http://www.badisches-tagblatt.de/UnternehmenKarriereZusteller/index.html
http://www.badisches-tagblatt.de/UnternehmenKarriereZusteller/index.html
Kunstwerk aus der Sprühdose
Rund 260 Quadratmeter ist die Fassade groß, die der Künstler für seine Arbeit zur Verfügung hat. Foto: Hliza
05.07.2018 - 00:00 Uhr
Bietigheim (hli) - Es riecht nach Farbe, aber dieses Mal ärgert sich der Inhaber des Bietigheimer Edekas, Jochen Fitterer, nicht darüber. Die Fassade des Lebensmittelmarkts in der Hardtgemeinde wurde nämlich nicht - wie oft in der Vergangenheit geschehen - von Graffiti-Sprayern heimgesucht. Nein. Dieses Mal war ein bekannter Street-Art-Künstler am Werk: El Bocho.

Der Künstler sitzt auf der Wiese neben dem Lebensmittelgeschäft im Schatten auf einem Campingstuhl. Einige Meter entfernt steht ein Bus, in dem er und sein Assistent schlafen, wenn sie mit ihrer Arbeit fertig sind. Seine Haare hat El Bocho im Nacken zusammengebunden und eine Basecap auf dem Kopf, die knielangen Hosen sind über und über mit Farbe bespritzt. Gegen eine kleine Pause, um die Fragen der Presse zu beantworten, hat der 40-Jährige nichts, schon gar nicht bei diesen Temperaturen.

Markt-Inhaber Jochen Fitterer ist auch dabei. Er erzählt, wie es zu der Kooperation kam: Nachdem die weiße Wand oft mit Graffiti angesprüht und diese danach wieder von offizieller Seite entfernt wurden, hatten Fitterer und sein Stellvertreter Andreas Lorenz das Gespräch mit der Verwaltungsgesellschaft Patrizia gesucht. Diese schlug vor, den Künstler El Bocho für die Gestaltung der Wand zu beauftragen. Gesagt, getan.

Seit Samstagabend ist der Frankfurter, der in Berlin lebt und nicht einmal wusste, wo Bietigheim liegt, nun dabei, die rund 260 Quadratmeter große Fläche zu bearbeiten - von morgens bis in die Nacht. "In Berlin findet man kaum solche Wände", zeigt sich der 40-Jährige begeistert.

Obwohl er mittlerweile für Galerien arbeitet, international ausstellt und von seiner Kunst leben kann, versteht er die Beweggründe der illegalen Sprayer. "Ich habe auch so angefangen", berichtet er. Man sehe eine freie Wand, die besprühe man. "Das ist nicht böse gemeint." Es gebe schließlich für die Jugend kaum Möglichkeiten, legal Graffiti oder Street-Art zu erstellen. Ob der Ehrenkodex, der unter den professionellen Sprühern herrscht, greift und sein Kunstwerk nicht von anderen übermalt wird - das ist ja schließlich die Hoffnung von Marktinhaber Fitterer -, kann El Bocho nicht sagen. "Viele Kids sind nicht in der Szene, die wissen das nicht."

Er selbst ist bis heute immer wieder nachts aktiv, platziert unter anderem handgemalte Plakate im öffentlichen Raum. Das ist eigentlich auch nicht legal. Seine Intention dabei: "Ich will den öffentlichen Raum positiv mitgestalten." Ab und an "erwischt" ihn die Polizei bei seinen Aktionen. "Aber ich kann gut erklären, was ich da mache." Bisher hätten sie alle Verständnis gehabt, zeigt sich der Künstler erleichtert.

Eigenen Stil entwickelt

Bereits in seiner Jugend reiste er in verschiedene Städte, zeichnete dort Kunst im öffentlichen Raum ab, die ihn inspirierte. Mit der Zeit entwickelte er einen eigenen Stil. Sein Markenzeichen sind die Konstruktionslinien in den Gesichtern und die Kombination von Farben. "Da kann man schon aus 200 Metern Entfernung erkennen, dass das nur ein ,El Bocho' sein kann."

Lange fertigte El Bocho, der Grafikdesign studiert hat, außerdem politische Illustrationen für große Tageszeitungen an. Auf dem Kunstmarkt ist er angekommen. Sogar ein ehemaliger Bundespräsident besitze eine Leinwand von ihm, verrät der Wahl-Berliner. Für ihn sind aber die Werke auf dem Kunstmarkt gleichwertig mit denen, die er in der Nacht auf den Straßen anfertigt. "Man muss real bleiben", erklärt El Bocho. Auf der Straße könne er frei arbeiten, in den Galerien sei das oft anders.

Um weiterhin frei zu sein, verrät El Bocho seinen richtigen Namen nicht. Und sein Gesicht darf man auf dem Foto für die Zeitung natürlich auch nicht sehen. Um sicherzustellen, dass man ihn nicht erkennt, hat er normalerweise, zum Beispiel bei Fernsehinterviews, eine Affenmaske parat. So viel gibt er dann doch preis: Sein Künstlername sei eine spanische Kurzversion seines richtigen Namens. "Ich habe mal ein Semester in Spanien studiert", erklärt er.

Für die Wand in Bietigheim hat El Bocho zunächst eine große Skizze angefertigt. "Letztendlich ist das Bild aber ganz anders geworden", grinst er. Sein Werk ist nun viel farbintensiver als geplant, damit die Bahnfahrer - die Gleise führen direkt am Gebäude vorbei - "geflasht" werden. Als Thema wählte er die Jugend, die das Bedingungslose vorlebe. Fertig will er spätestens heute mit dem Bild sein. Mehr als 250 Farbdosen hat er dafür gebraucht.

Dass seine Kunst nicht für immer bestehen bleibt - unter anderem, weil Gebäude abgerissen werden - findet El Bocho nicht so schlimm. Ihm ist es viel wichtiger, dass seine Werke beeindrucken. Und das bleibe, selbst wenn es sie gar nicht mehr gibt. Für das Bietigheimer Kunstwerk hat sich die Verwaltungsgesellschaft Patrizia indes etwas Besonderes überlegt. Es sollen davon Postkarten und Bilder hergestellt werden, die in limitierter Auflage verkauft werden. Der Erlös geht an die Patrizia-Kinderhaus-Stiftung, die sich für Kinder einsetzt.

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Gernsbach
Von figürlich bis abstrakt

04.07.2018
Neue Werke am Kunstweg
Gernsbach (wof) - Sechs weitere Arbeiten bereichern den Kunstweg am Reichenbach. Bei einer gut besuchten Vernissage erläuterten Kuratorin Rita Burster und die Künstler die Werke, die die Vielfalt der modernen skulpturalen Kunst von figürlich bis abstrakt widerspiegeln (Foto: wof). »-Mehr
Rastatt
--mediatextglobal-- Ein neuer Hingucker auf der Kunstwiese: Der Blumenstrauß aus alten Pfeifen der Wintersdorfer Kirchenorgel.  Foto: J. Giese

26.06.2018
Neue Objekte auf der Kunstwiese
Rastatt (jg) - Mehrere neue Kunstwerke sind am Sonntag beim Kunstwiesenfest in Ottersdorf den zahlreichen Besuchern präsentiert worden. Unter anderen wurden die ausgedienten Pfeifen der Ottersdorfer Kirchenorgel zu einem fröhlich-bunten Blumenstrauß umgearbeitet (Foto: jg). »-Mehr
Forbach
--mediatextglobal-- Björn Gaiser (von links), Katrin Buhrke und Daniel Merkel freuen sich über die Himmelsleiter.  Foto: Vogt

18.06.2018
Denkmal für das Original Roth
Forbach (red) - Der Gausbacher Mundart-Dichter und Musiker Klaus Roth hat vier Jahre nach seinem Tod ein Denkmal in seinem Heimatort erhalten: Ein geflügeltes Akkordeon auf der Himmelsleiter (Foto: Vogt) erinnert seit Samstag an das Original aus Forbach. »-Mehr
Baden-Baden
--mediatextglobal-- Festkonzert mit dem Cellisten Claudio Bohórquez und dem Pianisten Petér Nagy.  Foto: Brüning

16.06.2018
Festkonzert im Kurhaus
Baden-Baden (gib) - Anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Brahmshauses konzertierten der international renommierte Cellist Claudio Bohórquez und der Pianist Petér Nagy auf Einladung der Brahmsgesellschaft Baden-Baden im Weinbrennersaal des Kurhauses (Foto: gib). »-Mehr
Rastatt
--mediatextglobal-- Bildhauer Henning Schwarz (links) und Daniel Eitner vom Natursteinwerk Baumann demontieren die Skulptur.  Foto: sl

12.06.2018
Skulptur weicht Bauarbeiten
Rastatt (sl) - Mit dem Abbau einer Skulptur des EttlingerBildhauers Voré haben am Montag die Vorarbeiten für die Umgestaltung des Platzes hinter der Rastatter Fruchthalle begonnen. Das Kunstwerk soll nun restauriert und später wieder an gleicher Stelle aufgestellt werden (Foto: sl). »-Mehr
Ort des Geschehens
Größere Google Karte
www.volksbank-baden-baden-rastatt.de/bt
Umfrage

Auf dem Feldberg hat die Skisaison begonnen. Zieht es Sie schon auf die Piste?

Ja.
Ich warte bis die Lifte hier öffnen.
Ich bin kein Wintersportler.


http://www.karlsruhe.ihk.de/handelsregister
Wetter in Mittelbaden


BT Kinospot


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1