Kultur als Volks-Fest der Superlative
19.05.2018 - 00:00 Uhr
Von Daniel Melcher

Rastatt - Im Rückblick wird bewusst: Was vor einem Vierteljahrhundert über Pfingsten in Rastatt geschah, war ein kollektives Erweckungserlebnis. Am 28. Mai 1993 startete das erste tête-à-tête - und ließ den Geist des Straßentheaters aus der Flasche. Hatte man in der Barockstadt auf so etwas unbewusst-sehnsüchtig gewartet? Tatsache ist: Der Geist ließ die Rastatter nicht mehr los, und etwas in der Region noch nie Dagewesenes entstand. Mehr noch: Das tête-à-tête setzte im Laufe der Jahre ein Markenzeichen, an dem sich Kulturschaffende im In- und Ausland orientieren. Nun also wird "Deutschlands größtes Straßentheaterfestival" 25.

Vom 29. Mai bis zum 3. Juni geht seine 13. Auflage über die Bühnen der Innenstadt.

All das ahnten Macher und Zuschauer wohl noch nicht, als an jenem Freitag des Pfingstwochenendes '93 die Akteure des Samu-Theaters das Publikum in der Badner Halle, kaum hatte es sich gesetzt, wieder aufstehen und hinter ihnen her laufen ließ. Ein Bewegung fordernder Festival-Aperitif - und der Beginn einer wunderbaren Beziehung zwischen Akteuren und Publikum, die über all die Jahre hinweg noch immer eine besondere bleibt, wie die Einlassungen vieler Künstler beim tête-à-tête stets aufs Neue zeigen. Mit "6-Zylinder" ging's an jenem Eröffnungsabend a cappella weiter - auch das eine seither beständige Festivalzutat -, ehe das "Théâtre Attrape" das Murgufer mit Trommeln, Feuerwerk, Masken und artistischen Einlagen "in einen fast mystischen Ort" verwandelte.

Fast alles, was das tête-à-tête ausmacht, war bei der Premiere also schon angelegt - auch wenn sich das damals noch zwei Tage kürzere und als rein deutsch-französisches Straßentheaterspektakel mit 25 Gruppen und 135 Künstlern konzipierte Festival noch in kleineren Dimensionen entfaltete. "Ein Fest der Superlative", so das BT, war es für Rastatt auch in dieser Form schon, ein "gelungenes Experiment", ein "voller Erfolg", der Hoffnungen auf eine Neuauflage nährte. Nur das Wetter hatte nicht mitgespielt - dass es zum Spielverderber wird, ließ man indes nicht zu.

Die Idee, ein solches Festival überhaupt auf die Beine zu stellen, war beim damaligen OB Klaus-Eckhard Walker mit Blick auf die Fertigstellung der Fußgängerzone in der Kaiserstraße gereift - den großen Platz mit Leben erfüllen, lautete das Ziel. Der 38-jährige Charlie Bick wurde eigens dafür als künstlerischer Leiter engagiert. "Ich will versuchen, aus kulturellen Darbietungen ein Fest zu machen", erklärte dieser. Mission erfüllt. Noch weitere zehn Mal blieb Bick in der Folge für Programm und Konzeption verantwortlich.

Und schon bei der zweiten Auflage 1995 ist alles da, was das Festival schließlich zum Markenzeichen macht: 40 Gruppen aus elf Ländern Europas, aus Asien, USA und Australien (200 Akteure) treten auf, der Zuschaueransturm summiert sich auf geschätzte 100000, Lobeshymnen umranken dieses innovative Kultur-Fest für alle, Großproduktionen, Stelzenläufer, Kabarettkünstler, Comedygruppen, Bewegungsvirtuosen, Sänger und Musiker tauchen Rastatt in ein neues, verklärtes Licht, Zuschauer klettern für bessere Sicht auf Fenstersimse, Verkehrsschilder und Bäume, Schauspieler wiederum beteuern, dass sie noch nie so gut betreut worden seien. Und nachdem der Sender ntv bereits von der Premiere 1993 berichtet hatte, stößt das Festival nun auf das Interesse von ARD und ZDF.

Dann beginnt im Vorfeld der dritten Auflage das Gerangel um die Finanzierung, auch das ein Thema, von dem sich das Festival nie ganz befreien kann. Um 350000 Mark plus Bauhofleistungen wird 1997 debattiert. "Sparkurs bedroht Theaterfestival", titelt das BT. Mit Ticketgebühren für Abendveranstaltungen - seit jeher ist und bleibt der Eintritt zum Tagesprogramm frei -, Sponsoren und Verkauf von Buttons versucht die Stadt, die Kosten niedriger zu halten. Einnahmen von rund 120000 Mark erwirtschaften schließlich ein Drittel der Kosten.

Das Festival dehnt sich unterdessen weiter auf fast die gesamte City aus, rund 150 freiwillige Helfer tragen außer den Organisatoren und städtischen Mitarbeitern zum Gelingen bei - bis heute ist der Einsatz der Freiwilligen ein unschätzbarer Beitrag, ohne den das Kultur-Spektakel so nicht denkbar wäre. Die Rastatter machen das tête-à-tête zu "ihrem" Festival, es ist zum magischen Wort geworden. Das BT stellt fest: "Ganz Rastatt erliegt dem Theaterfieber." Beobachter sehen vor Staunen offene Münder, beseelte Gesichter, glückliche Menschen. Dann der Streit um den Termin im OB-Wahljahr 1999, in dem zugleich die Feierlichkeiten zu 150 Jahren Badische Revolution anstehen. Das tête-à-tête, so setzt es die Mehrheit von CDU und FWG im Gemeinderat letztlich durch, muss ins Jahr 2000 weichen. Monate wird über die Frage gestritten, die SPD, die für Kontinuität eintritt, beantragt eine Bürgerversammlung, die schließlich den Grundstein für die Gründung des Fördervereins tête-à-tête legt, der am 5. Februar 1998 aus der Taufe gehoben wird. Und mittenhinein in die Diskussion um die Verschiebung, in der manche schon eine Existenzfrage sehen, platzen Baden-Badener Gedankenspiele. Wenn es künftig kein tête-à-tête in Rastatt mehr gäbe, so der damalige Bürgermeister Kurt Liebenstein, könne man überlegen, wie in Baden-Baden ein Straßentheaterspektakel zu realisieren wäre...

So weit kommt es nicht. Im Dezember zurrt der Rat - jetzt wieder einstimmig - die Festivals 2002 und 2004 wieder im zweijährigen Rhythmus fest. Ein Etat von 500000 Mark wird zugesichert.

Im ersten Frühjahr des neuen Jahrtausends zeigt sich: Der Ansturm auf das Festival ist ungebremst. Schlange stehen bei der Eröffnung des Vorverkaufs für die Abendtickets wird zum Kult, der erst 2016 mit der Einführung des elektronischen Ticketsystems wieder beendet wird. Ein Fest nicht nur für Rastatt, "ein Fest für die Region" sieht das BT im tête-à-tête, das im Juni 2005 zwar bis 2010 gesichert, dessen Budget aber auf dem bisherigen Stand gedeckelt wird. Charlie Bick zeigt im Gemeinderat Verständnis, weist aber auch auf den Druck hin, unter dem die Macher inzwischen stehen: Man habe eine Marke gesetzt, die Exklusivität und Aktualität verheiße. Auch die Erwartungshaltung des Publikums ist längst nicht mehr zu unterschätzen - ebenso wenig wie der Wert des Festivals, das zum internationalen Aushängeschild geworden ist, als Instrument des Stadtmarketings.

2006 kommt das tête-à-tête mit einem Programmheft daher, das dicker denn je ist - 210 Einzelveranstaltungen und Vorverkauf ab 6 Uhr früh auf dem Marktplatz, "kultureller Ausnahmezustand". 2007 geht erstmals das kleine Rendezvous-tête-à-tête über die Bühne, Festivalhöhepunkte sollen Appetit auf mehr machen - und vor allem Sponsoren gewinnen.

Inzwischen steht ein neuer OB an der Spitze der Stadtverwaltung. Hans Jürgen Pütsch erlebt 2008 mit, was er bisher nur vom Hörensagen kannte: Bilder, die in Erinnerung bleiben, steigende Zuschauerzahlen, wachsende Begeisterung, höhere Einnahmen. 2010 wird das Ganze nochmals eine Nummer größer, das Spektakel wird auf 15 Spielorte verteilt, das BT sieht eine "Abstimmung mit den Füßen" - bis dato hatte sich der Gemeinderat angesichts der Haushaltslage noch nicht zur Fortsetzung 2012 bekannt - und kommentiert: "Kein anderes Ereignis lockt die Massen so nach Rastatt wie diese kulturelle Melange aus Komik, Poesie, Überraschung und Begegnung. Die Menschen wollen und lieben dieses tête-à-tête mit den Künstlern. Rastatt verwandelt sich an diesen Tagen, zeigt sich von seiner besten Seite. Freude, Begeisterung und ein Programm, wie es wohl nirgends sonst zu sehen ist in Deutschland."

Ein Jahr später die erste Neuausrichtung: Die Organisationsfäden wandern vom Rathaus ins Management der Badner Halle (Eigenbetrieb Kultur & Veranstaltungen). Ende 2012 wird festgelegt, dass das tête-à-tête weiterhin alle zwei Jahre stattfindet. Waren früher die Bauhof- und andere städtische Leistungen nicht als Kosten in die Bilanz eingeflossen, wird inzwischen "Kostentransparenz" geübt. Ein Defizit von knapp 455000 Euro wird 2014 fürs Festival festgezurrt.

Es wird das letzte von und mit Charlie Bick. Als er im Januar 2015 seinen Abschied bekanntgibt, ist es die größte Zäsur in der Geschichte des tête-à-tête. "Die Vorstellungen von der künftigen Entwicklung des Festivals und der Verteilung von Kompetenz und Verantwortung bei der Vorbereitung und Durchführung des Festivals lassen sich definitiv nicht mehr in Übereinstimmung bringen", wird Bick in einer Mitteilung zitiert. Gestaltungsmöglichkeiten, Strukturen, personelle und finanzielle Ausstattung: Hier gingen die Vorstellungen offensichtlich zu weit auseinander. Die Stadt zeigt sich zwischen Bestürzung und Zuversicht: Das Festival geht weiter, wird beteuert. Bicks Arbeit wird als herausragend gewürdigt, der OB fragt: "Finden wir jemanden, der mit so viel Herzblut das tête-à-tête künstlerisch gestaltet und in die großen Schuhe passt, die hinterlassen worden sind?" Eine städtische Findungskommission entscheidet sich schließlich für Kathrin Bahr und Julia von Wild aus Bremen, Köpfe des Kulturbüros zweifellos.net. Die zwölfte Ausgabe 2016 ist für sie Premiere und "Feuertaufe". Sie führen Veränderungen ein, ohne an den Grundfesten des beliebten tête-à-tête-Konzepts zu rütteln. Unkenrufe von Schwarzsehern bewahrheiten sich nicht, das Duo, so wurde inzwischen aus dem Rathaus bekundet, soll auch die Festivals 2020 und 2022 organisieren.

Wenn sich nun am 29. Mai der Vorhang zum 13. tête-à-tête hebt, schließt sich ein Kreis: Ein besonderer Fokus wird auf das Nachbarland Frankreich und seine Stellung als innovativer Wegweiser für modernes Straßentheater gelegt. Zum 25-Jahr-Jubiläum besinnt sich das "tête-à-tête", das 1993 als deutsch-französisches Festival gestartet war, also auch auf seine Ursprünge.

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