was haben wir vor? Wann fangen wir an? Wir haben keine Zeit mehr."

Apropos Steinway-Flügel: Auf dem hatte er am Ende nur einmal gespielt, eine Art Intermezzo zur Lage der Welt, vordergründig schön, hintergründig apokalyptisch. Eine der obligatorischen Biobananen hat er gegessen und eine Flasche Wasser geleert. Auch nach gefühlten vier Stunden wirkt Rether immer noch so frisch, als könne er seine Drohung locker wahrmachen und bis Ultimo weiterreden. Ja, ein Abend mit Hagen Rether ist verdammt lang und äußerst anstrengend. Ein sprachlich hochpräziser Dauerappell und Wachrüttelmarathon, der schwer auszuhalten ist. Und nur deshalb erträglich, weil seine eindringliche, aber sanfte Stimme der ungeschminkten Wirklichkeit und erst recht den schärfsten Pointen ein wenig den Stachel nimmt.

Ohne Moralkeule redet er uns ins Gewissen, "keiner kann später behaupten, wir hätten es nicht gewusst". Manche Themen walzte er zweifellos viel zu breit aus und nicht wenige Zuhörer hatten den Saal inzwischen verlassen. Sie verpassten den donnernden Schlussapplaus.

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