http://www.badisches-tagblatt.de/weihnachtsabo/index.html
Eklat überschattet Konzert zu jüdischen Kulturtagen
Aufregung: Klarinettist Roman Kuperschmidt will als orthodoxer Jude nicht unter dem Altarkreuz spielen. Das Konzert findet dann im Foyer der Kirche statt.  Foto: Wollenschneider
19.10.2018 - 00:00 Uhr
Rastatt (rw) - "Ich hoffe, nach dem Ende des Konzerts werden nur die schönen Melodien bleiben und nichts anderes", wünschte sich zum Abschluss eines turbulenten Abends in der Rastatter Johanneskirche der Ausnahmeklarinettist Roman Kuperschmidt. Nach knapp einer Dreiviertelstunde mit vielen Telefonaten und einem spürbaren Hin und Her, nachdem das angekündigte Klezmerkonzert zu platzen drohte, fand es dann doch für die Verbliebenen statt und erntete Begeisterungsstürme des Publikums.

Im Rahmen der jüdischen Kulturtage Baden-Baden/Rastatt war auch die evangelische Kirche auf dem Röttererberg als Veranstaltungsort ausgewählt worden. Dazu fand im Vorfeld auch eine Begehung mit Mitgliedern der Israelitischen Kultusgemeinde Baden-Baden in Rastatt statt.

Allerdings hatte man nicht bedacht, dass der Hauptakteur des Abends, Roman Kuperschmidt, orthodoxer Jude ist. Damit darf er keinen Raum betreten, der einem anderen Gott gewidmet ist. Auch das den Kirchenraum beherrschende Altarkreuz hatte die Delegation aus Baden-Baden nicht gestört, wohl aber den orthodoxen Juden.

So konnte Pfarrer Wenz Wacker feststellen, dass das Klezmerquartett die Instrumente außerhalb der Kirche aufgebaut hatte und das Publikum dort "bespielen" wollte. Sichtlich erregt erklärte Wacker den Anwesenden, man habe ein spezielles Kapitel des interreligiösen Dialogs. Aber: "Wir sehen uns in der Verantwortung für die Vergangenheit." Und dann, was die Meidung des Kirchenraums betrifft: "In unpassender Weise wurden wir vor der Veranstaltung vor neue Tatsachen gestellt." Kurzfristig habe dann doch der Ältestenkreis beschlossen, dass das Konzert nicht im Freien, sondern wie geplant in der Johanneskirche stattfinden solle.

Noch war das Konzert in der Schwebe, da schaltete sich mäßigend Bürgermeister Arne Pfirrmann ein, der Wenz Wacker dankte, dass er seine Kirche geöffnet habe. Und: "Der Dialog ist schwierig, aber wichtig." Pfirrmann sagte, dass Rastatt sich durch deutliche Zeichen (jüdische Kulturtage, Kantorenhaus) für "ein interkulturelles und respektvolles Zusammenleben" einsetze. Man müsse Antisemitismus die Stirn zeigen.

Eine halbe Stunde nach dem geplanten Konzertbeginn war letztlich immer noch nichts geklärt. "Jesus war Jude und lehrte uns, wie wir eine Konfrontation herausnehmen", fügte Pfarrer Wacker an. Als Kompromiss wolle die Formation nun im Foyer spielen. Wacker zu den Besuchern: "Wenn Sie gehen wollen, dann in Jesu Namen." Einige Besucher gingen; andere verteilten sich improvisiert stehend, auf herbeigebrachten Stühlen oder auf der Treppe sitzend.

Bandleader Roman Kuperschmidt stellte fest, das Ganze sei "ein bisschen politisch" geworden. Seine Hoffnung: "Wir machen die Ecke wieder rund!" Und was sich dann in über einer Stunde im Foyer der Johanneskirche entwickelte, ging in diese Richtung. Alles im Vorfeld schien vergessen, denn Kuperschmidt präsentierte sich als herausragender Klarinettist von europäischem Rang. An seiner Seite geniale Musiker mit Eduard Davidko (Schlagzeug), Manuell Sarafie (Kontrabass) und vor allem der zusätzlich begeisternde Alix Texler mit seinem Akkordeon.

Enorm abwechslungsreich war das Programm gestaltet, das in die europäisch-jüdische Klangwelt entführte. Kuperschmidt demonstrierte, wie er seine Klarinette zum Jubeln und als Basis zum Träumen einsetzen kann. Man schien durch den musikalischen Rahmen auf Dorffesten oder Hochzeiten zu sein. Aber auch die Liebeslieder verfehlten ihre Wirkung nicht. Eingestreut zur Freude des Publikums, das immer wieder mitklatschte: "Wenn ich einmal reich wär" aus Anatevka, der Klassiker "Petite Fleur" oder "Hava Nagila". Da ging das Herz durch die einfühlsame und rhythmische Musik auf und der ungewöhnliche Abend nahm dann doch ein versöhnliches Ende.

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Rastatt
Klezmerkonzert in Rastatt

17.10.2018
Klezmerkonzert in Rastatt
Rastatt (red) - In der Rastatter Johanneskirche gibt es am Mittwochabend ein Klezmerkonzert. Der jüdische Musiker Roman Kuperschmidt gastiert dort ab 19 Uhr mit seinem Ensemble. Die Gruppe eröffnet mit dem Konzert die Jüdischen Kulturtage Baden-Baden/Rastatt (Foto: pr). »-Mehr
Baden-Baden
--mediatextglobal-- Hornist Peter Bromig und Katrin Düringer (Orgel) konzertieren in der Abteikirche des Klosters.  Foto: Gareus-Kugel

17.10.2018
Werke für Orgel und Horn
Baden-Baden (vgk) - Zu einem genussvollen Konzert für Orgel und Horn luden die Musiker Katrin Düringer (Orgel) und Peter Bromig (Horn) in die Abteikirche des Klosters Lichtenthal ein (Foto: vgk). Sie präsentierten dem Publikum Musikwerke aus drei Jahrhunderten. »-Mehr
Gaggenau
--mediatextglobal-- Helmut And The Hillbillies kommen aus der Nähe von Stuttgart.  Foto: Gareus-Kugel

15.10.2018
Kentucky in der Mahlberghalle
Gaggenau (vgk) - In den zurückliegenden vier Jahren hat sich Freiolsheim zum kleinen Mekka für Bluegrass-Fans entwickelt, zu dem gemacht vom Freundeskreis Bluegrass Murgtal. 250 Zuhörer kamen zur erneuten Auflage in die Mahlberghalle. Das fünfte Festival ist in Vorbereitung (Foto: vgk). »-Mehr
Gaggenau / Kuppenheim
--mediatextglobal-- Aziz Kuyateh aus Gambia spielt beim Benefizkonzert in der Jahnhalle Kora und Percussion.  Foto: Hegmann

13.10.2018
Benefizkonzert für Terre des Hommes
Gaggenau/Kuppenheim (red) - Die Arbeitsgruppe Murgtal/Mittelbaden von "Terre des Hommes" feiert dieses Jahr ihr 40-jähriges Bestehen. Am Samstag, 13. Oktober, gibt es in Kooperation mit dem Kulturamt und Kulturring Gaggenau ein Benefizkonzert mit zehn Musikern (Foto: Hegmann). »-Mehr
Baden-Baden
Erinnerung an Rachmaninoff

13.10.2018
Erinnerung an Rachmaninoff
Baden-Baden (red) - Anlässlich seines 75. Todestags widmet die Stadt Sergej Rachmaninoff heute, 18 Uhr, im Rathaus ein Gedenkkonzert. In Michael Schuncke, der am Konzert teilnimmt, kann einer der letzten Zeitzeugen den Gästen den Menschen Rachmaninoff näherbringen (Foto: pr). »-Mehr
Ort des Geschehens
Größere Google Karte
www.volksbank-baden-baden-rastatt.de/bt
Umfrage

Laut Experten werden sich Videosprechstunden mit dem Arzt in Deutschland etablieren. Würden Sie das Angebot nutzen?

Ja, auf jeden Fall.
Kommt auf die Situation an.
Nein.


http://www.karlsruhe.ihk.de/handelsregister
www.los.de/lrs-rastatt/
Wetter in Mittelbaden


BT Kinospot


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1