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"Ich erzähle eigentlich nur Geschichten"
'Ich erzähle eigentlich nur Geschichten'
19.01.2019 - 00:00 Uhr
Iffezheim - Die aus dem Iran stammende Sozialpädagogin Mehrnousch Zaeri-Esfahani macht am Mittwoch, 23. Januar, mit ihrer Denkwerkstatt zum Thema Integration Station in Iffezheim. BT-Redakteur Markus Koch hat sich im Vorfeld mit ihr unterhalten.





BT: Frau Zaeri-Esfahani, mit Ihrer Denkwerkstatt möchten Sie aufzeigen, wie Menschen aus dem Orient "ticken". Wo liegen die größten Unterschiede zur westlichen Kultur?

Mehrnousch Zaeri-Esfahani: In meiner Denkwerkstatt stelle ich die zwei Prototypen der Kultur vor, die sich auf der ganzen Welt verteilt haben, und aus denen Tausende Kulturformen entstanden sind. Einerseits das individualistische Modell, das von etwa fünf Prozent der Erdbevölkerung gelebt wird. Zu diesen fünf Prozent gehören auch die skandinavischen Länder und Deutschland. Die restlichen 95 Prozent der Menschheit leben nach dem anderen Prototyp, dem kollektivistischen Modell. Ich bin überzeugt davon, dass man zuerst sich selbst kennen und sich die eigenen Fehler verzeihen muss, damit man in der Lage ist, das Andersartige nicht nur zu ertragen, sondern auch zu respektieren. Deshalb erläutere ich unsere eigene Kultur, die Entwicklung unseres Individualismus und die daraus entstandenen Erziehungsmodelle und Kultur. Die Teilnehmer erfahren mehr über sich selbst als über andere.

Interview

BT: Sie touren durch ganz Deutschland mit Ihren Vorträgen. Woran liegt es, dass Sie so gefragt sind?

Zaeri-Esfahani: In der Regel hält ein Experte einen Vortrag, und danach stellt das Publikum Fragen. Ein Experte muss die großen Zusammenhänge differenziert darstellen. Und so wird Wissenschaft unverständlich. Den Teilnehmern erklärt ein Experte den Lebensraum Fluss beispielsweise, indem er detailliert die Fauna und Flora anschaut oder Laborwerte zur Wasserqualität erläutert. In der Fragerunde werden dann die einzelnen Steinchen im Flussbett, also die Fallbeispiele, behandelt. Das ist übrigens typisch deutsch. Diese Arbeitsweise ist "analytisch". Ich jedoch arbeite ganzheitlich. Ich erlaube dem Publikum und mir, abzuheben und gemeinsam den Fluss von oben zu betrachten, das heißt, die Dinge zu vereinfachen. Der Nachteil ist, dass man den einzelnen Steinchen nicht gerecht werden kann, aber man sieht bei dieser Methode einmal die Dinge von oben. Man bekommt den berühmten Überblick. Das Publikum sagt, dass es dadurch plötzlich neue Perspektiven gewinnt, die komplizierte Fragen leicht machen. Man erkennt das Wesentliche. Das ist übrigens typisch orientalisch. Außerdem trage ich in persischer Erzähltradition vor. Ich erzähle eigentlich nur Geschichten. Keine Fakten. Ich habe keine fertigen Rezepte. Jeder Einzelne findet eigene Rezepte für seine individuellen Fragen.

BT: In den meisten Gesellschaften im Nahen Osten herrschen patriarchalische Strukturen, Männer haben dort einen höheren Stellenwert als Frauen. Wie sollten wir damit umgehen, wenn ein Vater der Lehrerin seines Kindes nicht die Hand zur Begrüßung geben möchte?

Zaeri-Esfahani: Die Kinder lernen in den kollektivistischen Strukturen von klein auf, auf äußere Richter zu achten, also auf eine Autorität. Das wichtigste Korrektiv in der Gesellschaft ist das Schamgefühl. Damit in dieser Gesellschaftsform keine Anarchie ausbricht, ist man unbedingt auf hierarchische Strukturen angewiesen. Zudem es in solchen Gesellschaften in der Regel keine Demokratie und keinen Sozialstaat gibt. Der Einzelne ist zum Überleben unbedingt auf sein Kollektiv angewiesen. In Deutschland dagegen werden die Kinder mehrheitlich von klein auf so erzogen, dass ein innerer Richter ihnen sagt, was richtig ist und was falsch, und ein innerer Berater, was sie wollen oder nicht wollen. Autoritäten sind fast in allen Lebensbereichen kaum noch sichtbar.

Das ist der Ursprung für die Rollen, die Männer und Frauen beziehungsweise Kinder, Erwachsene, Alte oder bestimmte Berufsgruppen jeweils in einer Gemeinschaft bekommen. Wenn ein Vater einer Lehrerin nicht die Hand gibt, kann die Lehrerin mit diesem Wissen über das Innere und Äußere diese Angelegenheit entspannt und ohne persönliche Verletzung wahrnehmen. Sie muss aber den Vater auch immer und immer wieder darauf hinweisen, dass und warum sein Verhalten in Deutschland als unhöflich verstanden werden kann.

BT: Ein häufig erlebbarer Unterschied ist das andere Verständnis von Zeit, insbesondere von Pünktlichkeit. Wer sollte hier von wem lernen: Die Deutschen mehr Gelassenheit, wenn jemand zu spät kommt, oder die Orientalen mehr Pünktlichkeit?

Zaeri-Esfahani: Eine Frage, die in jeder Denkwerkstatt auftaucht. Der Klassiker! Die bisherigen rund 6 000 Teilnehmenden der Denkwerkstatt sind sich einig: Die Mischung macht's! Allerdings erfahren die Teilnehmenden in der Denkwerkstatt, wie diese zwei unterschiedlichen Zeitverständnisse im Laufe der Menschheitsgeschichte entstanden sind. So können sie in ihrer Arbeit das Ganze mit Humor angehen. Allerdings leben wir hier in Deutschland, wo Pünktlichkeit für das Funktionieren der Infrastruktur unabdingbar ist. Und das sollten wir den Neuankömmlingen so schnell wie möglich mit Geduld und Humor erklären.

BT: Nachdem die Unterbringung von Flüchtlingen nicht mehr im Vordergrund steht, rücken die Integrationsangebote mehr in den Blickpunkt. Welche Angebote gehen an der Zielgruppe vorbei?

Zaeri-Esfahani: Alle Angebote, die auf unserem Verständnis von Individualismus basieren, gehen zumindest in der Anfangszeit am Bedarf der Gruppe vorbei und führen nicht selten zu Frust und persönlicher Verletzung bei denen, die so viel Mühe und Gedanken in die Angebote investiert haben.

BT: Eine Grundvoraussetzung für eine gelungene Integration ist der Spracherwerb. Was sollte in dieser Hinsicht noch verbessert werden?

Zaeri-Esfahani: Spracherwerb ist im Gegensatz zur weitläufigen Meinung nicht die erste Voraussetzung für eine gelungene Integration. Dennoch ist es unbedingt notwendig, jedem Neuankömmling, unabhängig davon, ob er bleiben wird oder nicht, vom ersten Tag an professionellen Sprachunterricht zu geben. Schon in den 80ern hat man herausgefunden, dass der Grundstein für gelingende Integration schon in den ersten sechs Monaten nach der Ankunft gelegt wird. Durch das Angebot eines Sprachunterrichts zeigt die Aufnahmegesellschaft ihren unbedingten Willen, die neuen Bürger integrieren zu wollen. Dies bewirkt Wunder, was den Integrationswillen des Neuankömmlings anbetrifft.

BT: Der Umgang mit fremden Kulturen ist häufig von Stereotypen geprägt. Welches Bild haben viele Flüchtlinge von den Deutschen?

Zaeri-Esfahani: Jeder Mensch hat eigene Ideen und Vorstellungen. In der Regel erlebe ich jedoch bei den meisten Geflüchteten eine Art Bewunderung für die humanistische, demokratische und individualistische Erziehung und Lebensweise in Deutschland. Auch von der Ordnung der Abläufe im gesamten Alltag und vom Solidaritätsprinzip sind die meisten begeistert.

BT: Sie sind 1985 in die Bundesrepublik gekommen. Ist Deutschland für Sie eine Heimat geworden oder einfach nur Ihr Wohnsitz?

Zaeri-Esfahani: Deutschland ist meine Heimat. Und Iran ist meine Heimat. Ich habe jahrelang darum gekämpft, eingebürgert zu werden. Ich empfinde eine große Liebe für die Demokratie hier. Deutschland ist eines der Länder mit einer der am besten funktionierenden Demokratie weltweit. Auch wenn unsere Demokratie noch verbesserungswürdig ist, und derzeit auf der Suche nach ihrer eigenen Identität ist, ganz ähnlich einem pubertierenden Jugendlichen.

Diese Pubertät bringt gesellschaftliche Verwerfungen mit sich, tut weh und erzeugt eitrige Pickel. Die Populisten und Nationalisten sind für mich die entzündeten eitrigen Pickel, die unsere Demokratie in dieser Phase des Wachstums hervorbringt. Wir sollten unsere Demokratie dennoch weiterhin lieben und ihr beistehen. Das ist Patriotismus und Heimatliebe.

"Ich schwor mir,

dieses Land zu lieben"

BT: Wann und wie haben Sie gemerkt, dass Sie auch innerlich in Deutschland angekommen sind?

Zaeri-Esfahani: 1986, ein paar Monate nach meiner Ankunft bekam ich eine Ahnung davon, was Solidaritätsprinzip und funktionierende Infrastruktur für ein Land bedeuten. Ich empfand Deutschland als Paradies, und schwor mir, dieses Land zu lieben und alles zu tun, damit dieses Paradies bleibt.

BT: Welche Ratschläge geben Sie Flüchtlingen im Hinblick auf die Integration?

Zaeri-Esfahani: Es ist unbedingt wichtig, den mitgebrachten Rucksack mit der eigenen Kultur, der eigenen Sprache, den eigenen Werten, der eigenen Religion und den eigenen Erinnerungen aufzubehalten und zu leben. Nur dann kann man die neuen Dinge, die man hier vorfindet, auch lieben lernen. Und die unnötigen Dinge im Rucksack wie etwa hierarchische Rollen zwischen Mann und Frau kann man irgendwann aus dem Rucksack entfernen und durch bessere Werte, die man hier vorfindet, wie etwa Gleichberechtigung, ersetzen. So arbeitet man jahrzehntelang an seinem individuellen Rucksack und hat am Ende die echte Integration. Wer seinen Rucksack ablegt, der kann sich nur assimilieren. Assimilation bedeutet nicht nur für den Neuankömmling Verarmung, sondern ist auch für das Aufnahmeland einen Verlust.

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