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Sehr politisches Jugendtheater
03.07.2018 - 00:00 Uhr
Von Xenia Schlögl

Rastatt - Das war ohne Übertreibung einer der Höhepunkte des viertätigen Jugendfestivals - am Samstagabend rockte das spina-Theater aus Solingen die Reithalle! Die Inszenierung "Europa" zeigte, wie mit Tempo, Ernsthaftigkeit und Witz Politik erklärt werden kann, wenn ein ambitioniertes Jugendtheater alle Register zieht.

Europa wird als Supermarkt dargestellt, das der staunenden Welt seine Vorzüge präsentiert. Mit der Europa-Hymne werden wie in einem Werbespot freier Warenverkehr, Personenfreizügigkeit, Dienstleistungsfreiheit und Kapitalfreiheit als höchste Errungenschaft besungen. Die Auswüchse dieser marktwirtschaftlichen Politik werden in einer fiktiven Debatte über die Einheitslänge von Würsten ad absurdum geführt. Wortspiele der überforderten Simultanübersetzer (Hape Kerkeling lässt grüßen), bringen das Publikum zum Lachen. Na ja, es gäbe auch ein paar kleinere Probleme wie den Brexit und die Eurokrise - "so what, We are the world!" Verpackt werden die politischen Themen zu Demokratie- und Flüchtlingskrisen mit Choreographien unterlegt mit EBM-Musik. EBM steht für Electronic Body Music und das ist der Rhythmus des Stücks "Europa". Als die Ensemblemitglieder Ali aus Eritrea und die Schwestern Nandi und Sandi ihre Fluchtgeschichten auf der schwachbeleuchteten Bühne erzählen, finden ihre Worte die Ohren und Herzen der Zuschauer.

Und im nächsten Moment wird die Frage in den Raum geworfen: Wen von den Dreien man zurückweisen würde, wenn die Obergrenze von 200000 Asylanten pro Jahr käme und nur noch zwei Plätze frei wären? Ali oder Nandi oder Sandi? Wer entscheidet?

Europa ist mehr als nur Kapitalismus, es ist mehr als seine Politiker, und es ist mehr als nur eine Idee: Aber was es genau für jeden einzelnen Europäer bedeutet - das bietet viel Raum für Gedanken und Gespräche. Standing Ovations und Bravorufe beweisen, dass die Botschaften beim jungen Publikum ankommen.

Mit auf der Tribüne sitzt das gesamte Ensemble des Theaters Grenzenlos aus München, das am Samstagvormittag sein Stück "Neuland" vorstellte. Auch ihr Thema war Europa, aber aus Sicht der Geflüchteten. Die Mehrzahl der Darsteller kam als unbegleitete Minderjährige nach Deutschland. Gezeigt wird ein Szenario, das vielleicht bald keine Utopie mehr ist: Europa macht die Grenzen dicht, Heimatlose, Geflüchtete und Arbeitsmigranten werden nicht mehr aufgenommen. Es verschlägt diese Menschen orientierungslos über das Meer treibend nach Niemandsland. Dort angekommen beschließen sie, einen eigenen besseren Staat zu gründen: Neuland. Aber bald übernimmt ein charismatischer Anführer und gibt Anweisungen für ein vermeintlich gutes Leben. Schnell wird aus Neuland ein ungerechtes Land.

Aus Rücksicht auf die sprachlichen Fähigkeiten der Geflüchteten wird "Neuland" stummfilmähnlich mit Texttafeln, pantomimischen Elementen und chorischen Partien auf die Bühne gebracht. Die Inszenierung wechselt zwischen der Entwicklung einer neuen Gesellschaft auf Neuland und Alltagsgeschichten der Geflüchteten in Deutschland. Wo Worte fehlen, werden Musik und Lichtelemente tragend. Eine Auflösung bietet das Stück nicht. In der Nachbesprechung beantworten die jungen Darsteller die Fragen in verständlichem Deutsch. Auch eine kritische Stimme aus dem Publikum meldet sich zu Wort: Es fehle die Spannung im Ganzen, zu eintönig seien die Szenen. Regisseur Viktor Schenkel gibt zu, dass das Stück "Neuland" noch im Werden sei und noch nicht auserzählt. Hier wird der Ansatz der Festivalleitung deutlich: Anschauen, reflektieren, miteinander diskutieren.

Den Auftakt zum ersten Rastatter Jugendtheaterfestival "Wovon wir träumen...Was wir begehren" gaben die Gastgeber des Phoenixtheaters mit ihrem Stück "Hamlet" unter der Regie von Jacqueline Frittel. Die Aufführung stellt Shakespeares Klassiker auf den Kopf: Hier ist Hamlet die Prinzessin von Dänemark, die mit dem Tod der Mutter hadert und sich tödlichen Ränkespielen der eigenen Verwandtschaft und des dänischen Hofes ausgesetzt sieht (wir berichteten bereits). Das Jugendfestival bot auch Workshops und Improvisationstheater. Als besonderes Gimmick gab es für jeden Teilnehmer eine Wegwerfkamera. Die aufgenommenen Fotos sollen später in einer Nachschau gezeigt werden.

Am letzten Tag des Festivals zeigte die Theater-AG des Max-Planck-Gymnasiums aus Karlsruhe das Stück "Toller" von Tankred Dost. Anhand historischer Fakten und Personen wird die kurze Zeitspanne von April bis Juni 1919 szenisch dargestellt. Komplexer Geschichtsstoff, alles schon mal im Schulunterricht gehört, vielleicht noch ein paar Eckdaten im Kopf. Eine Verbindung zum hier und heute gibt es nicht für die meisten der jungen Zuschauer. Aber dann geben mitreißende 21 Schüler der gescheiterten Revolution ein Gesicht. Starke Einzelleistungen der Schauspieler wechseln mit starken Gruppenszenen ab.

Es wäre den jugendlichen Organisatoren zu wünschen gewesen, wenn einige Klassenverbände hiesiger Schulen dabei gewesenen wären - ein spannendes Projekt am Ende eines Schuljahrs. Marcus Joos, Vizepräsident des Landesverbandes Amateurtheater Baden-Württemberg, zollte seinen Respekt: "Unser Dachverband wird das Phoenixtheater auch in Zukunft unterstützen."

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