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Sammelgrab gibt Geheimnis nicht preis
Sammelgrab gibt Geheimnis nicht preis
09.04.2019 - 00:00 Uhr
Von Markus Koch

Iffezheim - Das große Sandsteinkreuz eines Sammelgrabs an der Mauer des Iffezheimer Friedhofs trägt nicht nur die Namen von drei Kriegsverbrechern, die im März 1947 im Zusammenhang mit den Rastatter Kriegsverbrecherprozessen hingerichtet wurden (wir berichteten), sondern auch die von sechs unbekannten Toten, die im Zeitraum zwischen 1945 und 1953 bestattet wurden. Protokoll einer Spurensuche.

Der erste Blick geht ins Internet, denn das Staatsarchiv Ludwigsburg, eine Abteilung des Landesarchivs Baden-Württemberg, führt eine "Kriegsgäberliste" von öffentlich gepflegten Gräbern, die online einzusehen ist. Auf der betreffenden Liste für Iffezheim vom Dezember 1953 befinden sich insgesamt 23 Namen, darunter Soldaten und Einwohner, die beim Bombenangriff am 6. Dezember 1942 ums Leben gekommen sind. Weiterhin werden fünf Unbekannte aufgeführt, die zwischen dem 5. Juli und 20. September 1945 tot aufgefunden wurden. Im Feld "Bemerkungen" findet sich der Hinweis, dass es sich um "Zivilsterbefälle" handle.

Die Liste wurde am 15. Januar 1973 neu erstellt und umbenannt in "Gräberliste für öffentlich gepflegte Gräber". Was hat es nun mit diesen unbekannten Toten auf sich und lässt sich nach so langer Zeit noch etwas über sie herausfinden? Auf der Liste findet sich in der Spalte "Bemerkungen" der Hinweis, dass der französische Nachforschungsdienst den Gräbern Nummern gegeben hat.

Die Iffezheimer Gemeindeverwaltung ist im vorliegenden Fall erster Ansprechpartner für die Recherche, und Bürgermeister Christian Schmid ist sofort bereit, nachschauen zu lassen, was sich in den Unterlagen zum Friedhof finden lässt. Und tatsächlich gibt es im Archiv des Rathauses eine Liste mit Angaben zu den jeweiligen Fundorten: Am 19. Mai 1945 wurde eine weibliche Leiche rechtsrheinisch oberhalb der Eisenbahnbrücke entdeckt, am 7. Juni 1945 eine männliche Leiche linksrheinisch auf Gemarkung Beinheim und am 5. Juli 1945 eine weitere männliche Leiche rechtsrheinisch oberhalb der Eisenbahnbrücke. Ein Skelett wurde am 29. Juli 1945 rechtsrheinisch auf Gemarkung Beinheim aufgefunden, am 20. September 1945 eine männliche Leiche oberhalb der Eisenbahnbrücke auf Gemarkung Iffezheim. Die sechste unbekannte Leiche wurde am 30. Juni 1953 bestattet, sie ist auf den beiden besagten Listen nicht erwähnt.

Ein interessantes Detail ist in erneut überarbeiteten Friedhofsakten zu finden: Dort werden die Toten als "unbekannter Soldat" bezeichnet, obwohl sie laut der Liste von 1953 "Zivilsterbefälle" sind.

Auf der Suche nach weiteren möglichen Hinweisen ist das katholische Pfarramt die nächste Anlaufstelle. Verstorbene und Bestattungen werden auch in den Sterbebüchern der Kirchengemeinden geführt. Dort ist neben Ort und Datum des Todes auch der Tag der Beerdigung vermerkt. Eine Anfrage im Pfarrbüro ist allerdings nicht von Erfolg gekrönt: "Wir haben zu den Sterbedaten nichts Übereinstimmendes finden können", teilt Pfarramtssekretärin Ottilie Tasch mit.

Vielleicht lässt sich ja über den Heimatverein Iffezheim etwas in Erfahrung bringen. Der Vorsitzende Siegbert Heier war jahrzehntelang Kämmerer in der Renngemeinde. Ihm fällt gleich etwas dazu ein: "Der damalige Standesbeamte Friedrich Greß wollte Mitte der 1960er Jahre herausfinden, was es mit diesen Toten auf sich hat. Es lag die Vermutung nahe, dass die sechs Unbekannten auch erschossen wurden." Also sei Greß nach Rastatt zur französischen Militärverwaltung gefahren. "Dort wurde ihm gesagt, dass man nichts weiß. Als er dennoch weiter nachfragte, haben ihm die Franzosen mit Verhaftung gedroht", erinnert sich Heier: "Das Grab ist immer noch ein Geheimnis."

Ein weiterer profunder Kenner der Iffezheimer Ortsgeschichte ist Kurt Hochstuhl, Leiter des Staatsarchivs in Freiburg. Er hat im Jahr 2009 im Auftrag der Gemeinde eine Chronik über Iffezheim verfasst. Der Historiker hat bei seinen Recherchen zur Ortsgeschichte nichts Näheres über die unbekannten Toten herausfinden können. "Auf dem Iffezheimer Friedhof wurden bereits im 19. Jahrhundert angeschwemmte "Rhein-Leichen" bestattet", erläutert er im BT-Gespräch. Vielleicht handle es sich um solche Rhein-Leichen, vielleicht auch um Personen, die durch Sondergerichte der französischen Militärverwaltung hingerichtet wurden, spekuliert Hochstuhl. In der Iffezheimer Ortschronik ist im Kapitel über den Zweiten Weltkrieg ein älteres Foto veröffentlicht, das zehn große Kreuze auf dem Iffezheimer Friedhof zeigt: "Gräber der im Sandweierer Wald nach Todesurteil des französischen Militärgerichts in Rastatt hingerichteten Aufseher des Konzentrationslagers Natzweiler", lautet die Bildunterschrift. Gab es also insgesamt zehn Kriegsverbrecher, die auf dem Iffezheimer Friedhof bestattet wurden?

Gesichert überliefert ist, dass ursprünglich vier Kriegsverbrecher in Iffezheim bestattet wurden, von denen einer Anfang der 1960er Jahre auf den Friedhof nach Zweibrücken überführt wurde. Bei den anderen sechs Gräbern muss es sich um die unbekannten Toten handeln, die nun gemeinsam mit den drei Kriegsverbrechern in dem Sammelgrab an der Friedhofsmauer ruhen, teilt die Rathausverwaltung auf eine weitere Anfrage des Badischen Tagblatts mit.

Warum die unbekannten Toten ursprünglich auf einer Kriegsgräberliste geführt wurden, lässt sich jedoch nicht klären. Das seit Jahrzehnten ungelöste Rätsel um deren Herkunft wird wohl auch weiter bestehen bleiben.

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