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Zu schlecht ausgerüstet für den russischen Winter
Da die Wehrmacht Skier und Skistiefel benötigt, ist die Bevölkerung angehalten, diese bei Sammelstellen abzugeben.Repro: Eberle
28.05.2018 - 00:00 Uhr
Von Eva-Maria Eberle

Rastatt - Sonntag, 22. Juni 1941: So mancher Familienausflug war an diesem Tag abgesagt worden, denn für alle Fußballfans gab es Wichtigeres. Gebannt saßen sie vor dem Volksempfänger, denn da wurde das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft zwischen Schalke 04 und Rapid Wien übertragen. "Mia wer'n de Ehre von Wean wiedaheastölln", hatte Rapid-Mannschaftskapitän Franz Binder vor der Begegnung forsch mitgeteilt. Am Anfang sah es nicht danach aus, doch dann erwachte Rapids berühmter Kampfgeist.

Nachdem Georg Schors den Anschlusstreffer erzielt hatte, schlug die Stunde von Franz Binder, den sie wegen seiner Ähnlichkeit mit einem schwarzafrikanischen Schauspieler damals ungestraft "Bimbo" nannten. Innerhalb von acht Spielminuten gelang dem 1,90 Meter großen Mittelstürmer ein Hattrick. Mit einem Elfmeter und zwei knallhart geschossenen Freistößen aus gut 30 Metern, die beide im Torwinkel einschlugen, besiegte er die Schalker praktisch im Alleingang. Am Ende dieses denkwürdigen Endspiels hieß es 4:3 für Rapid. Bis zum heutigen Tag ist Rapid Wien der einzige nichtdeutsche Deutsche Meister.

Fast wäre dieses Spiel abgesagt worden, denn im Morgengrauen um 5.30 Uhr hatte Goebbels über alle Rundfunksender die "Proklamation des Führers an das deutsche Volk" verkündet: Sie begann mit den Worten: "Von schweren Sorgen bedrückt, zu monatelangem Schweigen verurteilt, ist nun die Stunde gekommen, in der ich endlich offen sprechen kann." Und endete: "Ich habe mich deshalb heute entschlossen, das Schicksal und die Zukunft des Deutschen Reichs und unseres Volks wieder in die Hand unserer Soldaten zu legen." Die Antwort aus England ließ nicht lange auf sich warten. Winston Churchill sprach über BBC. "Jedermann, der Hitler bekämpft, bekommt unsere Hilfe, und jedermann, der mit Hitler kämpft, ist unser Feind", sagte der Premierminister: "Wir werden den blutrünstigen Straßenjungen Hitler und seine ganze Nazi-Bande zu Lande bekämpfen, zu Wasser und in der Luft, so lange, bis wir mit Gottes Hilfe die Welt gereinigt haben von seinem Schatten."

Grund dieser Aussagen war, dass während die Menschen im Reich noch schliefen, der deutsche Überfall auf die Sowjetunion begonnen hatte. Auf breiter Front fiel die Wehrmacht mit knapp drei Millionen Soldaten ins Land ein. Wie schon beim Polen-Feldzug begann der Überfall mit einer Propaganda-Lüge, der angeblichen Notwendigkeit eines Präventivkriegs. Die Rote Armee war völlig unvorbereitet. Eigentlich galt seit 1939 der Hitler-Stalin-Pakt und dieser Bruch kam völlig überraschend.

In den kommenden Monaten berichtete die Presse, auch das Rastatter Tagblatt, von großen Vernichtungsschlachten durch die deutschen Truppen. Am 4. Juli 1941 sprach Kreisleiter Dieffenbacher in der Carl-Franz-Halle und rechtfertigte den deutschen Überfall auf Russland. "Russland wollte nur Zeit gewinnen, um dann bei günstiger Gelegenheit über uns herzufallen und uns den Garaus zu machen", so seine Worte. Anfang September sah es schon anders aus. Die Wehrmacht hatte bereits 30 Prozent ihrer Panzer verloren. Die Nachschub- und Versorgungsprobleme nahmen zu. Die im Oktober 1941 begonnene Offensive gegen die Hauptstadt stockte nach den erfolgreichen Schlachten bei Brjansk und Wjasma mit Beginn der herbstlichen Schlammperiode. Anfang Dezember brachten Schnee und eisige Temperaturen den Angriff vollständig zum Erliegen. Für den russischen Winter waren die Soldaten zu schlecht ausgerüstet. Es fehlte an der entsprechenden Kleidung. Am 27. Dezember 1941 erging in den Rastatter Nachrichten folgender Aufruf: "Unsere Soldaten sollen nicht frieren - Jeder hilft mit gegen den Kältefeind". Es begann eine großangelegte Sammlung von Pelz-, Woll- und Wintersachen. Die Leser bekamen Vorschläge, wie man Pelzreste umarbeiten sollte, damit daraus warme Einlegesohlen wurden. Auch aus Filz ließen sich Einlegesohlen basteln. Ist der Filz zu weich, dann muss er nur auf eine feste Pappsohle aufgenäht werden, damit er sich beim Marschieren nicht zusammenzieht.

Die Rastatter Sammelstelle für Woll- und Wintersachen befand sich in der Mädchenschule (heute Platz der Badner Halle). Vom 27. Dezember bis 4. Januar war täglich geöffnet zur Spendenannahme. Jeder Spender von Woll- und Wintersachen bekam eine Quittung, auf der genau aufgelistet wurde, was er abgegeben hatte. Zu einem späteren Zeitpunkt sollten dann Urkunden ausgegeben werden. Gleichzeitig mit dem Aufruf zur Wintersachen-Spende erging auch der dringende Aufruf: Die Wehrmacht braucht Skier und Skistiefel! Alle Skiläufer wurden aufgefordert, ihre Skier und Skistiefel abzugeben. Ausnahmen waren die Bergbevölkerung, soweit sie die Skier zu beruflichen Zwecken benötigte und die Skilehrer. Für jedes Paar abgegebene Skistiefel erhielt der Spender einen Bezugsschein für ein Paar Straßenschuhe. Gleichzeitig wurde für alle Verkehrsmittel eine Transportsperre für Skier verhängt.

Je öfter diese Aufrufe nach warmer Kleidung erschienen, desto bewusster wurde den Menschen in der Heimat, dass es den Soldaten an der Front nicht gutgehen konnte. Die Soldaten, die Moskau erobern sollten, besaßen nicht einmal Winterhandschuhe. Die Todesmeldungen, die in der Heimat eintrafen, wurden zahlreicher. Ende 1941 hatte die Wehrmacht mit 200 000 Toten und 620 000 Verwundeten gewaltige Verluste erlitten.

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