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Nur geschmacklich außer Konkurrenz
Nur geschmacklich außer Konkurrenz
19.03.2019 - 00:00 Uhr
Von Franziska Kiedaisch

Rastatt - Wenn die Erdbeer- und Spargelstände wieder an Landstraßen und auf Supermarktparkplätzen zu finden sind, dann beginnt die genussreiche Zeit des Jahres. Doch diese Rechnung droht in Zukunft nicht mehr aufzugehen, denn es fehlt den Landwirten im Landkreis und anderswo an Erntehelfern. Auch die globale Preispolitik und steigende Personalkosten führen zu Problemen im sogenannten Sonderkulturanbau.

So erwartet etwa Simon Schumacher, Vorstandssprecher und Geschäftsführer des Verbands Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer (VSSE) für den Spargelanbau im Südwesten einen Flächenrückgang um bis zu 30 Prozent in den kommenden sechs Jahren. Im Landkreis Rastatt und im Stadtkreis Baden-Baden liegt der Rückgang bei rund drei bis vier Prozent pro Jahr, teilt das Landwirtschaftsamt des Landkreises auf Nachfrage mit. Seit 2014 haben sich die Anbauflächen für Spargel sogar um 20, bei Erdbeeren um 15 Prozent verkleinert. Ein weiterer Einbruch sei wahrscheinlich, so das Landwirtschaftsamt.

Für diese Entwicklung gibt es laut Schumacher "zwei externe Faktoren": "Die angespannte Preissituation aufgrund von Überproduktion auf dem Weltmarkt und der Mangel an Erntehelfern." Deren Verfügbarkeit nehme stark ab, sagt er. Zweieinhalb Helfer pro Hektar, schätzt Schumacher, benötigten die Bauern für die nach Angaben des Landwirtschaftsamts rund 125 Hektar Spargelanbaufläche im Landkreis Rastatt und im Stadtkreis Baden-Baden - also über 300 Personen.

Für die Erdbeerernte würden im Durchschnitt sechs Personen pro Hektar nötig, sagt Schumacher: Das sind etwa 1 100 Erntehelfer für rund 180 Hektar, auf denen in Land- und Stadtkreis Erdbeeren angebaut werden. Doch Erntehelfer zu finden, wird immer schwieriger: Die Wirtschaft in Ländern wie Polen oder Kroatien, aus denen früher viele saisonale Arbeitskräfte kamen, blüht auf, gleichzeitig führen bessere Verdienstmöglichkeiten in anderen Branchen zu einer Abwanderung der inzwischen größtenteils aus Rumänien stammenden Erntehelfer.

Franziska Gehrer, die in Durmersheim auf knapp 40 Hektar Spargel anbaut und sogar Rumänisch gelernt hat, um sich mit ihren Mitarbeitern verständigen zu können, sagt: "Im Baugewerbe, in der Hotellerie und Gastronomie können sie mehr verdienen. Außerdem sind die gesetzlich geregelten Arbeitszeiten in Deutschland für das Empfinden der Erntehelfer zu kurz gehalten."

Fernab der Heimat werde Freizeit als verlorene Zeit empfunden. Der Mindestlohn beträgt in Deutschland momentan 9,19 Euro pro Stunde. Die gestiegenen Lohnkosten machen es aber den Landwirten zunehmend schwer. So schätzt etwa Gehrer, dass die Lohnkosten in ihrem Betrieb um rund 30 Prozent gestiegen sind. Im Einzelhandel müssen Spargel und Erdbeeren, die in Deutschland als Sonderkulturen nur wenige Monate angebaut werden, mit Ware aus südlichen Ländern konkurrieren, die jederzeit und zu deutlich günstigeren Preisen feilgeboten wird.

"Es ist jedes



Jahr spannend"

Um konkurrenzfähig zu bleiben, werden die Preise für Erdbeeren und Spargel aus Deutschland gedrückt. Gehrer, die in der Hauptsaison zwischen 100 und 120 rumänische Erntehelfer beschäftigt, musste in diesem Jahr zum ersten Mal auf die Dienste einer Vermittlungsagentur für Saisonarbeitskräfte zurückgreifen, weil sie aus eigener Kraft nicht genügend Erntehelfer gefunden hat.

"Es ist jedes Jahr spannend", sagt Stefan Schneider, der in Iffezheim auf einer Fläche von rund zwölf Hektar 36 osteuropäische Arbeitskräfte für die Spargelernte beschäftigt. "Man erwartet einen Bus mit acht Erntehelfern, und dann steigen nur sechs aus", beschreibt er ein nicht unübliches Szenario in der Erntezeit. "Es geht uns aber noch ganz gut, weil viele schon seit Jahren auf unseren Hof kommen. Aber die werden auch nicht jünger, und Nachwuchs zu finden, das sehe ich mit Sorge", sagt er. Er bezweifelt, dass sich die steigenden Lohnkosten im Erlös widerspiegeln. "Ganz schwarzmalen will ich nicht, aber zu dem Preis geht es nicht mehr", sagt der Landwirt.

"Ich denke, dass es in fünf bis zehn Jahren nur noch sehr kleine Betriebe ohne große Personalkosten und riesengroße Unternehmen, die sich diese Entwicklung leisten können, geben wird. Alles dazwischen wird es vermutlich dann nicht mehr geben", sagt Gehrer, die auf ihrem Hof in der Hauptsaison zwischen vier und sieben Tonnen Spargel erntet.

Sind Spargel und Erdbeeren aus der Region dann bald Mangelware? "Die Landwirtschaft war schon immer innovativ und ha t sich stets auf neue Situationen eingestellt", beruhigt Schneider. Und Schumacher fügt an: "Solange die Menschen Geschmacksnerven haben, geben sie Geld auch für Spargel und Erdbeeren aus Deutschland aus. Der geschmackliche Unterschied zu Spargel aus Peru oder Erdbeeren aus Spanien ist groß."

86 Prozent des Spargels, der in Deutschland verkauft wird, kommt übrigens aus Deutschland, immerhin 60 Prozent sind es bei den Erdbeeren. Auch wenn der Einzelhandel laut Schumacher "Zeichen zeigt, die in Richtung Kontinuität vor Regionalität gehen" - sprich: jederzeit Erdbeeren und Spargel, egal von woher - sieht Schumacher doch einen "kleinen Ausweg". Kunden, die bei den Direktvermarktern an den Ständen am Straßenrand einkaufen, stehen hinter der Landwirtschaft vor Ort und würden für den Genuss aus heimischem Anbau auch einen fairen Preis bezahlen.

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