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Freude und Leid in entbehrungsreichen Jahren
15.10.2018 - 00:00 Uhr
Von Sabine Wenzke

Rastatt - Hugo Grether ist ein "waschechter Rastatter". Aufgewachsen in der Industriestraße 18 hat die Nähe zum Wasser immer eine große Rolle für ihn gespielt. "Die Murg war meine Heimat", verdeutlicht der 81-Jährige, der viele freudige Erlebnisse, aber auch traurige Ereignisse damit verbindet, wenn er vom Leben am Fluss erzählt.

Die Murg war zunächst einmal Erlebnis- und Abenteuerspielplatz für die Kinder, die die meiste Zeit draußen verbrachten in der Natur. Das Industriegebiet war damals noch deutlich grüner, viele Häuser gab es noch gar nicht. Dafür aber einen Fluss, der sich für herrliches Freizeitvergnügen anbot. "Wir sind oft nach Niederbühl gelaufen und dann im Wasser die Murg wieder runtergeschwommen oder planschend zurückgelaufen", blickt Grether zurück, der sich unter der Eisenbahnbrücke das Schwimmen selbst beigebracht hat - dort, wo die Bombenabwürfe Gumpen in das Murgbett geschlagen hatten und man als Kind an diesen tiefen Stellen nicht mehr stehen konnte.

Die Gegend um die Murg war auch Naherholungsort für zahlreiche Familien am Wochenende oder an schönen Sommertagen: Oberhalb des Flößerbachs saßen Hunderte von Menschen, hatten Decken ausgebreitet und sonnten sich. Das war ein großes Remmidemmi", schildert der 81-Jährige Bilder, die er nie vergessen wird. Auch dass er mit seinen Freunden oft durch Murg und Flößerbach gewatet ist, um von hinten ins Schwimmbad am Schwalbenrain zu gelangen - dort war das Baden noch viel schöner als im Fluss. "Damals gab es noch keinen Zaun im rückwärtigen Bereich des Bads", erinnert sich Grether. Und im Winter war der schneebedeckte Murgdamm ein beliebter Rodelhang. Es wurde auch auf der Murg mit einfachen Straßenschuhen geschlittert, wenn sie zugefroren war. "Wir hatten kein Geld, um Schlittschuhe zu kaufen". Dass dabei auch mal eine Fahrt im Wasser endete, erzählt er mit Schalk in den Augen.

Der kleine Hugo saß auf dem Balkon, als die Amerikaner über die Murg flogen in Richtung Murgtal, um dort ihre Bomben abzuwerfen. "Es ist Krieg", habe er damals gedacht und den Flugzeugen hinterhergeschaut. Er erinnert sich auch noch an die Franzosen, die als Besatzungsmacht in Rastatt waren. Diese hätten, wie er sagt, "kleine Bömbchen" ins Wasser geworfen und damit Fische gefangen. Vermutlich waren es Handgranaten. Die Buben haben die Dinger dann in der Murg gesucht und sie hochgehoben. Wie lebensgefährlich das war, wussten sie damals nicht. Zwei seiner Freunde hätten ihre Arglosigkeit mit dem Leben bezahlt, berichtet Grether und dabei werden seine Augen feucht. Im Leiterwagen seien sie noch ins Krankenhaus geschafft worden, doch es kam jede Hilfe zu spät. "Das war sehr hart. Normalerweise wäre ich auch dabei gewesen", meint der 81-Jährige, der einen Schutzengel hatte. Denn just an diesem Tag war er mit seiner Mutter zu einer "Hamsterfahrt" aufgebrochen. Der Vater war in Kriegsgefangenschaft und der Hunger groß. Die Ernährungssituation war kurz nach dem Krieg, aber auch noch in den ersten Jahren der Besatzung sehr schlecht. Daher fuhren viele Städter mit der Eisenbahn aufs Land. Bei den Bauern wurden dann Gegenstände wie Schmuck oder auch Kleidung gegen Lebensmittel eingetauscht. Später hätten die Franzosen die Murg sauber gemacht.

Hugo Grether erinnert sich auch noch an die Personenzüge der Amerikaner, die über die Eisenbahnbrücke donnerten. "Wir Kinder standen jeden Tag unten in der Murg und haben gewartet, bis die Züge kamen. Und dann haben wir gewunken und gerufen: ,Give me, give me'. Was das bedeutete, wussten wir nicht, wir konnten ja kein Englisch." Einer der Jungs hatte dies irgendwo aufgeschnappt "und wir haben das nachgesagt", so Grether. Die Amerikaner warfen dann immer Schokolade, Brot und anderes herunter, "damit habe ich meine Mutter, meinen Bruder, meine Tante und meinen Großvater versorgt", schildert der Rastatter die damalige Situation. 1947 kehrte sein Vater aus französischer Kriegsgefangenschaft zurück.

18 Jahre hat Hugo Grether im Industriegebiet gelebt. In einem Bahnwärterhaus wurde seine Mutter geboren, sein Großvater war Stellwerkmeister, erzählt er. Sein Vater schaffte in der Berga, er selbst lernte Baustoffkaufmann, ging dann für einige Jahre nach Frankfurt, kehrte 1967 wieder nach Rastatt zurück und machte sich später als Versicherungskaufmann selbstständig.

Der 81-Jährige ist Mitglied in der Sportvereinigung Niederbühl, trainiert auch heute noch einmal die Woche und frönt außerdem regelmäßig seiner großen Liebe - der Musik. Er spielt diatonische Instrumente, wie Handorgel oder die Steirische Ziehharmonika, musizierte früher mit einem Quintett und auch heute noch mit den Lichtentaler Handörglern. Und er komponiert und schreibt Noten für das Instrument um, erzählt er beiläufig. Seit fünf Jahren lebt er mit seiner Frau Irmgard (83) in der Carl-Benz-Straße im "schönsten Hochhaus Rastatts", wie er schmunzelnd meint, denkt aber immer wieder gerne an seine Kinder- und Jugendtage von 1937 bis 1955 in der Industrie zurück, auch wenn sie von Entbehrungen geprägt waren.

Auch heute noch spaziert er gerne zur Murg, stand im vergangenen Jahr sogar wieder vor dem Mietshaus in der Industriestraße, in dem er mit seinen Eltern und seinem Bruder gelebt hat und schilderte dort vor Ort einem Bekannten seine Erinnerungen. "Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben", konstatiert Hugo Grether nachdenklich und fügt an: "Und zu meinem Leben gehört einfach die Murg."

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