Ein TV-Mann spielt sich frei

Überzeugt auch bei seinem zweiten Auftritt in Gaggenau: Reinhold Beckmann mit Band.  Foto: Haller-Reif

Von Margrit Haller-Reif

Gaggenau - "Noch einmal mit Dir nachts durch Bremen", der Song hat Ohrwurmqualität, das bestätigt sich auch während der Heimfahrt. Es war spät geworden in der vollen klag-Bühne. Nach einem Abend voller Erinnerungen, Momentaufnahmen, Stimmungen und Emotionen hatte das Publikum Reinhold Beckmann & Band nur ungern von der Bühne gehen lassen.

Viele im Publikum kennen und schätzen Reinhold Beckmann als Fernsehmoderator und Fußballkommentator und wollten nun den Sänger und Songschreiber Beckmann kennenlernen. Diejenigen, die sein erstes klag-Gastspiel mit Band erlebt hatten, wurden bei der Präsentation seines neuen Albums "Freispiel" ebenso wenig enttäuscht: Da steht ein Mann auf der Bühne, der sich musikalisch freispielt. Der glaubwürdig und entspannt seine Talk- und Entertainerqualitäten demonstriert und mit einer angenehmen, wechselvollen Stimme Stationen und Erfahrungen seines Lebens heraufbeschwört.

Ein TV-Mann, der live ebenso viel Nähe zu den Menschen schafft, wie man es von seinen Fernsehreportagen gewohnt ist. Ein Glücksgriff ist auch seine formidable (Profi-)Band. "Gitarrensau" Johannes Wennrich, Bassist Thomas Biller, Schlagzeuger Robin McMinn und Multiinstrumentalist Jan-Peter Klöpfel (Trompete, Flügelhorn, Keyboards) bilden den stimmigen Klangteppich zum Inhalt und Gehalt der Songs. Die vielfach eingängigen Melodien tummeln sich locker und stilsicher im Rockpop-, Jazz-, Bossa-Nova- und Folkbereich. Die Texte sind bilder- und assoziationsreich, mal melancholisch, mal (selbst)ironisch, oft hintergründig oder poetisch gefärbt. Jeder Song hat seine eigene Atmosphäre, Worte und Musik verbünden sich. Beckmanns leicht rauer Gesang verleiht dem jeweiligen Lebensgefühl Authentizität und Würze.

Um das Zwischenmenschliche in all seinen Facetten geht es hier, um Geborgenheit, geplatzte Träume, um Identitätsfindung und um die Spielarten der Liebe. Der Titel "Die Zeiten sind obskur", eine Beckmann-Version des Bob Dylan-Klassikers "Things Have Changed", kreist nachdenklich um das Thema Lebenslüge. Pulsierender Rock mit schrägen Untertönen kennzeichnet "Zocker, Loser, Millionäre" mit spöttischen Seitenhieben auf Donald Trump.

Immer wieder drehen sich die Lieder um Beckmanns Jugend auf dem Land im norddeutschen Twistringen. Um die erste Eisdiele mit der legendären Musikbox, um seine erste große Liebe, die "Schlachterstochter", sprich Fleischereifachverkäuferin Charlotte mit der verlockenden "Auslage", die jugendliche Fantasien beflügelte.

Er spürt Erinnerungsfetzen nach, wie es sich anfühlte, als es in der Schule nach Bohnerwachs und CD, "damals noch eine Seife", roch. Augenzwinkernd beschreibt er seine Zeit als 17-Jähriger in einer linken Wohngemeinschaft in Marburg. Herrlich witzig gerät jene Alltagsepisode, als seine Hündin Lieselotte, die Fernbedienung unter der rechten Pfote, sich mitten in der Nacht ein Konzert von Helene Fischer im Fernsehen anschaute. Aber auch die ernsten Töne erhalten bei Beckmann & Band großes Gewicht. Ausdrucksstark und melancholisch fängt das Stück "Da warn die Tage" unvergessene Verletzungen ein. Eruptives Rockgestöber veranschaulicht unterdrückte Wut in "Reinschlagen".

Ein anrührender, eindringlicher Appell für Mitgefühl und Menschlichkeit erwächst aus "Wohin in dieser Welt". Ein Lied, das Beckmann in Erinnerung an das Foto des dreijährigen syrischen Flüchtlingsjungen schrieb, den das Meer an den Strand von Bodrum spülte. Der "Hypochonder"-Song wird von Flamenco-Wehen getragen. Eine brandneue Liebesballade gestaltet Beckmann solo, mit viel Gespür für den Raum zwischen den Gefühlen. Zwischenmenschliches wird feinfühlig oder humorvoll beleuchtet in einem abwechslungsreichen Repertoire, das gleichermaßen zum Nachdenken und Träumen verführt. Oder aber in die Tanzbeine fährt wie der Mitsing-Reggae "Ich mach alles, alles nur für dich".

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