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Freiheitsentziehende Maßnahmen gehen zurück
Freiheitsentziehende Maßnahmen gehen zurück
04.01.2019 - 00:00 Uhr
Rastatt (mak) - Die Heimaufsicht im Landratsamt überprüft die Pflegeheime im Landkreis Rastatt. Ein Aspekt bei den Kontrollen ist die Anwendung "körpernaher freiheitsentziehender Maßnahmen" (FEM), die tendenziell abnimmt, sagt die Sachgebietsleiterin Vera Unser: "Es muss allerdings teilweise noch Überzeugungsarbeit geleistet werden". Bei der Heimkonferenz im vergangenen Jahr setzten sich die Teilnehmer intensiv mit der Thematik auseinander. Auf die Fragen der Lokalredaktion antwortet das Team der Heimaufsicht.

Welche FEM kommen in den Pflegeheimen im Kreis am häufigsten zum Einsatz?

Am häufigsten kommen Bettseitenteile (nannte man früher Bettgitter) und Sitzhosen zum Einsatz. Daneben werden auch Rollstuhlgurte, Therapietische (früher Stecktisch) und ganz vereinzelt auch Fixiergurte im Bett angewandt.

Die Anwendung von FEM geht bundesweit zurück. Kann sich dieser Trend angesichts zunehmend pflegebedürftiger Patienten und weniger Pflegekräften fortsetzen?

Ob und vor allem in welchem Umfang FEM zum Einsatz kommen, kann und darf nicht daran festgemacht werden, wie viele schwerstpflegebedürftige Bewohner zu versorgen sind oder wie viel Personal zur Verfügung steht. Vielmehr dürfen FEM nur dann angewandt werden, wenn sie medizinisch oder pflegerisch indiziert sind, keine anderen Mittel zum Schutz des Bewohners in Frage kommen und diese auch legitimiert sind - zum Beispiel durch einen Beschluss des Betreuungsrichters, der sich ein ärztliches Attest und die Einschätzung des Heims vorlegen lässt und die Situation vor Ort in Augenschein nimmt. Das heißt: FEM zur Entlastung des Personals sind unzulässig. Dass diese "pflegeerleichternden" Maßnahmen durchgängig und unreflektiert in einer Einrichtung praktiziert werden, ist unwahrscheinlich, denn die Heimaufsicht überprüft mindestens einmal jährlich Anzahl und Art der FEM und reagiert zeitnah, wenn zu viele angewandt werden oder nicht nach besseren Alternativen gesucht wird. Zudem hat der Medizinische Dienst der Krankenkassen bei seinen Überprüfungen auch die FEM im Auge.

Wie ist die Akzeptanz von FEM in Pflegeeinrichtungen?

Das Thema Vermeidung von FEM ist in den letzten Jahren mehr und mehr in den Fokus gerückt. Die Initialzündung des Werdenfelser Wegs fand bundesweit Beachtung und Anhänger. Durch die Unterrichtung der Auszubildenden, die Schulung von Pflegekräften in den Einrichtungen und Informierung der Betreuer und Angehörigen werden die äußerst negativen Folgen der FEM aufgezeigt und alternative Maßnahmen vorgestellt. Dieses Wissen um bessere Alternativen zum Wohle der Bewohner wird mehr und mehr in allen Heimen implementiert sein und mit den Jahren schlichtweg "Stand der Pflege" werden, den man nicht mehr unterschreiten oder zurückschrauben kann und der letztendlich für eine Einrichtung zum Qualitäts- oder Alleinstellungsmerkmal werden kann. Im Übrigen ist die Anwendung der FEM letztendlich keine Arbeitserleichterung für die Pflegefachkräfte.

FEM werden mit dem Schutz des Patienten vor Verletzungen begründet. Welche Erfahrungen aus der Praxisgibt es?

Es gibt aktuell keine Studie, die einen positiven Effekt von FEM bestätigt. Im Gegenteil: Menschen in Pflegeheimen, die regelmäßig fixiert werden, erleiden deutlich häufiger sturzbedingte Verletzungen und zeigen Verhaltensauffälligkeiten.

Welche Alternativen gibt es zu den FEM?

Grundsätzlich gilt: FEM sind ein schwerer Eingriff in die Rechte eines pflegebedürftigen Menschen und dürfen daher immer nur das letzte Mittel sein. Es gilt daher, immer Alternativen abzuwägen. Dieser Abwägungsprozess muss immer wieder stattfinden und die einmal getroffene Entscheidung muss immer wieder aufs Neue reflektiert werden. Hat sich der Zustand des Bewohners verbessert oder verschlechtert? Eine regelhafte, unreflektierte und pauschale Anwendung einer FEM kann nur falsch sein.

Aus welchen Gründen greifen Einrichtungen auf FEM zurück?

Die negativen Folgen der Anwendung von FEM sind oftmals (noch) nicht ausreichend im Bewusstsein der Pflegefachkräfte und Angehörigen. Angehörige möchten ihre Verwandten in erster Linie vor Verletzungen und Stürzen bewahren, Pflegefachkräfte haben Bedenken vor Schadenersatzforderungen oder wenden FEM routinemäßig an, ohne zu hinterfragen, was eigentlich der Grund für das Verhalten ist, das die FEM vermeintlich erforderlich macht (vor allem, wenn Bewohner umher irren, eine Weglauftendenz haben oder eine Eigen- oder Fremdgefährdung zu befürchten ist.

Welche Gefahren bestehen für Patienten, die aufgrund von FEM im Bett liegen?

Muskelabbau, Einschränkung der Mobilität, Pflegebedürftigkeit nimmt weiter zu (Inkontinenz, Hilfe beim Essen und Trinken, erforderliche Lagerungsmaßnahmen), Stress bei den Betroffenen (Angst, Minderwertigkeitsgefühl, Resignation und Depression), der Abwehrhaltungen auslöst, was häufig wiederum dazu führt, dass Psychopharmaka gegeben werden oder deren Dosis weiter erhöht wird. Dies hat häufig eine Reduzierung der Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme zur Folge. Daraus und aufgrund des dauerhaften Liegens können weitere medizinische Komplikationen entstehen (Kontrakturen, Dekubitus, Pneunomie, Thrombose/Embolie, Nervenschädigungen). Der Allgemeinzustand und die Lebensqualität der Betroffenen verschlechtern sich drastisch.

Bei der Heimkonferenz waren FEM ein Schwerpunktthema. Wurden Vereinbarungen getroffen?

Die Heimkonferenz wollte vor allem die Einrichtungs- und Pflegedienstleitungen sensibilisieren und das Thema in allen Facetten beleuchten. Das Best-Practice-Beispiel im Stadtkreis Baden-Baden macht Mut und ist Ansporn, neue Pflegeansätze und Impulse in die eigene Einrichtung zu tragen. Die Resonanz war gut, im Nachgang haben sich viele Heime gemeldet und um vertiefende Schulung und Zertifizierung gebeten. Daher war dies für uns Anlass, gemeinsam mit dem Sozialamt zu erörtern, wie das Thema weiter transportiert werden kann. Gemeinsam werden wir als Impulsgeber die Heime nochmals gezielt ansprechen. Sämtliche Pflegeeinrichtungen des Stadtkreises Baden-Baden haben sich über das Projekt "Redufix" als fixierungsfreie oder fixierungsarme Heime zertifizieren lassen.

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