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Auch nach 350 Jahren noch brisant
Auch nach 350 Jahren noch brisant
22.11.2018 - 00:00 Uhr
Von Xenia Schlögl

Rastatt - "Das Böse hat gewonnen! Was ist das für ein Theaterstück?!" Das ist eine der humorvollen Reaktionen des Publikums nach der einstündigen turbulenten Komödie "Tartuffe" von Molière. Das Phoenixtheater startete in die neue Saison und gab eine umjubelte Premiere in der voll besetzten Reithalle. Eine klassische Komödie? Von Molière? Die Sprache versteht doch keiner! Kann das junge Menschen wirklich interessieren?





Ja, kann es. Mit Witz und Tempo in der Verssprache Molières zieht das Jugendtheater alle Register und beweist, dass auch klassische Theaterstücke neuinterpretiert das junge Publikum mitreißen und begeistern. Das Geschehen entfaltet sich rasant: In einem komplett weißen Bühnenbild mit Netzen auf dem Boden und von der Decke hängend laufen die überwiegend weiblichen Familienmitglieder des Hauses Orgon in heller Aufregung umher. Ein gewisser Tartuffe habe sich einquartiert und lasse es sich unter dem Deckmantel der Frömmigkeit auf ihre Kosten gut gehen. Der bigotte Patriarch Orgon, der zu Reichtum gekommen ist und seine gesellschaftliche Stellung religiös legitimieren möchte, geht Tartuffe auf den Leim. Mit einer Schenkung übergibt Orgon ihm Hab und Gut und verspricht ihm sogar die Hand seiner Tochter Mariane. Die Frauen des Haushalts haben die Betrügereien längst erkannt und wollen das Schlimmste verhindern.

Regisseurin Jacqueline Frittel hat den Wunsch des Ensembles, nach langer Zeit mal wieder eine Komödie zu spielen, mit einer guten Portion jugendlichen Humors kongenial umgesetzt. 350 Jahre nach der Uraufführung ist der Stoff heute so brisant wie damals. Molière entlarvt die Scheinheiligkeit der Frommen und hält der Gesellschaft einen Spiegel vor. Frittel zeigt in ihrer kurzweiligen Fassung, wie ein offensichtlicher Betrüger durchkommt - wenn er an der richtigen Machtposition sitzt und einflussreiche Leute kennt. Die diesjährige Spielzeit steht passend unter dem Motto "Wahrheit(en)".

Gekleidet in einem weißen Anzug, mit weiß-goldenen Slippern an den Füssen und behangen mit Goldschmuck betritt Giuseppe Panarisi als gerissener Tartuffe die Bühne. Panarisi spielt mit Bravour einen eloquenten Lügner, der die Schwächen seiner Mitmenschen ausnutzt. Als Partner auf Augenhöhe stellt Florian Klingenberg den unsympathischen Großbürger Orgon dar, der seine Familie für seine gesellschaftliche Stellung manipuliert und letzten Endes fast alles verliert. Klingenberg drückt seiner Figur einen hektischen Stempel auf, der immer wieder für Situationskomik sorgt.

Die Riege der weiblichen Darsteller besticht durch ihre Spielfreude und die pointierte Ausdruckskraft der Verse Molières. Mit Leichtigkeit wirbeln Julia Weihrauch, Selma Glatt, Kiara Hassouna und Marie-Lena Bertsch durch das Stück, das trotz ernstem Hintergrund eine unterhaltsame Komödie ist. Eine besondere Klasse sind Burcu Topal als gewiefte Zofe Dorine, die kein Blatt vor den Mund nimmt, und Anna Lutz als clevere Gattin Elmire, die Orgon die Augen öffnet, damit er Tartuffes schändliches Verhalten endlich selbst erkenne. Komplettiert wird das gut eingespielte Ensemble von Raphael Schön als Orgons Sohn Damis und Saeed Daliridloo als der Geliebte der Tochter Mariane.

Dass der Schluss des Theaterstücks eine andere Wende nimmt, als das Original es vorsieht, liegt in der künstlerischen Freiheit und schmälert die Qualität der Aufführung nicht. Es ist ein schlüssiger Fingerzeig, wie eine Geschichte auch ausgehen kann - ohne Happy End.

Großer Applaus der überwiegend jungen Premierenzuschauer belohnte die Leistung. In einer kurzen Nachbesprechung mit dem Publikum wurden die Parallelen zu heute deutlich. Frittels eindringlicher Appell lautet: Informiert euch, lest Zeitungen, diskutiert, damit Heuchler mit einfachen Wahrheiten euch nicht verführen können.

Zweimal gibt es noch die Möglichkeit, "Tartuffe" zu sehen. Am 22.und 23. November um 19.30 Uhr in der Reithalle, Einlass um 18.30 Uhr. Ein besonderes Bonbon bietet das Phoenixtheater am 22. November. Nach der Vorführung findet ein "Open Stage" statt, das vom Ensemble des Jugendtheaters mit Livemusik und Impro-Spielen gestaltet wird. Reservierungen per E-Mail: reservierungen@phoenixtheater-rastatt.de.

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