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Turbulente Gründungsjahre bei den Naturfreunden
05.03.2019 - 00:00 Uhr

Von Gunter Kaufmann

 

Rastatt - Das große Sterben auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs war gerade erst vier Monate vorbei, als sich in Rastatt am 16. März 1919 im ehemaligen Gasthaus "Drei König" an der Badener Brücke die Gründungsversammlung für eine Rastatter Ortsgruppe der Naturfreunde stattfand. "Um auch für Rastatt in der Arbeiterbewegung einen Schritt weiter zu kommen, haben einige wanderlustige Genossen und Genossinnen beschlossen, eine Ortsgruppe des Touristenvereins, die Naturfreunde zu gründen", heißt es dazu in der Gründungsniederschrift. Die Protokolle der Naturfreunde von ihren Mitgliederversammlungen wurden 1933 von den Nazis beschlagnahmt und weitgehend vernichtet. Der Verein wurde alsbald verboten.

 

Zwei Protokollbücher, handgeschrieben in der alten deutschen Sütterlinschrift, sind jedoch noch vorhanden. Sie geben Aufschluss über ein bewegtes Vereinsleben in den Gründungsjahren und über Vereinsaktivitäten zum Anfang der 30er-Jahre. Die Revolution in Deutschland von 1918 hatte für die Arbeiter unter anderem den Achtstundentag, bezahlten Urlaub und gewerkschaftliche Vertretung in den Betrieben. Das Mehr an Freizeit begünstigte nach dem Weltkrieg zahlreiche Vereinsgründungen im sportlichen, kulturellen und sozialen Bereich.

Mit Karl Hirschmann an der Spitze konnten auch die Naturfreunde im ersten Jahr zahlreiche Mitglieder gewinnen, so unter anderem auch Reinhard Renschler (späterer Stadtrat), der bereits im Rastatter Arbeiterrat politisch aktiv war. Es gab buntes Vereinsleben und regelmäßige gut geführte Wanderungen im nahen Schwarzwald. Mit dem günstigen Erwerb von Rucksäcken und Feldflaschen aus den nicht mehr benötigten Heeresbeständen der Rastatter Kasernen wurden den Vereinsmitgliedern eine preiswerte Wanderausrüstung angeboten. Auch die Skiabteilung wurde entsprechend ausgerüstet. In einem der Protokolle wurde auch vermerkt, dass das Rastatter Geschäft Ertel bei Vorlage des Mitgliederausweises der Naturfreunde einen kleinen Rabatt auf die Einkäufe gab.

Nach der Vereinsgründungen wurde der "Hatzsche Biergarten" in der Engelstraße das Vereinslokal. Dort fanden die Versammlungen statt, ebenso wie Musik-, Gesangs- und Theaterveranstaltungen. Beliebt waren die Lichtbildervorträge zu naturkundlichen Themen oder über Naturschönheiten anderer Länder. Laut Protokoll wurde im Juli 1919 die Gründung einer eigenen "Photosektion" beschlossen mit dem Wunsch, dass bei jeder Wanderung auch ein Fotograf zugegen sei. Bereits aktive Fotografen sollten interessierte Mitglieder in der "fotografischen Kunst" unterrichten und mit gutem Rat bei der Beschaffung der nötigen Gerätschaften helfen.

Als Ende 1919 das Vereinslokal mit dem Umzug ins Gasthaus "Zum Rappen" gewechselt wurde, kam es zu Kontroversen in der Mitgliedschaft, die auch über die örtliche Presse ausgetragen wurden. Der "Rappen" war seinerzeit die Lokalität der politischen Linke, auch der Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) einer Abspaltung der SPD. Der Rappenwirt Otto Stier gehörte wie Reinhard Renschler seinerzeit dem Rastatter Arbeiterrat an und wurde bei den Kommunalwahlen 1919 in den Gemeinderat gewählt. Da er und seine Tochter Mitglieder der Naturfreunde waren, wurde das Vereinslokal gewechselt. Für einen erheblichen Teil der Mitglieder war dies eine Provokation, die sie nicht akzeptieren wollten.

So gründete der zweite Vorsitzende Ende 1919 einen neuen Verein, die sogenannten "Wanderfreunde". Die beiden Vereine standen sich trotz gleicher inhaltlicher Ausrichtung immer etwas zänkisch gegenüber. Sie warfen sich gegenseitig politische Agitation vor, was im Jahr 1919 mit seinen Landtags-, Reichstags- und Kommunalwahlen sicher nicht ausgeschlossen werden kann. Durch die vollzogene Vereinsspaltung schrumpfte die Mitgliederzahl der Naturfreunde nicht unerheblich. Mit mehr geselligen Abenden und auch einem Tanzstundenangebot für die Jugend sollte die Attraktivität wieder verbessert werden. Als 1920 auch der Vorsitzende Hirschmann den Verein im Streit verließ, ließen jedoch auch die Vereinsaktivitäten stark nach.

Erste Bemühungen, Natur- und Wanderfreunde wieder zu vereinen, erwiesen sich als nicht einfach. Dennoch gelang im Jahr 1921 der Zusammenschluss. Die Aufzeichnungen in den Protokollen belegen einen deutlichen Mitgliederzuwachs ab 1922. Es gab wieder ein ambitioniertes Angebot für Wanderer, den Aufbau einer Vereinskapelle und viele Veranstaltungen. Der Mitgliedsbeitrag lag seinerzeit bei 20 Mark pro Jahr.

Nach mehreren personellen Veränderungen im Vereinsvorstand übernahm Mitte der 20er- Jahre Rudel Manz den Vorsitz, sein Stellvertreter wurde Fritz Sattler. Als aktiver Wanderführer leitete Sattler zahlreiche Touren im Schwarzwald. Auf den Mitgliederversammlungen stellte er regelmäßig verschiedene badische Naturfreundehäuser vor. Sattler wurde nach 1945 Stadtrat und war bis 1971 Fraktionsvorsitzender der SPD. Das Vereinslokal der Naturfreunde wurde in der Weimarer Zeit noch einige Male gewechselt. Ab 1929 tagte man im ehemaligen "Goldenen Kreuz" in der Kaiserstraße. Das letzte vorliegende Protokoll dokumentiert die Jahreshauptversammlung vom 1. Februar 1933, wahrscheinlich die letzte Veranstaltung vor dem Verbot durch die Nazis im Mai 1933. Es beschreibt mit folgenden Worten den Schluss der Sitzung: "Nachdem unsere Musik noch einige Stücke zum Besten gegeben, fand unsere Versammlung ihren Abschluss mit dem Liede ,Brüder zur Sonne zur Freiheit'".

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