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Als "Generalarzt Sauerbruch" zur Visite kam
21.02.2019 - 00:00 Uhr
Von Markus Koch

Rastatt - Fast fünf Jahrzehnte Rastatter Industriegeschichte hat Heinz Karle mitgestaltet: Von 1942 bis 1988 hat er bei Maquet gearbeitet, ab 1960 als Prokurist. Der 93-Jährige blickt im BT-Gespräch auf die schwierigen Anfänge nach Kriegsende zurück. Ein besonderes Erlebnis ist ihm bis heute gut in Erinnerung geblieben: Der Besuch von "Generalarzt Sauerbruch" im Januar 1944. Der berühmte Chirurg Ferdinand Sauerbruch spielte auch am Dienstagabend in der ARD zu Beginn der neuen Charité-Staffel eine Rolle.

Heinz Karle ist ein waschechter Rastatter, er erblickte hier im Juli 1925 das Licht der Welt. Er besuchte die Oberrealschule (heute steht dort die Badner Halle), als er als Zwölfjähriger beim Fußballspielen einen schweren Unfall hatte. Ein gegnerischer Spieler rutschte auf regennassem Rasen aus und verletzte ihn derart schwer an der Hüfte, dass er etwa ein Jahr lang im Krankenhaus verbrachte und vier Operationen über sich ergehen lassen musste. Danach wechselte er auf die obere Handelsschule in der Kaiserstraße.

Sein Vater Alfred Karle hatte in der Bahnhofstraße ein kleines Geschäft, in dem er Tabak, Spirituosen und Süßigkeiten verkaufte, in Rastatt als "Karle-Eck" bekannt. "Eigentlich wollte mein Vater mich ausbilden, aber er durfte nicht, weil er nur vier anstatt sechs Mitarbeiter hatte, wie vom Arbeitsamt gefordert wurde", blickt der 93-Jährige zurück.

Im Jahr 1942 legte Heinz Karle seine Prüfung zum Kaufmann ab und begann eine einjährige Ausbildung in den Stierlen-Werken. "Wir waren damals ein Wehrmachtsbetrieb und stellten pro Woche rund 10 000 Flakgranatenbehälter aus Aluminium her", erzählt Karle. Zu den weiteren Hauptprodukten zählten Operationstische und große Spülmaschinen, die zum Teil bis zu zwölf Meter lang waren, und Waagen.

Aus jener Zeit ist ihm eine Begegnung bis heute besonders gut in Erinnerung geblieben: Im Januar 1944 besuchte der bekannte Chirurg Ferdinand Sauerbruch das Rastatter Maquet-Werk. "Er kam in einem schönen Horch aus Frankfurt angereist und marschierte in zackigem Schritt über den Werkshof", erinnert sich Karle. Sauerbruch trug eine schwarze Uniform und wurde mit "Herr Generalarzt" angesprochen. "Er hatte die Aufgabe, sechs OP-Tische zu bewerten. Zu den wichtigsten Kriterien zählte das Gewicht, denn Material war knapp und musste gespart werden", so Karle weiter.

Sauerbruch ließ eine Waage herbeibringen und entschied sich danach für den OP-Tisch "Nummer 3 000". Maquet hatte in seiner Produktpalette aber auch einen nach den Anforderungen von Sauerbruch entwickelten OP-Tisch ("Nummer 5000). Allerdings war dieser am schwersten von allen. Der OP-Tisch "Nummer 3000" bestand aus drei lackierten Metallplatten, die aus hygienischen Gründen mit einer dünnen Kupfer-Nickel-Platte versehen waren. Auf beiden Seiten gab es ein Handrad zum Verstellen der einzelnen Platten, die Sitzplatte konnte zudem nach unten abgeklappt werden. Nachdem Sauerbruch seine Entscheidung getroffen hatte, stieg er wieder in seinen Wagen und fuhr weiter nach Tuttlingen zu Aesculap. "Das Unternehmen war damals schon der weltweit größte Hersteller von chirurgischen Geräten", verdeutlicht Karle. Auch dort hatte Sauerbruch Instrumente unter seinem Namen entwickeln lassen und auch dort hatte der den Auftrag, Einsparungen zu erzielen.

Nach Kriegsende hatten Vertreter des französischen Roten Kreuzes und ein Kommandant das Sagen bei Stierlen-Maquet, am Werkseingang waren Militärwachen postiert: "Die Franzosen ließen zunächst alle Operationstische nach Frankreich abtransportieren", erinnert sich Karle. Dann organisierten sie in Frankreich das fehlende Material, damit Maquet wieder die Produktion aufnehmen konnte. Da Karle über Französischkenntnisse verfügte, wurde er 1946 von den Besatzern damit beauftragt, das Werk und den Vertrieb wieder aufzubauen. In den Nachkriegsjahren zählte Maquet etwa 50 bis 60 Mitarbeiter, deren Zahl in den 1950er Jahren auf rund 300 anstieg.

Karle hatte noch eine Liste der früheren Kunden, die er damals meist persönlich aufsuchte. Sein Dienstwagen war ein militärgrau lackierter VW Standard, von dem Maquet drei Stück hatte. Zudem gab es drei Lastwagen. Für diesen "Fuhrpark" stand eine eigene Tankstelle auf dem Werksgelände.

In den 1960er Jahren stieg der Export stark an: "Maquet hatte ja schon einen Namen und wurde außerdem von einem Kunden zum anderen empfohlen."

Der Eiserne Vorhang war für die OP-Tische von Maquet durchlässig: "Wir haben die Militärkrankenhäuser in Moskau und Peking mit Operationstischen und -zubehör ausgestattet", berichtet Karle.

In den 1970er Jahren machte Karle erneut Bekanntschaft mit einem bekannten Chirurgen: Christiaan Barnard, der im Dezember 1967 in Kapstadt erstmals eine Herztransplantation durchgeführt hatte. Der damalige Maquet-Leiter, der auch Chef der Deutschen Chirurgischen Gesellschaft war, hatte Barnard die hauseigenen Produkte vorgestellt - mit Erfolg: Maquet richtete in Südafrika ein Krankenhaus ein, das von ihm geführt wurde.

Zudem wurden in den 1970er Jahren immer mehr Krankenhäuser gebaut, erinnert sich Karle: "Jeder Landrat und jeder Oberbürgermeister wollte sich damals mit einer Klinik verewigen." Dieser Trend war gut für Maquet, das Rastatter Unternehmen konnte pro Jahr etwa 15 Neubauten mit durchschnittlich 500 Betten

einrichten.

Der größte Auftrag in den 1970er Jahren war das Allgemeine Krankenhaus in Wien: Drei große Gebäude mit 4 500 Betten und 52 Operationsräumen, blickt der

einstige Prokurist zurück. Im Jahr 1988 ging Heinz Karle zwar in Ruhestand, ganz losgelassen hat ihn Maquet aber nicht. Er war an den Gesprächen zwischen Maquet und Getinge

beteiligt, die letztlich im Jahr 2000 zur Übernahme des Rastatter Unternehmens durch die Schweden führten. "Wir hatten mit Siemens einen weltweiten Partner für unsere Servicestationen. Getinge war unser Konkurrent und gehörte zu Siemens. Über Siemens kamen wir dann mit den Schweden in Kontakt", berichtet Karle.

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