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"Wir hängen in der Luft"
Gedrückte Stimmung im Schatten von Daimler (von rechts): Torsten Nowak, Silke Schenk, Andreas Wentz.  Foto: Mauderer
01.08.2018 - 00:00 Uhr
Rastatt (ema) - Seine ersten Lebensjahre kann Torsten Nowak auf einen Nenner bringen: Oberwald. "Ich habe meine komplette Kindheit hier verbracht", sagt der 47-jährige Rastatter. Hier - das ist die Kleingartenanlage, deren Geschichte 1951 begann und die jetzt ein jähes Ende zu finden droht. Der mächtige Nachbar Daimler braucht Platz - und Nowak, mittlerweile Vorsitzender der Oberwald-Gartenfreunde, weiß, wer am Ende siegt: "Wir machen uns keine Hoffnung mehr."

Die Stimmung ist gedrückt an diesem Nachmittag. Nowak hat im Schreberhaus seine Schriftführerin Silke Schenk und Beisitzer Andreas Wentz um sich geschart. Das Trio muss gerade verdauen, was sie vor wenigen Minuten gelesen haben: Ein Gartenfreund hat nach 30 Jahren Mitgliedschaft völlig unerwartet gekündigt. Noch kennen sie nicht im Detail den Grund, aber die Vorstandsmitglieder ahnen es: Die Nachricht, dass die Oberwald-Gartenanlage für die Erweiterung des Benz-Werks weichen muss, trifft die Gemeinschaft ins Mark. Das Wort Zukunft ist für die 206 Mitglieder mit einem Schlag nicht mehr greifbar.

Natürlich wussten sie, welches Damoklesschwert über ihnen schwebt. Als die Stadt Rastatt und Daimler 2003 einen raumordnerischen Vertrag schlossen und eine 30 Hektar große Fläche im Südosten als Expansionsoption ins Visier nahmen, war klar, dass die 126 Schrebergärten im Fall der Fälle überrollt werden würden. Doch jahrelang tat sich nichts. Daimler winkte ab, wenn gefragt wurde, ob und wann man denn über den Riedkanal springe.

Dann kam überraschend die Botschaft im Juli 2017: Das Benz-Werk will wachsen. Zunächst klammerte man sich an die Hoffnung, dass der Kelch an den Kleingärtnern vorübergeht: Schließlich favorisierte Daimler das Rastatter Bruch. Und wenn auf dem Fabrikgelände nachverdichtet wird und im ungarischen Benz-Werk Kecskemet noch so viel Platz ist - warum sollte dann nicht der Oberwald verschont bleiben?, dachten sich die Vorstandsmitglieder.

Jetzt läuft stattdessen alles auf eine Kombi-Lösung hinaus, die den Oberwald einverleiben wird. Torsten Nowak verlangt dies geradezu einen seelischen Spagat ab. Als Benzler verdient er seine Brötchen in der Fabrik. Schon bei der städtischen Informationsveranstaltung in der Reithalle rief der Oberwald-Vorsitzende seinem Werkleiter Thomas Geier zu: "In meiner Brust schlagen zwei Herzen."

An diesem Nachmittag kann sich das Vorstandstrio nicht ausmalen, wo die Entwicklung hinführt. Okay, sie sollen umziehen. Aber man traut der ganzen Sache nicht so recht. Vor vielen Jahren habe die Stadtverwaltung ihnen schon gesagt, dass Flächen am Westring für eine Umsiedelung gekauft seien. Jetzt hören die Oberwäldler, dass das gar nicht stimmt. 4,5 Hektar, so hieß es 2003, werde man am Stadtrand nördlich der Augusta-Sibylla-Schule für die Kleingärtner zur Verfügung stellen. Doch wann und wie kann man umziehen? Und wer mutet sich das überhaupt noch zu?

"Die Hälfte wird wahrscheinlich nicht mitgehen", fürchtet Torsten Nowak. Silke Schenk könnte dies sogar verstehen: "Ein 70-Jähriger baut sich keine Hütte mehr." Doch selbst wenn in drei bis fünf Jahren, wie es OB Hans Jürgen Pütsch in der Informationsveranstaltung geschätzt hat, die Zukunft am neuen Standort beginnen könnte: Es würde wohl zunächst eher trist aussehen. Andreas Wentz hat so etwas schon erlebt, wenn eine Gartenanlage weichen und neu entstehen muss: "Das sieht zunächst aus wie eine Wüste."

Denn das, was auf den 4,7 Hektar im Oberwald über Jahrzehnte gewachsen ist, lässt sich ja nicht so einfach verpflanzen. "90 Prozent der Bepflanzungen muss man hier lassen", schätzt der Vorstand. "Das tut weh." Auch das Schreberhaus, die Vereinskantine, das Gerätehaus, die vielen Gartenhütten - im Oberwald stellt man sich eher auf Abschied denn auf Neubeginn ein.

Zu den Gedanken über die ungewisse Zukunft gesellen sich Sorgen um das Jetzt. Denn der Vorstand fürchtet, dass man im Zeichen des drohenden Szenarios die Kleingärten nicht mehr loskriegt, wenn weitere Mitglieder kündigen. Zwar besteht eine Warteliste mit 28 Interessenten - doch Nowak weiß nicht, ob sie das Papier noch wert ist, auf dem die Namen stehen.

Die Oberwäldler wollen gerne darauf vertrauen, was Bürgermeister Raphael Knoth in einer der Arbeitsgruppensitzungen für die Erstellung der Machbarkeitsstudie gesagt hat: "Es darf hinterher keiner schlechter dastehen als vorher." Doch wie soll man das beurteilen? Konditionen für eine Entschädigung sind den Kleingärtnern nicht bekannt. Was entstehen wird, ebenfalls nicht ("Wir wollen keine DDR-Plattenbausiedlung"). Darf man wieder Brunnen schlagen und am Stadtrand einen Zaun errichten? Den Vorstand zermürben viele Fragen. Die Kleingärtner sind hin- und hergerissen. Hier Erinnerungen an eine lebendige Gemeinschaft, in der schon die vierte Generation heranwächst. An eine Oase, in der Pächter ihr Lebenselixier finden und Bürger der Stadt ein Naherholungsgebiet, in dem sich eine vielfältige Tierwelt entwickelt hat. Dort Gedanken an eine Zukunft, die nicht mal schemenhaft erkennbar ist. Nein, das Gefühl, an diesem Flecken Heimat geerdet zu sein, sehen Thorsten Nowak und seine Vorstandskollegen schwinden: "Wir hängen in der Luft."

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