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Wenn Traum und Realität ineinander fließen
In der 'Bar aller Vernunft' treffen Gäste gewollt und ungewollt aufeinander. Foto: Schlögl
27.10.2018 - 00:00 Uhr
Von Xenia Schlögl

Rastatt - Bar aller Vernunft. Ein selten benutzter Begriff. Klingt gestrig. Und doch passt der Ausdruck ins Heute als Titel des neuen Theaterstücks des Ensembles 99. Autor und Regisseur Michael Krauth nimmt die Zuschauer mit in eine Bar, an einem unbekannten Ort. Während ein Unwetter durch die Straßen fegt, suchen Nachtschwärmer hier Schutz - wie unvernünftig.

In einem düsteren Bühnenbild, das wie ein Gemälde arrangiert ist, befindet sich die "Bar aller Vernunft". Hier bedient der Wirt nur widerwillig seine Gäste, die gewollt und ungewollt aufeinandertreffen. Der typische gestresste Manager, eine betrunkene Dame, zwei Party-Freundinnen, eine desillusionierte Kommissarin, eine Prostituierte auf der Flucht und ein stummer Musiker, der seiner E-Gitarre ungewöhnliche Töne entlockt. Und auf einem Tisch liegend - ein Mann. Scheinbar bewegungslos. In dieser irritierenden Atmosphäre taucht der Zuschauer mit den Protagonisten ein. Wer sich hier an den Filmemacher Quentin Tarantino erinnert fühlt, der liegt richtig. Wie in Tarantinos Filmen hat auch die Hintergrundmusik einen hohen Stellenwert. Vokalmusik von Tom Waits, Voodoo Jürgens oder Belfast FM unterstreichen die Handlungsstränge und geben der Darbietung der Schauspieler den Kick. Eine große Entdeckung ist Isabel Limerov in der Rolle der Prostituierten Candy, die auf der Flucht vor ihrem Zuhälter immer wieder in die Bar stolpert. Ihre Rolle spielt Limerov virtuos zwiespältig und vielschichtig. Zeigt mit jedem Perückenwechsel eine neue Seite ihrer Figur Candy. Kai Streiling als gestresster Jungmanager verbreitet die richtige Portion Hektik und Unzufriedenheit - "was ist das hier für ein Laden?!" -, bis er von den zwei Freundinnen, die von der Nacht scheinbar nicht genug bekommen können, umgarnt wird.

Gabi Oestreicher verkörpert herrlich eine oberflächliche Person, die nur Konsumieren und Selfies im Kopf hat. Ihr zur Seite spielt Sabrina Dworak glaubhaft eine unsichere Person, die ihr Lachen nur zur Schau stellt. Entlarvende Szenen wie diese werden von Frank Pagel als undurchsichtiger Musiker mit knarzigem Gitarrenspiel begleitet.

Und immer wenn der Liegende plötzlich mit der Hand schnippt, glüht die Bühne im roten Licht. Philipp Erben kann in seiner Rolle die Zeit anhalten und bringt die Figuren dazu, ihre Seelen zu öffnen. In diesen Momenten lässt Regisseur Krauth Traum und Realität ineinander fließen. Die lauten und emotionalen Darstellungen kennzeichnen Erbens Schauspiel. Er bringt Klarheit in die Köpfe der Protagonisten und lässt das Publikum teilhaben, wenn die Masken fallen.

Als Ruhepol im Geschehen spielt Albrecht Dickmann den ungeselligen Wirt Bronsky, der nur wenig Worte verliert und dennoch der Anker für die einsamen Gestalten der Nacht ist. An der Bar sucht Annika Heitz als verschrobene Kommissarin der Sitte immer wieder seine Nähe, genauso wie die betrunkene namenslose Dame, gespielt von Inge Hamann. Diesen beiden Figuren sowie den Kurzauftritten des toten Vaters der Kommissarin, Michael Vieten, und des Zuhälters Charly, gespielt von Bernd Finkbeiner, hätten mehr Raum in der Geschichte gutgetan.

Das 90-minütige Stück wird aufgeführt ohne Pause, um den Spannungsbogen nicht abfallen zu lassen, wie Autor und Regisseur Michael Krauth erklärt. Elf Darsteller bringen ein komplexes Theaterstück auf die Bühne, das fasziniert und mitnimmt.

Der langanhaltende Applaus am Ende beweist, dass das Publikum innovative Inszenierungen schätzt. Ein Merkmal, das die Arbeit des Ensembles 99 auszeichnet.

"Bar aller Vernunft" eröffnet die diesjährige Herbst- und Winterspielzeit und wird am 27. und 28. Oktober sowie vom 8. bis 11. November jeweils um 20 Uhr in der Reithalle aufgeführt. Reservierungen unter (07222) 78 98 00.

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