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Ringen um Gemeinschaftsschule
28.02.2019 - 06:29 Uhr
Von Anja Groß

Bietigheim - Wird Bietigheim die Gemeinschaftsschule auslaufen lassen und bis in fünf Jahren dann keine weiterführende Schule mehr am Ort haben? Wie geht es mit der Grundschule im Ort weiter, die jetzt schon Teilbereiche auslagern muss, und zudem laut mehreren Gutachten nicht mehr sanierbar ist und noch maximal vier Jahre genutzt werden kann? Es gibt viele offene Fragen, nachdem der Gemeinderat am Dienstagabend die Entscheidung darüber vertagt hat, ob die Gemeinschaftsschule aufgegeben wird (das BT berichtete).

Warum soll die erst 2016 errichtete Gemeinschaftsschule aufgelöst werden?

Das Thema ist vielschichtig. Zum einen hat sie nicht den erforderlichen Erfolg: Die Schülerzahl sinkt, von 26 im ersten Jahr, auf dann 20 und nun 17 in der fünften Klasse. Um auf Dauer den Bestand zu sichern, sind laut Schulamt 26 bis 28 Schüler pro Klasse erforderlich - und eigentlich eine Zweizügigkeit, also zwei Klassen pro Jahrgang. Dann könnte man bei einer Abwanderung von Kindern auf andere Schularten beispielsweise zwei Klassen zusammenlegen, um sie bis zum Abschluss zu führen.

Was hat der Platzbedarf für die Grundschule damit zu tun?

Diese wird künftig laut Prognosen dreizügig werden. Jetzt schon reicht der Platz nicht aus, im Ganztagesbetrieb müssen die Kinder beispielsweise in Schichten essen, Teilbereiche sind schon ausgelagert. Das Gebäude in der Wilhelmstraße, erbaut 1951/52, ist zudem laut Sachverständigen nicht mehr sanierbar: Der Stahl in den Stützen ist teils korrodiert, der Beton hat schlechte Qualität, von Brand-, Schall- und Wärmeschutz sowie Barrierefreiheit gar nicht zu reden. Seit 2016 bemüht sich die Gemeinde daher um Zuschüsse für einen Neubau, "weil wir das allein nicht finanzieren könnten", wie Bürgermeister Constantin Braun betont. Im Juli 2018 kam die Absage aus dem Kultusministerium (Braun: "Das war ein Schlag in die Magengrube"). Dieses wertet freie Räume im Gemeinschaftsschulgebäude als vorhandenen Raumbestand. Folge: Keine Fördermittel vom Land für einen Grundschulneubau. Was der kosten könnte, zeigt ein Blick nach Rastatt: Für voraussichtlich 14 Millionen Euro wird dort die Hans-Thoma-Schule neu gebaut.

Woran liegt es, dass die Gemeinschaftsschule Bietigheim so wenig angenommen wird?

Darüber können auch die Fachleute nur spekulieren. "Keinesfalls an den Lehrern und der Schulleitung", wurde am Dienstagabend betont, vor allem das Konzept für die Inklusionskinder sei "hervorragend". Vielmehr gibt es vier weitere Gemeinschaftsschulen in direkter Nachbarschaft (Durmersheim, Rastatt, Malsch), teilweise sind dort bereits Geschwisterkinder. Zudem ermöglichen die Realschulen mittlerweile auch verschiedene Bildungsabschlüsse, die Übergänge dorthin steigen ebenso wie an den Gymnasien. Der Rastatter Schulamtsdirektor Wolfgang Held warnt vor der Hoffnung, dass Schüler in Bietigheim bleiben werden, damit die Gemeinschaftsschule erhalten wird. "Wer sich für einen anderen Bildungsweg entscheidet, wird diesen gehen", lautet seine Erfahrung.

Die Verwaltung will dem Wunsch von Eltern und Lehrern entsprechen, die Gemeinschaftsschule auslaufen zu lassen. Was würde das bedeuten?

Alle Kinder ab der fünften Klasse könnten noch ihren Abschluss in Bietigheim machen - vorausgesetzt, die Klassengröße sinkt nicht unter 16 Schüler. "Bei 15 könnten wir noch ein Auge zudrücken, dann wird es schwierig", erklärte der Schulamtsdirektor. Denkbar wäre eventuell noch eine Kombination mit der nächsthöheren Klasse, um die Kinder bis zur Abschlussklasse zu führen. Schulorganisatorisch hält er das aber für schwierig, weil die Klassenlehrer in der Gemeinschaftsschule jetzt schon drei verschiedene Unterrichtsniveaus anbieten müssten - in einer Kombiklasse wären es sechs. Spätestens im Schuljahr 2023/24 wäre demnach Schluss. Nach und nach könnten dann je nach Raumkapazität in der Schulstraße 9 bereits Grundschulklassen dorthin umziehen.

Könnte das Schulgebäude einfach so für die Grundschule genutzt werden?

Nein, auch dort gibt es Sanierungsbedarf, beispielsweise bei den Toiletten, sagt die Verwaltung. Aber das sei mit deutlich geringerem Aufwand machbar. Zudem gebe es in der Schulstraße 9 Erweiterungsflächen inklusive Außenbereich.

Was passiert mit der Grundschul-Turnhalle, die auch Vereine als Trainingsräume nutzen?

Weitere Entscheidungen müssen getroffen werden, sagt der Bürgermeister: Was passiert mit dem Schülerhort oder bleibt die Turnhalle erhalten? Das sei aber erst der übernächste Schritt.

Gibt es einen Plan B, wenn die Statik des Grundschulgebäudes nicht mehr standhält?

Im schlechtesten Fall müsste eine Containerlösung her, erklärt Architekt Fritz. So etwas sei in relativ kurzer Zeit realisierbar. "Aber wir gehen davon aus, dass wir das Gebäude mit punktuellen Maßnahmen über Wasser halten können."

Wäre ein Grundschul-Neubau durch den Verkauf des Geländes in der Wilhelmstraße teilweise finanzierbar?

Der Standort direkt neben der Kirche wäre schwierig zu vermarkten und "schreit nach einer öffentlichen Nutzung", erläuterte der Bürgermeister. Ohnehin wäre der Grundstückserlös nicht ausreichend, um einen Neubau zu finanzieren.

Warum drängt die Zeit?

Am 13./14. März sind die Anmeldetermine für die neuen Fünftklässler. Wenn bis dahin kein Beschluss gefasst wurde, wie es mit der Gemeinschaftsschule weitergeht, und sich Kinder anmelden, müssen diese aufgenommen werden, sagt das Schulamt. Dann würde sich die Frist für die Standortschließung auf jeden Fall um ein Jahr verlängern.

Was sagen die Fraktionen?

"Das ist für uns alle traurig, niemand nimmt das leicht", ließ FWG-Fraktionsvorsitzender Dr. Wolfgang Bernart dennoch erkennen, dass die Freien Wähler den Verwaltungsvorschlag unterstützen würden. SPD-Fraktionschef Samuel Engelhard hingegen sprach von "Erpressung" durch das Kultusministerium und konnte sich mit der Schnelligkeit des Entscheidungsprozesses nicht anfreunden. Er forderte, die Flinte nicht zu schnell ins Korn zu werfen. Die CDU, die die Vertagung des Themas beantragte, sah ebenfalls noch "erheblichen Informationsbedarf" beispielsweise zu Kosten. Zudem schlug Fraktionschef Dr. Jürgen Rastätter vor, die Landtagsabgeordneten um Unterstützung zu bitten.

Wie geht es weiter?

Der Gemeinderat soll das Thema in der Sitzung am 12. März erneut beraten. Die Verwaltung arbeitet mit Hochdruck am Thema, hieß es gestern aus dem Rathaus. Alle anderen Projekte seien zurückgestellt. Die Zeit drängt, denn mindestens sieben Tage vor der Sitzung müssen den Räten die Unterlagen zugegangen sein, sonst ist kein Beschluss möglich. In we lche Richtung dieser gehen könnte, sei noch unklar.

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