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Hitzesommer verursacht fünffache Menge Käferholz
22.09.2018 - 00:00 Uhr
Rastatt - Der außergewöhnliche Hitzesommer, der sich bis zum Herbstbeginn hingezogen hat, neigt sich dem Ende zu. Die Borkenkäfer, die Wärme und Trockenheit lieben, haben sich in den Wäldern im Kreis Rastatt massenhaft vermehrt. Wie die Forstexperten mit dem Schädling umgehen und welche Auswirkungen die extreme Hitze auf das Ökosystem Wald hat, erläutert Forstdirektor Thomas Nissen, Leiter des Kreisforstamts, im Interview mit BT-Redakteur Markus Koch.

BT: Herr Nissen, der ungewöhnlich heiße Sommer hat zu einer Massenvermehrung von Buchdruckern und Kupferstechern geführt. In welchen Wäldern des Landkreises Rastatt ist der Borkenkäferbefall besonders stark und wie viel Festmeter Käferholz fällt an?

Thomas Nissen: Der Buchdrucker und der Kupferstecher sind bei uns die Borkenkäferarten, die unter günstigen Bedingungen - wie zum Beispiel lang anhaltende Dürreperioden - die größten Schäden im Wald verursachen. Beide Arten befallen fast ausschließlich die Baumart Fichte. Die Fichte ist die häufigste Baumart im Landkreis Rastatt und nimmt hier 39 Prozent der Waldfläche ein. Fichten wachsen bei uns vor allem im Schwarzwald. In den höheren Schwarzwaldlagen nimmt die Fichte teilweise bis zu 50 Prozent der Waldfläche ein. Im Rheintal ist es dieser Baumart zu heiß und zu trocken. Dort kommt sie praktisch nicht vor. Die größten Borkenkäferschäden verzeichnen wir deshalb aktuell in den fichtenreichen Hochlagen des Schwarzwalds. Besonders stark betroffen sind Waldflächen in Höhenlagen zwischen 400 und 800 Meter. Betroffen sind beispielsweise die Wälder auf den Gemarkungen von Forbach, Weisenbach, Gernsbach und Bühlertal.

1000 Lkw-Ladungen Käferholz

Im Landkreis Rastatt haben wir aktuell bereits etwa 12500 Festmeter Käferholz aufgearbeitet und ich gehe davon aus, dass sich diese Menge bis zum Jahresende verdoppeln wird. Es dürften somit im gesamten Landkreis Rastatt etwa 1000 Lkw-Ladungen Käferholz (25000 Festmeter) sein, die wir unplanmäßig einschlagen müssen, damit sich der Borkenkäfer nicht noch weiter ausbreitet. Dies ist vier- bis fünfmal so viel wie in "Normaljahren", in denen wir keine größeren Probleme mit Borkenkäfern im Wald haben.

BT: Gibt es neben dem raschen Entfernen von Käferholz auch noch andere Bekämpfungsmethoden, etwa mit Hilfe von chemischen Mitteln?

Nissen: Eine Ausbreitung des Borkenkäfers kann in erster Linie dadurch verhindert werden, dass befallene Bäume so schnell wie möglich entdeckt, eingeschlagen und aus dem Wald abtransportiert werden, so dass die unter der Rinde angelegten brütenden Käfer sich nicht im Wald vermehren und dann weitere Bäume befallen können. Die Förster und Waldarbeiter im Landkreis sind deshalb aktuell stark gefordert, denn die befallstauglichen Fichtenbestände müssen regelmäßig kontrolliert und der Einschlag, Verkauf und Abtransport müssen zügig organisiert werden. Um dem Käfer Brutraum zu entziehen, sollten auch starke Äste und Baumkronen, die normalerweise länger im Wald liegen bleiben, unverzüglich kleingesägt oder gehackt werden.

Eine Bekämpfung des Borkenkäfers mit chemischen Mitteln ist schwierig und wird aus ökologischen Gründen im Wald auch nur sehr zurückhaltend - quasi als letzte Möglichkeit nach Ausschöpfung aller anderen Maßnahmen - durchgeführt. Innerhalb von Waldbeständen setzen wir grundsätzlich keine Insektizide ein. Pflanzenschutzmittel können lediglich dazu eingesetzt werden, auf Lagerplätzen konzentriert liegende Baumstämme, in denen der Borkenkäfer gerade brütet, zu behandeln. Dadurch kann man verhindern, dass die Jungkäfer ausfliegen und benachbarte Bäume befallen. Eine rasche Abfuhr des Holzes ist aber immer das bessere Mittel.

BT: Wie gestaltet sich das Borkenkäfermanagement im Nationalpark?

Nissen: In der Kernzone des Nationalparks gilt der Grundsatz "Natur Natur sein lassen". Hier darf sich der Borkenkäfer ungestört vermehren. Die Bekämpfung des Borkenkäfers konzentriert sich im Wesentlichen auf die 500 Meter breite Pufferzone, die den Nationalpark umgibt. Durch intensivste Kontrollen und möglichst schnellen Einschlag des Käferholzes sorgen die Nationalparkverwaltung und die umliegenden Forstämter gemeinsam dafür, dass Borkenkäfervermehrungen im Innern des Nationalparks nicht auf angrenzende Wirtschaftswälder übergreifen. Während trocken-heißer Witterungsperioden werden die Fichtenbestände in der Pufferzone wöchentlich nahezu vollständig kontrolliert. Eine derart hohe Kontrolldichte wäre in normalen Wäldern nicht machbar beziehungsweise nicht finanzierbar.

BT: Ein weiterer Schädling ist der Maikäfer. Wie groß sind die Schäden durch ihn in diesem Jahr? Wie wirkt sich die Hitze auf die Abwehrkräfte eines Baumes aus?

Nissen: Maikäfer richten bei uns vor allem Schäden in den ohnehin recht trockenen Böden der Rheinebene, vor allem in den Hardtwäldern zwischen Durmersheim und Hügelsheim an. Der Hauptschaden entsteht dabei nicht durch den Fraß der im Frühjahr fliegenden Käfer, sondern durch die im Boden an den Wurzeln mehrere Jahre lang nagenden Engerlinge. Die diesbezüglichen Waldschäden vergrößern sich beträchtlich, wenn zum Wurzelfraß noch Dürreschäden hinzukommen. Das Ausmaß dieser Schäden wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen. Auf sandigen und trockenen Standorten sind größere Waldverluste zu befürchten.

Interview

BT: Welche Baumarten haben besonders unter der Hitze gelitten und wie machen sich die Hitzeschäden bemerkbar?

Nissen: Am stärksten trifft es bei uns die Fichte, bei der großflächig sowohl Borkenkäfer- als auch Dürreschäden zu beobachten sind. Auf flachgründigen und trockenen Standorten der Rheinebene leiden aber auch die Buchen und selbst die Kiefern sehr stark. Frühzeitige Blattverluste bei der Buche und anderen Laubbäumen beziehungsweise starke Nadelverluste bei der Kiefer sind die Folge. Vielfach sterben auch Teile der Krone oder ganze Bäume ab.

BT: In den vergangenen Jahren wurden vermehrt Douglasien gepflanzt, weil sie Wärme gut vertragen. Hat sich dies nun bewahrheitet?

Nissen: Mittelalte und ältere Douglasienbestände vertragen die aktuelle Witterung in der Tat besser als die Fichte, wenn sie auf dem richtigen Standort stehen. Allerdings ist die Douglasie wie fast alle Baumarten als junge Pflanze äußerst empfindlich gegen Trockenheit. Frisch gepflanzte Douglasienkulturen nehmen deshalb großen Schaden, wenn es nach der Pflanzung heiß und trocken wird. Vielfach sterben große Teile ab, so dass die Forstkultur im Herbst oder im Folgejahr komplett erneuert werden muss.

BT: Welche nicht heimischen Baumarten wären Ihrer Ansicht nach geeignet, künftigen Hitzesommern gut standzuhalten?

Nissen: Ich gehe davon aus, dass unsere Wälder auch in Zukunft von den heimischen Baumarten dominiert und somit sehr naturnah sein werden. Die Fichte wird sicherlich an Bedeutung verlieren und sich noch stärker in die Hochlagen des Schwarzwalds zurückziehen. Buchen, Eichen, Tannen, Kiefern und andere heimische Bäume dürften aber auch bei steigenden Temperaturen auf vielen Standorten klimastabil und vital bleiben.

Hinzu kommen auf Sonderstandorten unter Umständen neue, fremdländische Baumarten, die unter geänderten Klimabedingungen bei uns wachsen. Um herauszufinden, welche das sein könnten, führt das Forstamt seit geraumer Zeit mit Unterstützung der Forstlichen Versuchsanstalt Versuchsanbauten nicht heimischer Baumarten durch. Im Herbst pflanzen wir beispielsweise im Staatswald bei Gaggenau auf mehreren Versuchsflächen die Türkische Tanne, Libanon-Zeder, Atlas-Zeder und verschiedene Douglasien zu Versuchszwecken an. Auch Baumhasel, Schwarznuss oder Tulpenbaum pflanzen wir zu Versuchszwecken an.

BT: Welche Behörde legt fest, welche neuen Baumarten ausprobiert werden dürfen?

Nissen: Der forstwirtschaftliche Anbau neuer nicht heimischer Baumarten ist grundsätzlich nicht genehmigungspflichtig. Bevor Gastbaumarten zu Versuchszwecken im Wald angebaut werden, stimmt sich die Forstverwaltung aber in der Regel mit der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt oder anderen Forschungseinrichtungen ab.

BT: Wie hat sich die Hitze auf das komplexe Ökosystem Wald insgesamt ausgewirkt? Welche Pflanzen und Tiere haben besonders gelitten, welche vielleicht sogar profitiert?

Nissen: Ein einzelner Dürresommer dürfte noch keine dauerhaften Auswirkungen auf das Ökosystem Wald haben. Verschiebungen in der Flora und Fauna treten aber durch die stetige Erwärmung ein, die wir seit einigen Jahrzehnten beobachten. Pflanzen und Tiere, die sich unter kühlen und feuchten Klimabedingungen wohl fühlen, leiden besonders unter Hitze und Trockenheit. Ein Beispiel dafür sind die Pflanzengesellschaften der Hochmoore, die wir beispielsweise am Kaltenbronn finden. Bei anhaltender Trockenheit und Hitze können die Torfmoose regelrecht in der Sonne verbrennen und dauerhaften Schaden nehmen. Individuen, die an trockene und mediterrane Verhältnisse angepasst sind, profitieren hingegen und breiten sich aus. Außerdem sind anpassungsfähige Arten besser dran als Arten mit geringer Flexibilität.

BT: Wie begünstigt die Hitze die Ausbreitung von Neophyten im Wald?

Nissen: Hitze und Trockenheit führen durch das Dürrwerden und Absterben von Waldbäumen dazu, dass mehr Licht auf den Boden fällt. Lichtliebende Pflanzen - leider auch einige unerwünschte Neophyten wie beispielsweise die Kanadische Goldrute und die Amerikanische Traubenkirsche - können davon profitieren und sich dann stark ausbreiten.

Ausmaß der Schäden zeigt sich nächstes Jahr

BT: Wenn Sie den Hitzesommer 2003 mit 2018 vergleichen: Welche Unterschiede gibt es?

Nissen: Im Jahr 2003 hatten wir im Wald noch erheblich größere Probleme mit dem Borkenkäfer. Im Sturm- und Bruchholz, das der Orkan Lothar am zweiten Weihnachtsfeiertag 1999 hinterlassen hatte, hatten sich insbesondere die Buchdrucker extrem vermehrt. Im Jahr 2003 kam es deshalb zu deutlich größeren Käferholzmengen.

BT: Was passiert mit den Waldbäumen, wenn es 2019 einen vergleichbaren Hitzesommer gibt wie in diesem Jahr?

Nissen: Der extrem heiße und trockene Sommer hat unseren Waldbäumen bereits stark zugesetzt. Das ganze Ausmaß der Schäden zeigt sich erst im Laufe des Winters und im kommenden Jahr. Wir Forstleute hoffen, dass der Winter und das kommende Frühjahr genügend Niederschlag bringen, damit sich die Waldbäume wieder erholen können. Sollte es auch im kommenden Jahr wieder so heiß und trocken werden, müssen wir mit einem weiteren steilen Anstieg der Borkenkäferschäden und mit massiven Dürreschäden auf flachgründigen und trockenen Waldstandorten rechnen.

BT: Mit welchen Strategien bereiten Forstexperten den Wald auf die Erderwärmung vor?

Nissen: Einerseits bemühen wir uns um naturnahe Waldbewirtschaftung und Waldpflege, um stabile, naturnahe und gemischte Waldbestände zu erziehen, die möglichst gut auf die Klimaerwärmung und deren Folgen vorbereitet sind. Einer standortangepassten Baumartenwahl unter Berücksichtigung künftiger Klimaveränderungen und einer vitalitäts- und stabilitätsfördernden Bestandespflege kommt dabei besondere Bedeutung zu.

Andererseits leistet die Forstwirtschaft durch den Aufbau von Wäldern mit einem hohen Holzvorrat und durch die ressourcenschonende und umweltfreundliche Produktion und Nutzung des klimaneutralen Rohstoffs Holz einen wichtigen Beitrag zur Bindung klimaschädlichen Kohlendioxids und damit auch zur Reduktion der klimaschädlichen Treibhausgase.

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