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"Einmal hat er mich sogar umarmt"
18.04.2019 - 00:00 Uhr
Von Sabine Wenzke

Rastatt - Mathias Izbinski schaut die fremde Besucherin an und ergreift kurz die ihm hingestreckte Hand, um sich gleich darauf abrupt abzuwenden. Kein Lächeln erhellt sein Gesicht. Der Blick ist starr, verliert sich in der Ferne - wo immer das auch ist. Der 29-Jährige lebt in seiner eigenen Welt und "hat so seine Laute, um sich zu artikulieren", erzählt seine Schwester Magdalena Koster, Wörter sprechen kann er nicht.

Mathias Izbinski leidet an frühkindlichem Autismus, der im Alter von zwei Jahren und zwei Monaten diagnostiziert wurde und unheilbar ist. Seither wird der Mehrfachbehinderte, der bei seiner Mutter in einer Drei-Zimmer-Wohnung lebt, mit großem persönlichen Einsatz von seinen Angehörigen betreut. Mutter und Schwester sind als rechtliche Betreuerinnen bestellt, Magdalena Koster kümmert sich zudem um den gesamten Schreibkram, der für ihren Bruder erforderlich ist und hat immer wieder mit der Bürokratie zu kämpfen. "Manchmal ist einfach alles zu viel", seufzt die Anwaltsfachangestellte.

Auch ist der Umgang mit Mathias nicht immer einfach. Mutter Margarethe Izbinski fühlt sich müde, erschöpft, ausgebrannt. Die Pflege und die ständige Sorge um den Sohn und was aus ihm wird, wenn sie sich nicht mehr selbst um ihn kümmern kann, treibt die Familie um. "Er ist zwar 29 Jahre alt, aber wie ein Zwei- oder Dreijähriger", erläutert die Schwester. Und seine Stimmung kann schnell umschlagen: Mal ist er sanft, mal aggressiv. Verschärft hat sich die Situation, nachdem der Vater am 28. Dezember 2017 im Alter von nur 64 Jahren gestorben ist - ein weiterer schwerer Schicksalsschlag für die ganze Familie. Marian Izbinski war selbst ein Pflegefall. Zehn Jahre vor seinem Tod musste ihm ein Bein amputiert werden, er war zudem Dialyse-Patient und saß im Rollstuhl. "Der Papa war aber die Bezugsperson für Mathias", erzählt Magdalena Koster und fügt traurig an: "Er ist zuhause im Bett gestorben."

Ihre 63-jährige Mutter sei mit der Pflege alleine überfordert, sagt die junge Frau mit Blick auf die tägliche Belastung. Zwar ist ihr Bruder auch mal zu Besuch bei seinen Schwestern Magdalena und Isabella, die selbst Ehefrau und Mutter eines kleinen Jungen ist, doch eine Rundumbetreuung können beide nicht leisten - Magdalena Koster ist schwanger und erwartet in Kürze ihr erstes Kind mit ihrem Mann. Zwar hilft eine private Pflegekraft stundenweise bei Bedarf, doch das reicht nicht aus. Die 34-Jährige sucht daher dringend einen geeigneten Wohnheimplatz für Mathias - trotz intensiver Bemühungen bisher ohne Erfolg.

Laut Gutachten soll ihr Bruder in ein sogenanntes "Längerfristig intensiv betreutes Wohnangebot" (LIBW). Die Lebenshilfe plant zwar seit Jahren einen diesbezüglichen Anbau mit bis zu 15 Plätzen an das Richard-Kunze-Haus in Niederbühl, auch ein entsprechender Planentwurf sei bereits erstellt, wie Lebenshilfe-Kreisvorsitzender Hasso Schmidt-Schmiedebach erläutert, doch wegen bisher ungeklärter Grundstücksfragen ist das Vorhaben bisher nicht vorangekommen (das BT berichtete). Daher wurde vor einigen Jahren ein Stockwerk in der stationären Wohneinrichtung in Niederbühl vorläufig umgenutzt. Dort wurden sechs LIBW-Plätze für Schwer- und Mehrfachbehinderte geschaffen. "Mathias steht auf Platz 2 der Warteliste, die Chancen, in nächster Zeit dort einen Platz zu bekommen sind bei 0 Prozent", konstatiert seine Schwester, die sich auch schon mit Schreiben an OB Pütsch gewandt und Gespräche mit Landratsamt und der Behindertenbeauftragten gesucht hatte: "Doch die können auch keinen Platz herbeizaubern." Ebenso waren Anfragen in anderen Städten im weiteren Umkreis, eventuell auch für einen Kurzzeitpflegeplatz, nicht von Erfolg gekrönt. Er steht auf einigen Wartelisten, jedoch seien auch dort die Chancen sehr gering. An die 100 Absagen, so schätzt sie, habe sie bisher erhalten.

Und dann erzählt sie vom Alltag mit ihrem Bruder und seinen stereotypen und zwanghaften Verhaltensweisen, den die Angehörigen mit bewundernswerter Geduld und viel Verständnis, aber auch mit viel spürbarer Liebe bewältigen. Mathias hat Kindergarten und Pestalozzi-Schule in Rastatt besucht und ist seit elf Jahren in den Murgtal-Werkstätten in Rastatt in einer speziellen Autistengruppe, die erst vor einigen Jahren ins Leben gerufen wurde. Werktags wird er um 8 Uhr morgens abgeholt und um 15.30 Uhr wieder nach Hause gebracht, am Freitag bereits um 15 Uhr. Es gefällt ihm so gut in der Werkstatt, dass er immer schon am Freitagabend wieder seine Tasche für den Montag packt. "Bei ihm ist alles akkurat", berichtet Magdalena Koster von seinem "Tick". Der Hocker, der gerade verschoben wurde, wird umgehend wieder an den richtigen Platz gerückt, das Foto, das die Mutter vom Tisch genommen hat, um es ihrem Besuch zu zeigen, nimmt er ihr sofort wieder aus der Hand, ebenso ihre Lesebrille und legt sie zurück. Und jede Falte in der Sofadecke wird gleich glatt gestrichen, sobald jemand aufgestanden ist. Auch sein Bett ist akkurat gemacht - auch wenn er es nie benutzt. Er schläft nicht alleine. Früher lag er neben seinem Vater, jetzt neben seiner Mutter. Alles muss so bleiben, wie es war im Tagesablauf. Und er will früh ins Bett - schon gegen 18 Uhr - sonst wird er nervös, sagt seine Schwester. Damit ist auch der Abend für die Mutter vorerst zu Ende. Sie kommt erst zum Abendessen, wenn er eingeschlafen ist - vorher will er oft noch gemeinsam Fernsehen schauen im Bett. Steht sie vorher wieder auf, läuft er ihr sofort hinterher, um sie zurückzuholen.

Fussel etwa an Kleidung oder auf dem Teppich werden sofort entfernt. Manchmal zupft der Junge solange an den Fasern, bis Löcher entstanden sind. "Er hat gute und schlechte Tage", erzählt Magdalena Koster: An schlechten Tagen könne es schon mal vorkommen, dass er beißt oder kneift. "Manchmal lässt er seine Wut auch an sich aus und schlägt sich selbst. An diesen Tagen merkt man auch, dass die Mama mit der Situation überfordert und in dem Moment hilflos ist."

Sein Zimmer ist schön eingerichtet, mit einer Foto-Tapete, die Meer und Strand zeigt, und mit Delfin-Bildern. Die sind vor elf Jahren in Curacao entstanden. "Wir hatten das Glück, über ,Dolphin aid' durch Spenden für zwei Wochen an der Delfintherapie teilnehmen zu können. Sie war damals für Mathias sehr hilfreich und natürlich ein tolles Erlebnis", berichtet die Schwester. Doch die Wirkung ist eben nicht von Dauer und derlei Therapien sind teuer. Aus eigenen Mitteln leisten kann sich die Familie diese Hilfe nicht. Aus dieser Zeit gibt es auch Bilder mit Mathias, wie man ihn sonst nie sieht und was man nicht für möglich gehalten hätte: Er lacht...

Mathias schwimmt und taucht nämlich gerne und geht regelmäßig mit seiner Mutter ins Freibad, sobald die Saison eröffnet ist, berichtet seine Schwester mit einem liebevollen Blick auf ihren unnahbaren Bruder, der so nah und doch so fern ist. "Einmal hat er mich sogar umarmt", sagt sie: "Das war wie ein Wunder. Da war ich den Tränen nah."

Apropos: Neben einem Wohnheimplatz suchen die Izbinskis auch nach ehrenamtlicher Unterstützung für die Ausflüge der Offenen Hilfen, an denen Mathias nur teilnehmen kann, wenn eine Betreuung für ihn allein vorhanden ist. Derzeit findet sich leider niemand", bedauert Magdalena Koster, die zwar schon manchmal der Verzweiflung nahe war, sich aber nicht unterkriegen lässt.

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