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Helle Köpfchen erblicken das Licht der Welt
06.04.2019 - 00:00 Uhr
Von Franziska Kiedaisch

Ganz vorsichtig befreie ich den weißen Trieb. Indem ich die Erde mit Zeige- und Mittelfinger beiseiteschiebe, kommt immer mehr von ihm ans Tageslicht. Dann steche ich mit der scharfen Klinge des langen und leicht gebogenen Messers zu und trenne das weiße Gemüse von seiner Wurzel. Zum ersten Mal in meinem Leben ernte ich einen Spargel.

In dem Folientunnel auf dem Spargelhof von Franziska Gehrer in Durmersheim sind außer mir zwei Männer damit beschäftigt, Stange für Stange aus der Erde zu holen. Beide Erntehelfer stammen aus Rumänien - so wie 48 weitere Mitarbeiter. 30 von ihnen sind zum ersten Mal bei der Spargelernte dabei. In wenigen Wochen werden es 120 sein.

"In der Spargelzeit haben die Erntehelfer viel Arbeit und wir organisieren. Wenn sie nach der Ernte wieder nach Rumänien fahren, beginnt für uns die Arbeit auf dem Feld", fasst Inhaberin Franziska Gehrer zusammen. Dann betreiben sie, ihr Lebensgefährte Patrick Kühn und ihre Eltern, die noch immer auf dem Hof mit anpacken etwa Bodenpflege und Pilzprophylaxe. Auch Folien müssen dann ausgetauscht werden, nachdem die Stürme der vergangenen Wochen große Schäden angerichtet haben: sechs der insgesamt elf Tunnel wurden restlos zerstört. Nach der Spargelernte, die traditionell am 21. Juni endet, müssen aber auch die Folien der verbliebenen fünf Tunnel ausgetauscht werden. "Mehr als 100 000 Euro kostet das", sagt Kühn, der laut eigener Aussage für "das Administrative draußen" zuständig.

Kühn weist die Erntehelfer ein und zeigt ihnen, wie mit dem wertvollen Gemüse, das auf dem Gehrer-Hof auf rund 40 Hektar angebaut wird, umzugehen ist. Heute erklärt er mir, wie man Spargel erntet. Während er die schwarze Plane, die auf dem angehäuften Erddamm liegt, beiseite schlägt, betont er das Erfahrungswissen der langjährigen Mitarbeiter: "Gute Leute sehen schon an der Wölbung der Folie, ob da ein Spargel drunter ist." Ich sehe hingegen nur schwarzes Plastik. Unter der Folie spitzen bereits einige helle Köpfchen aus der Erde. Kühn erklärt: "Wo eine Stange ist, sind auch andere." Die Wurzel treibe mehrfach aus, deshalb soll ich behutsam sein beim Ausbuddeln, um die "Geschwister" der zu erntenden Stange nicht zu beschädigen.

Als der Trieb etwa 15 Zentimeter aus der feinkörnigen Erde schaut, gibt Kühn mir das lange Spargelmesser. Auf dem Metall markiert ein weißer Strich eine Länge von 22 Zentimetern - so lang sollte das geerntete Gemüse mindestens sein. Ich halte den Spargel fest, schiebe das Messer in leicht schrägem Winkel in die Erde, schneide die Stange ab und lege sie in den grünen Plastikkorb. Gleich danach geht es direkt nebenan weiter: Der Nachbar-Trieb ist dran. Nach vier Stangen ist an dieser Stelle Schluss - kein Spargel mehr zu sehen. Ich schütte das entstandene Loch zu und streiche den Erdhügel mit einer Maurerkelle glatt.

Während ich die Erdbewohner aus ihrem feinkörnigen Bett befreie und schließlich mit dem Messer zusteche, prasselt der Regen unentwegt auf die gewölbte Plastikfolie über mir. Vier Grad beträgt die Temperatur an diesem verregneten Vormittag. Der Folientunnel bietet heute Schutz - üblicherweise herrscht hier ab neun Uhr sengende Hitze.

Mit Tempo und Fingerspitzengefühl

Auch die extreme körperliche Belastung durch die gebückte Haltung ist nicht zu unterschätzen: "Schmerzen haben alle", sagt Gehrer. "Das Körperliche ist das Eine, aber vor allem psychisch ist die Arbeit belastend." Die Zwangsgemeinschaft auf Zeit führt mitunter auch zu zwischenmenschlichen Verwerfungen.

Dem Mann neben mir ist davon nichts anzumerken: In einer atemraubenden Geschwindigkeit buddelt er mit fließenden Bewegungen die weißen Stangen aus. Reihe für Reihe fliegt er förmlich durch den rund 200 Meter langen Folientunnel. "Constantin ist unser bester Mann", betont Kühn anerkennend. Er hat die Mischung aus Fingerspitzengefühl, Geschwindigkeit und grober Handarbeit, die für die Spargelernte nötig ist, zur Perfektion gebracht. Weil er und die anderen neben einem Lohnfixum auch nach geernteter Menge bezahlt wird, lässt er keine Zeit verstreichen. Um einen Korb zu füllen, der rund neun Kilo fasst, benötigten die schnellsten gerade einmal eine Viertelstunde, sagt Kühn. In meinem Arbeitstempo wäre so ein Korb wahrscheinlich erst nach mehreren Stunden gefüllt.

Für die Arbeitnehmer lohnt sich die Ernte in Deutschland: "Ein gut bezahlter Job in Rumänien wirft zwischen 200 und 300 Euro im Monat ab, hier verdienen gute Leute 2 300 bis 2 400 Euro, abzüglich der zehn Euro Tagespauschale für Unterkunft und Vollverpflegung auf dem Hof", vergleicht Gehrer, die bereits mehrfach in Rumänien war und durch ihre Mitarbeiter die Sprache gelernt hat. "Von 100 Erntehelfern aus Rumänien sind durchschnittlich 15 dabei, die nicht richtig mitmachen. Die anderen sind sehr motiviert", sagt die 32-jährige Betriebschefin. Ihr Lebensgefährte fügt an: "Die wollen unbedingt arbeiten und dürfen teilweise dann nicht wegen des Arbeitsschutzes. Ihnen sagen zu müssen, dass sie am nächsten Tag frei haben, ist das Schlimmste - da werden manche schon ungehalten." Oft sitzt Gehrer nach eigenen Angaben abends mit den Mitarbeitern zusammen, tauscht sich mit ihnen aus und hilft bei alltäglichen Problemen weiter. "Ich liebe meine Mitarbeiter. Die scheuen sich nicht vor Arbeit. Auch ihre Kultur ist so schön, die haben ganz tolle Tänze", erzählt sie begeistert.

Die meisten von ihnen besäßen in Rumänien einen kleinen Acker, seien ohne Ausbildung oder Beruf. Von dem Verdienst aus Deutschland könnten sie das restliche Jahr leben - gerade dann, wenn Ehepaare oder ganze Familien zur Spargelernte kämen, sagt Kühn.

In ihrer Heimat akquirierten sie auch neue Mitarbeiter für den Gehrer-Hof. Für die Fahrt nach Durmersheim gibt es dann einen Vorschuss von der Chefin: "Sonst hätten die Leute gar nicht genug Geld, um herzukommen", erklärt sie.

Auch auf den Feldern ohne Folientunnel und an den Sortier-, Schäl-, Verwiege- und Verpackungsmaschinen arbeiten Rumänen: in der Halle vorwiegend Frauen, auf dem Feld in erster Linie Männer - wegen der körperlichen Anstrengung, wie Kühn erklärt. In der Halle werden die wertvollen Triebe zunächst gewaschen und im Anschluss abgewogen, um die Erntemenge pro Mitarbeiter zu ermitteln. Danach werden die Stangen in einem Eiswasser-Becken gekühlt, damit sie sich nicht verfärben, und kommen auf die Sortiermaschine.

Die Frauen legen die Stangen auf das Förderband, das direkt in eine vollautomatische Maschine führt, wo der Spargel nochmals gewaschen und auf die richtige Länge geschnitten wird. Eine Kamera in der Maschine erkennt Klasse, Farbe und andere äußere Merkmale eines jeden Spargels. Schließlich landen die sortierten Stangen in Wasserbecken. In einer Stunde sortiert die Maschine etwa 500 Kilo Spargel, so Kühn. Ich stelle mich dazu und bereite die Stangen für den Weg in die Sortiermaschine vor. Mit flinken Fingern legen die Frauen neben mir die Stangen vereinzelt auf das Förderband. Inhaberin Gehrer erklärt, worauf es ankommt: Ich soll darauf achten, dass die Stangen an der richtigen Position liegen, denn sonst fallen sie nicht richtig in die Führungsschienen, die jeden Spargel geordnet in die Maschine befördern. Mich überfordert die Geschwindigkeit des Förderbands, das sich stetig auf die Maschine zubewegt. Nachdem die Erntehelferinnen noch einmal einen Blick auf die Arbeit der Maschine geworfen haben, werden die Stangen von anderen Geräten abgewogen und direkt verpackt oder vorab noch geschält. Die Frauen übernehmen die wenigen Handarbeiten, die in der voll automatisierten Umgebung noch nötig werden.

"Den meisten geht es gut"

In der Halle ist es unangenehm nasskalt. Die surrenden Geräusche der Maschinen erfüllen den zugigen Raum. Plötzlich ruft Gehrer die Mitarbeiterinnen zusammen - alle stellen sich im Kreis um sie. Auf Rumänisch spricht sie mit ernster Miene. Keine der Frauen sagt etwas. Nach wenigen Minuten löst sich der Kreis auf. Eine Unstimmigkeit unter neuen Erntehelferinnen und erfahreneren Frauen sei der Grund für die Standpauke gewesen, erklärt die studierte Betriebswirtin Gehrer. "Das Zwischenmenschliche ist anstrengend", sagt sie. "Wir sind ein Familienbetrieb und wir behandeln alle so. Aber es gibt eben auch Probleme, die geklärt werden müssen." Am meisten treffe sie das Vorurteil, dass Erntehelfer ausgebeutet würden. Im Gegenteil: Wegen der starken Konkurrenz um die Arbeitskräfte müsse sie alles daran setzen, die Menschen zufriedenzustellen. "Den meisten Erntehelfern in Deutschland geht es gut" , meint Gehrer deshalb.

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